umarmte und küßte ihn, Erstere reichte ihrem Ge­mahl die Hand und sagte mit gewinnendem Lächeln:

Wir konnten doch unmöglich hier vorüberfahren, ohne Dich, wenn auch nur flüchtig, zu begrüßen."

Und wohin wollt Ihr?" fragte der Geheim- ratb, Alexandra, deren Hand er noch in der seinen behalten, in sein Comptoir führend.

Zur Baronin von Schleiben aus Waldhausen. Dieselbe war, wie Du weißt, lange Zeit verreist, nach ihrer Rückkehr machte sie mit ihrer Tochter uns eine Visite, die wir heute erwidern wollen."

Natürlich hast Du sofort die Baronin und deren Tochter für Deinen Musikoerein zu gewinnen gesucht?" sagte Wolter lächelnd.

Kannst Du noch fragen? In den Adern der Frau von Schleiben und der jungen Baronesse rollt noch echtes Künstlerblut, die Mutter der Baronin war ihrer Zeit eine berühmte Sängerin, deren Stimme sich auf Tochter und Enkelin vererbt hat."

Baronesse Anna ist ein allerliebstes Mädchen", bemerkte Frieda.

Alexandra hatte sich auf einen Lehnstuhl nieder­gelassen. Wolter sah aus seinen dunklen, tiefen Augen eigenthümlich auf sie nieder. Seine Gattin warf einen sekundenlangen verwunderten Blick auf das Gesicht ihres Gemahls, das schon wi-der den gewöhnlichen ernsten ruhigen, von keiner Leidenschaft bewegten Ausdruck zeigte. Hatte sie sich getäuscht? Es entstand eine kurze Pause, in der Wolter die Angen gesenkt * hatte. Nach dieser erhob sich Alexandra, und was sie bis dahin noch nie gethan, sie legte ihrs kleine, von einem feinen Glacöhand- schuh eng umschlossene Hand auf ihres Gatten Schulter und sagte mit Anfangs vibrirender Stimme:

Wie wäre es, lieber Mann uns fehlt für unseren Chor noch eine Baßstimme wenn Du Dich aktiv an unseren Uebungen betheiligtrst?"

Wie? Ich sollte mitsingen?" rief Wolter mit gezwungenem Lachen aus.Wie kommst Du auf diesen Gedanken?"

War ihm der Druck dies r zarten Kinderhand, sie kaum seine Schulter zu berühren schien, lästig? Ec ergriff Alcxandra's Hand und führte sie langsam von seiner Schulter herab. Ein fragender, ver- wuNderter, fast erschrockener Blick seiner Gattin traf ihn. Er führte die Hand an seine Lippen und sie darauf loslassend, sagte er, sich mit der ihm eigenen liebenswürdigen Galanterie, die er stets seiner Frau gegenüber beobachtete, verbeugend:

Diese kleine Hand vermag allerdings sehr viel, wen sie h-ranwinkt, der muß ihr folgen, für den sie sich schützend erhebt, der ist geborgen und wem sie sich auf die Schulter legt, den. hält sie fest und sicher, so daß er ihr mit Leib- nd Seele verfallen ist und Alles thut, was die Besitzerin von ihm ver- langt. Wenn ich mich nun gewaltsam von diesem Joche befreie, so geschieht es, weil es mir unmöglich ist, so lange ich den Druck fühle, Nein zu sagen, und weil ich doch Nein sagen muß, denn ist mir auch jeder Deiner Wünsche ein Befehl, aber dem

eigknm Wunsche, meinem Kehlkopfs eine Stimme zu entlocken, kann ich mit dem besten Willen nicht ent­sprechen."

Glaubst Du denn, lieber Mann, ich würde Dich auffordern, wenn ich nicht wüßte, daß Du eine Stimme hast?"

Ich eine Stimme?"

Ja, Du bist ertappt! Ich habe Dich gehört, wo Du vielleicht von Niemandem gehört zu werden glaubtest, gestern auf der Schlangenburg. Ich war mit dem Kastellan, von dem ich mir dann und wann mit vielem Vergnügen seine köstlichen Gespenster, geschichten erzählen lasse, in der Kapelle. Er hatte wie immer, wenn er Jemanden in der Burg umher­führt, seine Laterne angezündet, und während er nun in diesem halbdunklen Raum mit seiner leisen furchtsamen Stimme mir erzählte, daß von dem Grade der Grästn eine Thür auf einen dunklen Gang führt, auf eine Treppe, die unter dem Todten- tempel endete, da hörten wir in dem Augenblick, wo er bei dem Paffu« von dem wilden, Mädchen- mordenden Herzog angelangt war, der in dem dunklen Gange einen Schatz bewacht und bisweilen int Schloß umherspukt, in ziemlicher Nähe mit starker, prächtiger Baßstimme das Lied ertönen:

Im kühlen Keller sitz' ich hier Auf einem Faß voll Reben."

Grdelmann sank vor Schreck in die Knie, er zitterte wie Espenlaub und mit blmchem Gesicht stotterte er:Ach, mein Gott, das ist der wilde Herzog!" Auch ich war vor Überraschung stumm, aber nur deshalb, weil ich die Stimme sofort er­kannte, weil ich einen Mann mit vollem Brustton singen hörte, von dem ich bisher keinen Ton ver- nommen. Ich ließ den Kastellan mit seiner Angst allein, eilte die Treppe hinauf, die zum Chor der Kirche führte der Chor ist durch einen schmalen Gang mit der Galletie des Rittersaals verbunden, o, tch kenne schon fast alle Schleichwege der Schlangenburg von der Gallerie herab erblickte ich meinen Herrn Gemahl mitten im Saal stehen, und ich war gerade im Begriff, in die Hände zu klatschen und ihm meinen Beifall für den Gesang zu spenden, als ich mehrere Herren in den Saal treten sah, es waren Deine Ingenieure. Natürlich verschwand ich sogleich. So hat mir bis zu dieser Stunde jede Gelegenheit gefehlt, Dir meinen Beifall mündlich auszusprechen. Doch jetzt, mein Herr und Gebieter, wünsche ich, daß Du mir Rede und Ant- wort stehst, warum Du mir einen solchen Schatz in Deinem Kehlkopf so lange verheimlicht hast?"

Schatz in meinem Kehlkopf!" ries Wolter lachend aus.Liebe Alexandra, wenn Du diesen Schatz in der Nähe hörtest, und ich will sehr gern noch ein- mal Probe ablegen, Du würdest vor Entsetzen die Ohren zuhalten, so rauh und hart klingt dieser Schatz. Doch Scherz bei Seite, ich kann wahrhaftig nicht singen, weder nach Noten, noch im Tact. Das Lied, das Du von mir gehört hast, ist dar einzige, was ich je in meinem Leben gekonnt habe. Und