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Gestalt, sein Gang! Es war Körber fast, als ob er die dunklen Augen des Arztes hätte funkeln sehen.
Nur wenige Schritte von ihm entfernt, blieb der Mann einen Augenblick stehen. Er erhob dm Arm und schien einen Gegenstand über die Mauer geworfen zu haben, und dann eilte er weiter.
Körber war überrascht. Was konnte es sein. Hatte er wirklich den Doktor gesehen? Er mußte es wissen, mußte fich davon überzeugen. Hastig folgte er ihm. Er sah die Gestalt zwischen den Gärten schnell weiter gehen. Er beschleunigte seine Schritte. Der Verfolgte mochte ihn hören — er fing an zu lausen. Auch Körber lief. Immer verdächtiger war ihm dar Vorhaben diese« Mannes erschienen. Da stolperte er über einen Stein und fiel. Hastig raffte er fich empor und eilte weiter.
Er hatte die Gestalt aus den Augen verloren. Er verdoppelte seine Eile — vergebens. Sollte der Mann in einen Garten geeilt fein? Es war kaum anders möglich, denn fein Fall hatte nicht eine Minute Verzögerung hervorgerufen. Er eilte zurück — untersuchte die in dir Gärten führenden Thüren — fie waren sämmtlich verschloffen. Wieder eilte er weiter. Der Weg führte auf die Promenade, welche die Stadt umgab und theilte fich dort nach meh- reten Richtungen hin. Welcher sollte er folgen?
Einen Augenblick stand er überlegend still. Wenn e» wirklich der Doktor gewesen war? Schnell ent» schloffen schlug er den zum Thore führenden Weg ein. Athemlos kam er vor dem Thore an. Vor dem Thore zu Prell« Hause hielt er an. Dicht an einen der großen Steinpfeiler lehnte er fich an.
Er war so schnell geeilt, daß der Doktor unmöglich schon vor ihm sein Hau« erreicht haben konnte. Er blickte nach dem Hause hinüber, stimmt- liche Fenster desselben waren dunkel. Regungslos blieb er stehen. Prell kam nicht. Sollte er fich doch in der Gestalt geirrt haben? Er glaubte es nicht, denn sein Ange war scharf. Und doch mußte Prell jetzt heimgekehrt fein, denn länger als eine halbe Stunde stand er bereits neben dem Thore.
Plötzlich tauchte in dem Haufe, in des Doktors Zimmer Licht auf.
„Ha! Er ist auf einem anderen Wege zurück- gekehrt!" rief Körber unwillkürlich leise. „Was konnte ihn zu dieser Vorficht veranlaßt haben? Was hatte er überdies in der kleinen Gaffe zu schaffen gehabt? Was hatte er über die Mauer geworfen? Weshalb war er so eilig geflohen? Alle diese Fragen legte Körber fich vor, ohne eine einzige beantworten zu können.
Und dann wieder mußte er fich fragen, ob et sich nicht in der Person getäuscht habe — es war Nacht! Aber drüben da« Licht in des Doktors Zimmer! Schon nach wenigen Minuten wurde es wieder ausgelöscht.
Immer noch blieb Körber stehen. Mochte dis Nacht auch unfreundlich fein; er empfand e« nicht, so sehr beschäftigten ihn Fragen und Gedanken. Und war war ihm an einer schlaflos durchwachten
Nacht gelegen? Sein Amt als Polizei-Commiffär hakte ihn längst daran gewöhnt. Drüben im Hause in des Doktors Zimmer blieb Alles dunkel.
Langsam schritt er in die Stadt zurück. Unwillkürlich ging er wieder durch die kleine Gaffe. Sie war leer. Er dachte daran, in den Garten zu gehen — er führte ja einen Schlüffe! bei sich — um nach dem hinübergeworfenen Gegenstände zu suchen — es wäre ja in der Dunkelheit em vergebliches Bemühen gewesen und er mochte in dem Hause keine Störung Hervorrufen.
Er ging heim.
Sein erster Gedanke, als er am andern Morgen erwachte, war auf den Vorfall in der vergangenen Nacht gerichtet. Derselbe ließ ihm keine Ruhe. Hastig kleidete er sich an und ging zu dem Hause seiner Verlobten.
Erschreckt kam ihm Anna entgegen. Durch das Fenster hatte sie ihn kommen sehen.
„Weshalb kommst Du schon so früh?" fragte sie.
„Bist Du heute^noch nicht im Garten gewesen?" warf Körber ein.
„Nein", erwiderte Anna erstaunt. „War sollte ich dort?'
„Ist noch Niemand darin gewesen?" fragte Körber weiter.
„Ich glaube nicht — schwerlich. Doch weshalb fragst Du darnach?"
„Komm' — komm' mit, Anna", erwiderte Körber hastig, ohne auf ihre Frage zu antworten, und ging ihr in den Garten voran.
„Was willst Du nur hier?" begann Anna wieder zu fragen, da sie fein Vorhaben nicht begriff.
„Einen Gegenstand suchen, der gestern Abend, als ich von hier fortging, über die Mauer geworfen wurde", und er erzählte ihr mit wenigen Worten den Vorfall, ohne zu erwähnen, daß er den Doktor erkannt zu haben glaubte.
„Und Du hast den Mann nicht erkannt?"
„Nein — nein!" gab Körber zur Antwort. „Nun komm' nm, hilf mir suchen. Dort ungefähr muß es fein — dort an der Mauer zwischen dem Himbeergesträuch."
Den Blick scharf auf die Erde geheftet, gebückt, von Anna unterstützt, durchsuchte er das Gesträuch. Er sand nichts.
„Du wirst Dich getäuscht haben", sprach Anna. „Ich begreife nicht, was Jemand hierher geworfen haben könnte!"
„Ich täusche mich nicht, ich weiß auch nicht, was es ist", gab Körber zur Antwort, „allein wäre e« ein gleichgültiger Gegenstand gewesen, so hätte der Mann nicht nöthig gehabt, so eilig zu fliehen."
Noch einmal durchsuchte er mit genauer Aufmerksamkeit das Gebüsch.
„Halt, was ist das?" rief er plötzlich.
Er bückte sich und hob einen Gegenstand empor. Starr — überrascht blickte fein Auge darauf.
„Ein Portemonnaie! — Berger« Portemonnaie!" ! tief er laut.


