Es war die berühmte Tochter N«Ser's, Fc-ru von Stae[, dis diese Worte gesprochen.
Em Schatten flog über die Stirn Lomfi's, dis feinen Lippen preßten sich zusammen. Eine Herzogin von Albany lebte also jetzt?! Wunderliche Gedanken und Erinnerungen flogen auf und zogen vorüber. Eine seltsame Pause entstand — viele Augen richteten sich fragend auf das stolze Fcaurnantlitz.
Da neigte sich die Gräfin Albany mit dem be- zanberndsten Lächeln herab zu dem Dichter und sagte mit fester, klarer Stimme:
„Weiter, mein Freund! Wir sind ^unersättlich im Hören 1"
Ja, sie regierte unumschränkt im Palaste am Arno, die stille, ehemalige Postulantin der Klosters der barmherzigen Schwestern, aber ihr Regiment war das des Friedens und der Liebe. Sie pflegte ihren Vater mit der Zärtlichkeit einer Tochter, mit d-r Aufopferung eines liebenden Weibes und ihre sanften Augen, ihre Bitten, ihre unermüdliche Sorge, Geduld und Wachsamte.it verscheuchten und besiegten endlich, nach langem stillen Kampfs, jenen Dämon, der ihn seit Jahren in seinen Händen gehalten. Der Letzte der Stuarts verlernte endlich jenen verzweifelten Ruf nach Lethe, der immer und immer auf seinen durstenden Lippen geschwebt. Ach, er hätte flehen mögen: „Sonne stehe still!" um jene Zeit zu verlängern, die ihm noch in der Nähe feines Kindes zu leben vergönnt.
Leise und demüthig war ihr Schalten und Walten, einfach und doch so vornehm ihr Sein und Wesen und eine unerschöpfliche Fülle von Liebe entströmte ihren Augen, ein neuer Lekhestrom, in dessen Fluthm all' sein Elend versank. Er wurde ein neuer Mensch in den Armen seiner Tochter. Wenn auch der Körper nicht mehr zu erstarken vermochte, denn hier kam alle Hilfe zu spät — so genas doch die Seele und blickte aus den Stuartaugen wiederum mit dem vollen alten Zauber.
Es war, als geleite diese kleine Hand, die in der seinen tag, ihn langsam und fich.r in jene Hei- math, in der feine treue Mary schon so lange seiner harrte.
Mehr und mehr erblaßte das Bild jenes vrr- Wrenschen Leibes, das er so leidenschaftlich geliebt und das ihn verlaffen — und das Köpfchen der Gestorbenen grüßte in Jugendfrische aus Wolken herab, verweht war der Rosenduft und der be- rauschende Orangedlüthenparsüm und nur der reine herzerquickende Blumenathem der blue bell of Sottland wogte und wallte um ihn her. Und Tag für Tag sang der Springbrunnen das Lied vom Prinzen Charlie und Karl Edward schilderte seinem Kinde die siegreichen Tage von Preston und Pans und die Begegnung mit seiner Mary in den Straßen von Edinburgh. Nie wurde die Hörerin dieser Schilderungen müde.
Wie ein guter Genius stand die zarte Herzogin
80
i oi« Mary, zu welchem Rang Karl Edward seine Tochter erhoben, nm ihr nach seinem Tode eine Stellung in der Welt zu sichern, neben dem hinsterbenden Manne. Sie pflegte ihn wie ihr Kmd, sie las ihm vor, fh betete mit ihm, der, ach, wie lange das Beten verlernte, sie bewachte den Schlummer seiner Nächte, der immer ruhiger wurde und sah ein glückliches Lächeln, wie einen Sonnenstrahl, wieder und wieder sein Gesicht ve klären. Stundenlang ruhte der Kranke in einem Sessel im Garten — aber es war kein Schmerz mehr, wenn er ben Springbrunnen das Lied vom Prinzen Charlie summen hörte. Und dann und wann, wenn er seine Tochter bat, sang sie mit schwacher lieblicher Stimme das stolze Lied, das man ihr schon in ihrer Kindheit gelehrt — uns dann strahlten die Stuartaugen in demselben Glanze, wie in jenen ruhmreichen Tagen der Landung an Schottland's Küste. Hin und wieder erschien ein vornehmer Freund aus früheren Zeiten in dem Palast am Arno und war freudig überrascht von jm;r wunderbaren geistigen Wandlung, de der Letzte der Sruarts erfahren. Klar und ruhig dachte er, mild und versöhnlich zeigte er sich, die Vergangenheit war abgethan mit ihren Schatten, sein verfehltes Leben voller Jrrthümer, ma dem glanzvollen Anfang, lag hinter ihm, das ewige Licht brach hell und immer Heller herein und warf einen.Ausdruck von Verklärung auf seine Siirn.
Vier Jahre lang durfte der Letzte der Stuarts noch athmen an dem Herzen seines Kinder. Dann kam ein Frühlingsabend voll Vetlchenduft, wo man ihn noch einmal hinaustrug in den Garten, zu dem Springbrunnen, dessen Sang er so oft in verzweif- lungsvollen Stunden gelauscht. Wir schön war doch der Frühling in Florenz, wie schön war die Erde an dec Seite solcher Tochter I Seine Augen sprachen es deutlicher aus, als seine Lippen. Dann flogen seltsame Schatten über sein G sicht — angstvoll faltete seine engelhafte Pflegerin die Hände um seine erstarrenden Finger — der Springbrunnen summte so laut — noch ein zuckendes Lächeln und dis leisen Worte: „Prince Charlie ia my darling! “ und von dem Letzten des stolzen KöN!g»geschlechks war nicht» mehr übrig als — eins Hand voll Staub.
Von der üppigen Rose, der schönen geistvollen Muse Alfieris, der deutschen Prinzessin Louise Stoll- berg, die auch nach dem Tode des Prätendenten, trotz ihrer Leidenschaft für den Dichter, vorzog, eine Königin ohne Land zu bleiben, statt eine einfache Gräfin Alfierie zu werden, erzählen viele Bücher, von der stillen weißen Blume aber, der Herzogin von Albany, wissen gar Wenige.
Sie entschlummerte kurze Zeit nach ihrem Vater, dessen Pflege sie die ganze Kraft ihres zarten Körpers gewidmet, — nichts zurücklassend als den Lilienduft, mit dem ihre Liebe den L-brnsabend des Letzten der Stuarts verschönte, dem man einst das Lied vom Prinzen Charlie gesungen.
Siebaction: A. Scheyda. v Druck und Perlag der Brühl'scheu Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.


