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Hiehener Jamilienblätler.

Belletristisches Beiblatt Mm Gießener Anzeiger.

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Hx, 20. Donnerstag den 16. Februar. 1888

Die oerkorene Wiöel.

Original-Roman in 3 Bänden von Dr. Carl Hartm ann-PlSn.

(Fortsetzung).

Wolter erhob sich und sagte:Lassen Sie mich MSsprechen, mein Fräulein, wie sehr ich es aner­kenne, tr.it welcher Liebe und Treue Sie für Ihre kranke Schwester gesorgt, mit welchem Opfermuih Sie in untergeordneter Stellung sich für den Lebens­unterhalt abgemüht. Ich wage nicht, Ihrer Frau Schwester eine Summe anzubieten, um ihr Loos etwas zu erleichtern, es könnte ihren Stolz verletzen; aber Sie dürfen mich nicht hindern, es indirekt zu thun, indem ich Ihnen eine« anderen Posten an­weise, mit dem ein größeres Einkommen verbunden ist. Herr Brandes, der zumeist nur die auswärtige Corcfepondenz. namentlich auch dir englische und französische führt, geht fort, um selbst ein Geschäft anzufangen, die Stelle w.rd frei, dieselbe ist mit viertausend Mark dotirt, hätten Sie Lust, in dieselbe einznrücken?"

Mein Gott!" rief Auguste freudig überrascht und doch zaghaft nur,ich weiß nicht wenn ich dieselbe nur ausfüllen kann, und wenn"

Bei Ihren Kenntnissen nichts leichter als das! Sie bekommen Ihr kleines Comptoir für sich, und wenn die Bauten in Holzendorf erst recht im Gange und mit der ganzen Kraft in Angriff genommen sind, werde ich mit der Hälft« meines Comptoirpersonals für einige Zeit nach der Schlangenburg übersiedeln, dann würde ich Sie bitten müssen, mit uns zu gehen. Sie be­kommen dort Ihr eigenes Zimmer, und dabei fällt mir ein, wie wohlthäiig es für Ihre Frau Schwester fein würde, wenn dieselbe Sie dahin begleitete. Nicht allein, daß sie sich daselbst vor einem Zu­sammentreffen mit ihrem Gemahl gesicherter fühlen würde, sondern die schöne Waldluft würde ohne Frage ihre Nerven stärken und kräftigen. Nun, was sagen Sie zu meinem Vorschlag?''

lieber die runzeligen Wangen des alten Fräu­leins rannen die Hellen Thränen.

Wie soll ich Ihnen danken!" schluchzte Auguste, die Thränen, deren sie sich fast schämte, mit dem Taschentuche trocknend.Kehrt das Glück wirklich noch einmal bei uns ein? Ach, wie freue ich mich meiner Schwester wsgen! Ja, Herr Geheimrath, sie, die früher von fürstlichem Glanz und Luxus um­geben war, ich weiß es sie hängt noch an diesen gingen, wenn sie in ihrer Bescheidenheit auch nie

einen Wunsch solcher Art geäußert hat, denn sie wußte, daß ich so lange gespart und entbehrt hätte, bis ich ihn ihr hätte erfüllen können. Wie froh wird sie sein, wenn ich ihr ein neues anständiges Kleid, einen neuen Hut kaufen, wenn ich einen kleinen Schmuckgegenstand für sie anschaffen kann! Vier­tausend Mark Einnahme, wie reich wir mit einem Male find! Wir werden es erst lernen müssen, mit so vielem Gelds vernünftig umzugehen. Noch ein­mal, Herr Gcheimrath, nehmen Sie meinen tiefge­fühltesten Dank für Ihre Großmuth!"

Wolter reichte ihr dis Hand.Liebes Fräulein", sagte er,ich habe in dieser Stunde Ihren vor­trefflichen Charakter kennen gelernt, und vor jedem ganzen Charakter habe ich eine unbegrenzte Hoch­achtung. Ich bedaure nur, daß wir uns nicht schon vor Jahren näher getreten sind, es wäre mir viel­leicht vergönnt gewesen, Ihnen und Ihrer Frau Schwester das Dasein etwas früher zu erleichtern. Den erbetenen Urlaub gewähre ich Ihnen selbstver­ständlich, sie scheiden mit dem heutigen Tage aus Ihrer jetzigen Stellung aus und können die neue antreten, wenn Ihrs Frau Schwester Ihres Bei­standes nicht mehr so dringend bedarf. Hoffen wir, daß Sie sich recht bald beruhigen möge, und sollte wirklich das Gefürchtete eintreten, so rechne» Sie unter allen Umständen auf meinen Schutz!"

Schon dies Versprechen wird ihr ihre Ruhe zurückgeben!"

Auguste Brandt entfernte sich, nachdem sie noch einmal ihren Dank ausgesprochen, in größter Eile, um nur so rasch wie möglich ihrer Schwester diese Freudenbotschaft überbringen zu können.

Kaum war sie verschwunden, als Wolter durch das Fenster sah, wie eine elegante Equipage durch die Hinterpforte rollte und vor dem Eingang hielt. Kutscher und Diener waren in reicher Swree. In dem Fond des zurückgeschlagenen Wagens saßen die Frau Geheimrath Wolter und ihre Stieftochter Frieda.

Zweiter Band.

Achtes Kapitel.

Eilig verließ Wolter das Zimmer, ging den Damen entgegen und empfing dieselben an der Ein« t gangsthür, die bereits vom Diener geöffnet war. j Beide waren in gesuchrtoilette, Alexandra in matt j violetter Seide, Frieda in einem Kleide von weißem i Kaschmir. Letztere flog sofort auf ihren Vater zu,