Da hörte er auch schon seine Großmutter im Wohnzimmer.
Sein Muih hatte sich plötzlich etwas wieder belebt und es wurde ihm nicht gerade schwer, ein unbefangenes Gesicht zu machen, als er nun in das Zimmer trat, seiner Großmutter die Hand reichte und ihr einen Guten Morgen wünschte, worauf sie sich gemeinsam am Kaffeetisch niederließen.
(Fortsetzung folgt.)
Eine Gespenstergeschichte.
Nach dem Englischen.
(Schluß.)
Der Lump fiel auf die Knie:
„Ich hatte keinen Mitschuldigen", zeterte er. „ Seien Sie barmherzig und schonen Sie mein Leben; l ich will auch Alles gestehen. Ich wollte ihm ja nichts zu Leide tlun; kein Haar auf seinem Kopf krümmen; i. seien Sie gnädig und lassen Sie mich laufen."
Blaß und bewegt stand der Vorsitzende auf: •!
„Gott im Himmel, welch' schreckliches Geheimniß § steckt noch dahinter!"
„So wahr ein Herr über uns ist", sprach Jona- r than mit tiefer Stimme, „Mord steckt dahinter."
„Nein, nein, nein! wimmerte Raikes wie ein ge- l schlagener Hund, „nicht Mord; kein Schwurgericht kann Mord daraus machen! Ich wollte ihn nur betäuben .... Todtschlag ist es — o, kein Mord!"
Diese unerwartete Offenbarung brachte Grabes- - stille im Saal hervor, bis der General-Director | sagte:
„Du Unglücklicher hast Dich selbst angeklagt."
„Sie haben mein Geständniß erzwungen und mir Verzeihung verheißen." \
Der Redner antwortete:
„Sie haben ein Verbrechen gestanden, welcher Niemand ahnte und wir weder strafen noch verzeihen können. Ich gebe Ihnen anheim, sich vor den Herren Geschworenen schuldig zu erklären und nichts zu verhehlen. Wann thaten Sie es?" :
Der Elende stand auf und lehnte sich schwer auf den Tisch. Die Antwort drängte sich widerwillig über seine Lippen, als ob ihn der Alp drücke:
„Am 22. September."
Am 22. September? Ich blickte auf Jelf und er auf mich. Aller Blut strömte mir zum Herzen und ich fühlte mich blaß und kalt werden, als mein Freund mir mit bebendem Mund zuraunte:
„Ewiger Herrgott! was hast Du denn im Zuge gesehen?" ....
* * *
Was ich int Zuge sah, ich weiß es bis heute noch nicht und habe mir nie eine Antwort aus diese Frage geben können. Er war, wie er leibte und lebte, der Ermordete, der schon seit zehn Wochen tief unten in einer verlassenen Lehmgrube unter faulenden Blättern
zwischen Blaawaler und Mallingsord moderte. Mein „Gesicht" sprach, bewegte sich und sah aus, wie jener Mann im Leben. Ich hörte, oder schien von ihm die Berichte zu vernehmen, von denen ich sonst nirgends und nimmermehr etwas erfahren haben würde; dar Gespenst auf der Plattform führte zur Auffindung des Mörders und ich wurde ein passives Werkzeug der Gerechtigkeit. Eine Erklärung habe ich nicht ausfindig machen können. Sie bleibt dem Leser überlassen; ich berichte Thatsachen, die man annehmen muß, wie sie dastehen, mit dem tröstlichen Erfahrungssatz: Es geschehen Dinge unter der Sonne, von denen kein Verstand der Verständigen sich etwas träumen läßt.
Was nun schließlich die Cigarrentasche betrifft, so brachte man heraus, daß der Wagen, w rin ich an jenem Nachmittag saß, lange ungebraucht im Schnvpen gestanden hatte und thatsächlich derselbe war in welchem John Dwerrihouse seine letzte Reise machte. Ohne Zweifel hatte er das Etui fallen lassen und es war unbemerkt geblieben, bis ich es fand.
Die Einzelheiten des Mordes kümmern uns nicht. Wer sich darüber unterrichten will, findet sie in dem Selbstbekenntniß des Augustus Raikes. Hier genügt, zu erwähnen, daß der Mörder, der mit den Verhandlungen über die Zweigbahn bekannt war, den Entschluß faßte, seinem Vorgesetzten auizulauern; ihm die halbe Million abzunehmm und sich dann mit dem Raub nach Amerika zu flüchten.
Zu diesem Zweck nahm er ein paar Tage früher, als das Geld fällig war, Urlaub; ein Passagierbillet nach New Aork in dem Dampfer, welcher am 23.°Sep- t-mber abfegeln sollte; versah stch mit einem gewichtigen Todtschläger und erwartete sein Opfer in Black- watrr. Raikes traf Dwerrihouse auf dem Perron mit dem Vorgeben, daß ihn der Verwaltungsrath schicke; er erbot stch ihn auf einem Richtweg nach Mallingsord zu führen; an einem einsamen Ott schmetterte er ihn mit dem Todtschläger nieder; warf die Leiche in die abseits liegende Lehmgrube und bedeckte sie mit Zweigen und Erde. Sonderbarer Weise fürchtete sich der Mörder, nach gethaner Arbeit, Eng« land zu verlassen. Nach seiner Angabe hat er den Director nicht erschlagen, sondern nur betäuben und berauben wollen und wagte später nicht zu fliehen aus Furcht, Argwohn zu erregen.
Der Räuber war in den Vereinigten Staaten sicher, aber der Mörder wäre ausgeliefert worden. Darum ließ er sein Ueberfahrtsgeld im Stich, kehrte nach Ablauf des Urlaubs in fein Bureau zurück und verwahrte die Beute auf gelegenere Zeiten. Es kam ihm zu statten, daß man allgemein der Ansicht war, Herr Dwerrihouse habe sich mit dem Geld aus dem Staub gemacht, obgleich Niemand wußte, wie oder wohin.
Ob nun Raikes mit Absicht seinen Herrn erschlug oder nicht, ist unerwiesen geblieben. Jedenfalls erhielt er die volle Strafe für Mord; denn er wurde in der zweiten Woche des Januar 1857 in Old Bailey gehängt.
Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schm Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.


