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Hiehener Jamilienblätter.
Belletristisches Beiblatt zum Gießener Anzeiger.
Rr. 57.Dienstag dm 15. Mai. ~~~ 1888^
Aer Kröe des Kaufes.
Roman von Hermine Frankenstein.
(Fortsetzung.)
Olla beobachtete ihren Vormund, suhlend, daß sie auf ein Geheimniß in seinem Leben gestoßen sei, das er vor menschlichen Augen für immer hatte verborgen halten wollen.
„Ihr habt eine Person gleichen Namens gekannt?" fragte Olla. „Das könnte Aufklärung geben über die Herkunft des unglücklichen Mannes.''
„Nichts da — ich kann nichts aufklären. Die Person, die ich kannte, war kein Mann, sondern eine Dame in ärmlichen Verhältnissen."
„Kann dieser junge Mann nicht der Sohn dieser Dame sein?"
„Möglich, jedoch sehr unwahrscheinlich. Auf jeden Fall will ich diesen Mann besuchen, und zwar morgen Vormittag schon, ob er der Dame ähnlich steht — im Uebrigen geht mich die ganze Sache nichts an."
Gower ging mit hastigen Schritten auf die Thüre zu, drehte sich jedoch an der Schwelle nochmals um. „Morgen Vormittag werde ich diesen jungen Menschen besuchen, aber nur dieses eine Mal, ich will ihn dann nicht wieder sehen. Ihr mögt ihm Besuche abstatten, so viel Ihr wollt, ich will kein Hin- derniß dazwischen legen, aber eines setze ich unum- stößstch fest: Von morgen an will ich den Namen nie wieder ausgesprochen hören und in k-iner Weise will ich jemals daran erinnert werden."
Schallend warf er die Thüre hinter sich zu.
„Mein Gott, wie seltsam dieses Betragen ist", murmelte Olla. „Ec hat seine ganze Selbstbeherrschung verloren. Wenn mich nicht Alles täuscht, bin ich da irgend einem Geheimniß im Leben des Herrn Deverevx Gower auf der Spur. Warum will er diesen Namen nie wieder hören? — Warum war er so entsetzt? — Das ist seltsam, sehr seltsam!"
Neuntes Kapitel.
Herr Gower besucht Tresstlian.
Herr Gower blieb bei seinem Entschlüsse, Jasper Lowder bei den Vieini's zu besuchen und in Folge dessen wurde am nächsten Morgen nach dem Früh- stücke der Wagen in Bereitschaft gesetzt.
Olla eilte auf ihr Zimmer, um sich zu dem Aus- fluge anzuklstden; der Wagen verließ langsam den Garten,
l Die Fahrt in der milden Lust und schönen Ge- ; gend war sehr angenehm. Aber Herr Gower schien - sich von derselben nicht besonders angeregt zu fühlen; l er saß in tiefe Gedanken versunken da und daß diese ' Gedanken nicht sehr angenehm waren, bewiesen seine - finster gefurchte Stirn, die tiefliegenden Augen und i die scharten Linien um den Mund.
„Er steht verstört aus und offenbar hat ihn eine i Erinnerung an die Vergangenheit heute Nacht nicht ruhen lassen", dachte Olla. „Sein Geheimniß steht £ in Verbindung mit Jasper Lowder, welcher Art k mag es fein?"
1 Der Wagen hielt plötzlich am Fuße bc§ Felsens, f auf welchen die Hütte der Vieini's gebaut war.
Kriggrr sprang vom Bocks und öffnete die - Wagenthüre.
«Es wird nothwendig sein, zu Fuß hinauf zu 1 gehen, Herr Gower", sagte er. „Es ist keine Fahrstraße in dem Fellen."
Herr Gower warf einen prüfenden Blick über s den Felsen. Er war ebenso wenig ein Freund von ! körperlicher Anstrengung als Krigger, aber da er l in diesem Falle keinen anderen Ausweg sah, stieg er i aus und reichte Olla seine Hand.
Das junge Mädchen berührte dieselbe leicht, sprang - heraus und lief die Anhöhe hinauf.
Die Andern folgten ihr langsam.
Als sie die Sp-tzr des Felsens erreicht hatte, ! schaute Olla um sich, in der Erwartung, Guy wie 1 am vorigen Tage auf dem Felsen sitzend zu sehen, j Aber er war nicht da.
Die Fenster und Thüren des kleinen Hauses waren offen, und die Stimme von Frau Vieini, die \ bei ihrer Arbeit sang, drang zu den Ohren des i jungen Mädchens.
I Olla näherte sich der kleinen mit Wein umrankten Thür und klopfte an dieselbe.
Frau Vieini erhob sich augenblicklich und ihr frisches, junges Gesicht erheiterte sich, als sie ihren | jungen Gast vom vergangenen Tags erkannte.
„Guten Morgen, Signora I" rief sie lächelnd. „Ich erwartete nicht, daß Ihr so bald wiederkommen werdet! Wollt Ihr eintreten?"
„Ich danke Euch, Signora, nein", sagte Olla. „Mein Vormund ist bei mir. Ich habe ihm gestern Abend von Eurem unglückseligen jungen Pflegling erzählt und er interesfirt sich sehr für ihn. Er ist mit mir gekommen, um ihn zu sehen."
„Ach, das ist schön!" sagte Fran Vieini. „Aber", fügte sie zweifelnd hinzu, „vielleicht sollte ich den | armrn Engländer nicht so vielen Fremden zeigen-
in Gicßc».


