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chichener Jamiüenblätter.
Belletristisches Beiblatt rum Gießener Anreiger.
Nr. 109. Samstag dm 15. September. 1888.'
Zur Kaufe Jmmendorf. §
Original-Roman von Emilie Heinrichs.
--------- I
(Fortsetzung.)
Der Major blieb stehen und schaute dem Neffen fest in'» Gesicht.
„Dieses mannhafte Wort unterschreibe ich von ganzem Herzen, mein Junge!" sprach er, tief auf, athmend, „und Du wirst mir glauben, wenn ich Dir sage, daß Hauptmann Trllkamp, al» er vom Glück begünstigt worden, sofort beflissen war, sein Lebens« glück zu verwirklichen und sein Wort einzulösen."
„Nun?" fragte Egon, als der Onkel schwieg.
„Man verschmähte die Einlösung, gab da» Pfand freiwillig zurück und verzichtete auf ein Lebensglück, bas jedenfalls jetzt werthlo» erschien."
Der Major stieß diese Worte mit Heftigkeit hervor.
„Und der Grund, Onkel? Fräulein Ulrike von Jmmendorf ist ein zu edler Charakter, um nicht einen vollwichtigen Grund für ihre Handlungsweise gehabt zu haben."
„Nun, es gab freilich einen Grund", lachte der Major bitter auf, „die kranke Schwester bedurfte der Pflege, konnte nicht verlaffen werden, da dieselbe ' den augenblicklichen Tod davon haben könne, und so weiter! Immer diese Schwester, um welche sich Alles drehen wußte, was zu jenem Haufe gehörte, bis auf den heutgen Tag, — deren Selbstsucht Menschenglück geopfert wurde vordem und sicherlich auch noch heute, wenn die jüngste Generation sich'» gelüsten ließe, ihre eigenen Wege wandeln zu wollen."
„Das ist freilich sehr hart", sprach Egon, „und in der That auch grausam genug, um Deine Bitter« keit begreifen zu können, lieber Onkel! Erzähle mir doch nun auch das Lebens «Drama dieser kranken Despotin, deren nähere Bekanntschaft ich in der That wohl machen möchte."
„Wünsche es nicht, Egon!" erwiderte der Major melancholisch, „ich fürchte diese Irmgard wie ein Fatum. — Sie war in ihrer Jugend sehr schön und ebenso stolz, weshalb kein Bewerber Gnade vor ihren Augen fand, der nicht mindesten» die sieben» zinkige Krone ihr bieten konnte. Nun, es kam ein solcher, jener Graf Rüdershausen, ein flotter Lebe« mann au« uraltem Geschlecht, der in Pari« sein fürstliches Vermögen durchgebracht und nun daheim nach einer reichen Gemahlin Umschau hielt. Vielleicht mochte er die Jmmendorf« für reicher halten, al» sie waren, da Herr Kuno, Ulrich» Vater, bereit» gut
darin aufgeräumt hatte. Genug, der Graf verlobte sich eines Tage» ndt der schönen Irmgard und da» Glück war groß, wie Fräulein Ulrike, die Unglück ahnende Kassandra, mir später seufzend mittheilte. Der Hochzeitstag war festgesetzt, Alle» parat zur glänzenden Frier, al» der Bräutigam in der zwölften Stunde auf und davonging. Mit der Myrthe und dem Brautschleier ist die schöne Braut, wie man sich erzählt, noch um Mitternacht in dem winterlich beschneiten Park gesehen worden, wo die Schwester sie ohnmächtig aufgefunden und sie auf ihren Armen in'» Schloß getragen haben soll. Von jener Stunde datirt ihre Lähmung. Die Unglückliche kannte den schlechten Charakter de» Grasen, wußte, daß er sein Hab und Gut verpraßt hatte, daß sie tief unglücklich an seiner Seite werden mußte und trotz ihrer Schönheit nur ihr Vermögen ihn zu der Heirath veranlaßte, und sie trat nicht zurück. Ob sie ihn wirklich liebte? Wer kann ein solches Frauenherz erforschen, war die eigene Schwester nicht einmal vermochte. Thatsache aber tst's, daß die Unglückliche den Jmmendors'schen Reichthum für unerschöpflich gehalten und von diesem Wahne noch bis zur Stunde befangen sein soll. Graf Rüdershausen freilich hatte den wahren Stand der Dinge kurz vor der Trauung erfahren und sich rasch aus dem Staube gemacht. In einem Duell mit dem Freiherrn von Jmmendorf wurde er von diesem schwer verwundet und hei« rsthete nach seiner Wiederherstellung eine häßliche, aber steinreiche Erbin von altem Adel. Das ist dis Geschichte der kranken Irmgard."
„Welche zum Vsrhängniß für die ganze Familie geworden", rief Egon erregt, „denn ist e» nicht das grausamste Vsrhängniß, daß diese durch ihren eigenen Hochmuth an Leib und Seele verkrüppelte Despotin, welche auf die Liebe und Nachsicht ihrer Umgebung so gänzlich angewiesen war, jede Lebensblüthe derselben grausam vernichten konnte, ohne Widrrspnch zu erfahren? — Ich begreife eine solche Schwäche nicht. Möchte in der That die Despotin sowohl, als das gefügige Opferlamm kennen lernen."
„Wohlan, gehen wir gleich dorthin —" versetzte der Major, „Fräulein Ulrike wünscht meinen Bei« stand, ich gab mein Wort und will es halten. Es ist die schickliche Besuchsstunde, und wenn, was immerhin anzunehmen ist, da« Jmmrndorf'fchr Haus polizeilich bewacht wird, um so bester, weil man Dich alsdann in meiner Begleitung sieht und mein Besuch dadurch hinreichend motivirt wird. Begreisst Du dar?"
„O, es beginnt in meinem Kopf zu dämmern",
h Gictztti.


