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Lachte Egon, „so eine Art Schmuggel mit meiner Person oder Aehnliches. Immerhin, Onkel, handelt es sich doch im Grunde um Verhütung eines Justizmords."
„Braver Jungel" nickte der Major gerührt, „ist doch etwas Schönes um ein warmes, menschenfreundliches Herz." '
Sie hatten die Stadt jetzt erreicht und wandten sich rasch und schweigend dem Inneren derselben zu, um sich nach dem Jmmendorf'fchen Hause zu begeben.
9.
In schneeweißen, mit Spitzen reich besetzten Gewändern, lag das Freifräulein Irmgard auf ihrem Ruhebett, die blauen Augen unverwandt auf einen Sonnenstrahl geheftet, welcher ruhelos zitternd an den Portrait» vorüberhuschte und wunderbare Reflexe in den Zügen derselben hervorbrachte. Auf einem niedrigen Tischchen stand die reich vergoldete Tafle mit ihrer Chocolade, welche sie bequem mit der Rechten erreichen konnte.
Draußen läutete die Hausglocke, sie horchte auf, da sie genau unterschied, ob es einen Besuch oder ein Geschäft betraf. Ein zufriedenes Lächeln überflog das schmale Antlitz, der kurze, gebieterische Klingelzug verkündete ihr einen Standesbesuch, einen alten Freund, dessen Geplauder der Aermsten ein Labsal war. Rach wenigen Augenblicken meldete Johann den Herrn Baron von Lrrchenheim, und Irmgard streckte dem Eintretenden lächelnd die kalte, wachsbleiche Hand entgegen, welche der Baron ehrfurchtsvoll an feine Lippen zog.
Es war ein alter Hagestolz mit weißem Kopf und verschrumvftem Gesicht, ein früherer Verehrer der schönen Irmgard, welcher von dem ganzen Schwarm Mein ihr treu und ergeben geblieben war. Der alte Herr hatte weder Schönheit noch sonstige Glücksgüter, nur einen untadelhaften Namen und ein Herz voll treuer Liebe besessen, was in den Augen der verwöhnten jungen Dame damals blitzwenig bedeutete. Sie hatte ihn als Anbeter geduldet, und häufig genug zur Zielscheibe witziger Spöttereien benutzt, bis das Unglück kam und mit demselben die Erkmntniß. Da lernte sie den. guten Lerchenheim schätze«, den Mann, der um ihretwillen unvermählt, und ihr, der Hülflosm, Gelähmten, treu geblieben war dir auf den heutigen Tag.
Er besatz weder Witz noch scharfen Geist, verstand aber die Kunst, der Kranken durch sein oberflächlicher Geplauder, das die Stadtneuigkeiten und öffentlichen Geheimnisse der varnchmen Welt zumeist umfaßte, die Zeit angenehm zu kürzen und ein flüchtiges Behagen auf die verbitterten Züge zu zaubern.
Auch Ulrike und Hedwiga sahen den alten Baron gern und freuten sich stets feines Kommens, was regelmäßig dreimal in der Woche stattsand, und regelmäßig eine stillfchmeigende Einladung zu Tisch mit inbegriff.
Der alte Herr, welcher draußen Hut und Ueber- zieher abgelegt, erschien wie gewöhnlich im stahlblauen
Frack mit goldglänzenden Knöpfen, schneeweißer Weste und hohen Vatermördern, untadelhaft, wenn auch nach längst vergangener Mode.
„Guten Morgen, meine verehrte Gnädigste I" sprach er, die Kranke mit einem prüfenden Blick liebender Besorgniß anschauend und dabei einen duf- tigen Strauß selbstgezogener Monatsrosen auf die seidene Decke legend. „Wie haben Sie diese Nacht geruht?"
„Ich danke, lieber Freund, ziemlich gut", versetzte Irmgard, die Blumen ergreifend, „o, wie herrlich, wo haben Sie diese köstlichen Rosen jetzt, im Spätherbste, aufgestöbert?" —
„Selbst gezogen, Gnädigste! — und Sie erlauben mir, hinzuzusetzen, für Sie!" erwiderte Lerchenheim mit einem stolzen Lächeln. „Das Glück war mir dabei insofern günstig, als die Mehrzahl der Knospen sich ziemlich gleichmäßig entwickelte und er mir somit ermöglichte, mit einem Sträußchen zu debutiren."
„Sie find ein ganzer Cavalier, lieber Baron!" nickte Irmgard mit einem zufriedenen Lächeln, „ich danke Ihnen!"
Mit diesen Worten sog sie den Duft der Rosen ein, klagte dann plötzlich über Kopfschmerz und legte fie rasck fort.
„Ach, mein Gott, der Duft ist Ihren zarten Nerven zu stark", rief der Baron erschreckt, „verzeihen Sie meine Unbesonnenheit, theure Gnädigste!"
Er trug die Blumen nach dem großen Tisch, wo er fie fast unwillig hinwarf, als Ulrike in's Zimmer trat. ,
„D, wie schön", sagte sie bewundernd, „die Rosen sind von Ihnen, Herr Baron!"
„Selbst gezogen, für mich natürlich", hüstelte Irmgard, „trage sie fort, liebe Ulrike, der Duft ist mir zu stark, ich habe bereit« Kopfschmerzen davon."
„Ich bin so unglücklich darüber", klagte der arme, zerknirschte Baron, „begehe nichts al» Thor- heilen, — freute mich ganz ungeheuer, als die Knospen heute Morgen fast olle halb aufgeblüht waren, und dachte dabei nicht an die zarte Constitution der Gnädigsten."
Er hatte diese halblaut geflüsterten Worte an Ulrike gerichtet, welche ihn mit einem gerührten Blick anschaute.
„Sie find ein lieber Mensch, Herr Baron!" sprach sie leise, ihm die Hand drückend, „wie danke j ich Ihnen für diese treue Anhänglichkeit, mit welcher Sie die Tage unserer theuren Kranken verschönern und erheitern."
„Kommen Sie doch, Baron 1" rief jetzt Irmgard mit erregter Stimme, welche wie ein scharfer Befehl klang, da jede» Flüstern ihr unerträglich war.
Lerchenheim gehorchte erschrocken, während Ulrike mit einem ungeduldigen Seuszer und einer leichten Falte des Unwillens zwischen den Brauen die Rosen ordnete, um damit das Zimmer zu verlassen. Da traf ein Name ihr Ohr, der sie bewog, sich noch etwas mit den Blumen zu beschäftigen.
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