daß ich es mit voller Kehls intonirte, geschah ein» fach, weil es mir überhaupt nicht möglich ist, einen Ton leise zu singen. Ich habe dies Lied, weil es mein einziges war, in meiner Jugend unzählige Male gesungen, und daß ich es gestern nach langer, langer Zeit einmal wieder anstimmte — ich habe ja den ersten Vers kaum halb zu Eads gesungen — kam ganz unwillkürlich, jedenfalls ohne die Absicht, mich an dem Wohlklang meiner eigenen Stimme ergötzen zu wollen. Ueber der Estrade, auf der noch die beiden alten, unverrückbaren Thronfeffel stehen, befindet sich, wie Du weißt, das finster blickende Bild des sogenannten wilden Herzogs. Diesem vis-ä-vis hängt, einen Theil eines Wandgemäldes verdeckend, ein anderer Bild, ebenfalls in Lebensgröße. Es stellt, wie uns eine silberne Platte auf dem Rahmen der Bildes meldet, einen Herrn Leopold von Stolzenberg dar, der nach dem Tobe der berüchtigten Gräfin Fichtenberg Besitzer der Schlangenburg gewesen sein soll. Das Gesicht des Herrn nun, der sich, wie er scheint, ä tont prix in dem fürstlichen Ahnensaal einen Platz verschaffen wollte, hat mich schon oft, obgleich er das eines älteren Mannes ist, sehr lebhaft an einen Jugendvekannten erinnert, und ist dis Aehnlichkeit such keine frappante, so ist doch der Ausdruck des Gesichts et» gleicher und namentlich ist ein kleiner markanter Zug um dis Mundwinkel, der bei meinem Bekannten nur sehr selten zum Vorschein kam, auf unserem Bild indessen als ein stereotyper sich darstellt, ganz derselbe. Ich war zu der von Dir erwähnten Zeit mit dem Gasinspektor aus Holzendorf im Rittersaal gewesen, der sich mit dem Versprechen entfernt hat, die Gaseinrichtung an den drei großen Kronleuchtern bis zu Deinem Geburtstags fertig stellen zu wollen, den wir j« in diesem Jahre auf der Schlangmdurg feiern werden. Als ich mich darauf im Saal allein befand und nun zufällig mein Blick auf das Bild des Herrn von Stolzenberg fiel, da stieg plötzlich meine ganze Jugendzeit in — in Hamburg vor mir aus, wo wir in gemüthlichsm Kreise, bei einem Glase Bier oder Wein, fröhlich und guter Dings waren. Wir hatten in abgeschloffenes Zimmer, wo wir ungestört gemeinschaftliche Lieder singen konnten und nicht selten kam es vor, daß ein Rundgssang verlangt wurde, wo dann ein Jeder nach seinen Kräften ein Sololied zum Besten geben mußte.
(Fortsetzung folgt.)
Mn altes Lied.
Novellette von Elise Polko.
(Schluß.)
Da, in einer Nacht ohne Mondlicht und Siernen- schein, wo das graue Antlitz des Winters schon melancholisch durch di? Scheiben blickte, um dem
r einsamen, schlaflosen Manne zuzurufen: „steh mich [ an, ich bin Dein Abbild!" ertönten lebhafre Schläge au die Pforten des Palastes am Arno. Karl Edward horchte auf. Er vernahm bie Schritte der hin- und hereilenden Diener, Stimmen wurden laut — unter ihnen eine lang vermißte, wohlbekannte, fei« Secretär war zurückgek-hrt. „Bringst Du mir mein Kind?!" wollte der Letzte bet Stuart? rufen, die ungeheure Erregung erstickte ihm die Worte in der Kehls, er wollte sich erheben, ihm entgegen zu eilen, chie Füße versagten ihren Dienst. Hatte man ihn denn vergessen?! Zählte man ihn zu den Tobten schon bei lebendigem Leibe, daß Keiner kam. Es dünkte ihm eine Ewigkeit, seit er di- Stimme des H-imgekehrtm auf der Treppe vernommen — und doch hatte er noch nicht Zeit gehabt nach der silbernen Klingel zu greifen, als ein leises Klopsen an seiner Thür ertönte. So klopft keine Mä-nerhand — sein Herzschlag stockte. Ein Rauschen von Gewändern, ein leichter eiliger Schritt und wei weiche Arme, die sich um den Hals des Verlassenen sanft und fest schlingen. Die Stuartaugen, in Thränrn schwimmend, blicken in ein sanftes Frauemrmlitz, aus dem die Jugend längst weggeweht, und eine süße Stimme sagt in der Sprache seiner Heimath: „Ich b n und bleibe bei Dir, mein Vater, um Dich zu lieben und zu pflegen, wie meine Mutter Dich geliebt und gepflegt!"
Es ist in einem glänzenden Salon in der Rue Richelieu in Paris, inmitten einer Versammlung reich geschmückter Frauen und eleganter, vornehmer Männer, wo eben Vittorio Gras Alfirri seine neuesten Gedichte vorgelesen. — Die Einrichtung der Z-mmer- r-ihe ist kostbar — überall begegnet man einer Krone al» Verzierung der Sessel, Spiegel und Bilderrahmen, die silbernen Platten, auf denen die gallonirten Diener Erfrischungen bietrn, tragen sie auch. Aus einem haut pas, auf einer Art von Thronseffel, hat sie Platz genommen, die blonde Gräfin Albany, wo sie stolz und noch immer schön, auf ihre Gäste ntederschaut. Zu ihren Füßen steht das Sammtttabouret des gräflichen Dichters. Der Blick, dm er eben auf seins Herrin richtet, sagt: „Ich gehöre nur Dir mit Leib und Seele!" Du bist und bleibst meine Muse auf Erden!
Eine junge Frau von auffallender Erscheinung, die üppige Gestalt umhüllt von weißen Gewändern von griechischem Schnitt mit rothen und goldenen Borten, den dunklen Kopf mit einem Diadem geschmückt, nähert sich jetzt dem Sitze der Gräfin und da» unschöne Antlitz mit den geistvollen Augen zu ihr erhebend, ries sie: „Ma chero Souveraine, ich habe eine neue Nachricht von meinem Vater erhalten. Der Prätendent in Florenz hat irgendwo au» seiner ersten heimlichen Ehe eine alternde Tochter entdeckt und an'S Licht gezogen — in seinem Palast regiert jetzt eine ehemalige Postulantin irgend eines Klosters, der er den Mel gegeben: Herzogin von Albany und dis alle Welt anerkennt!"


