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(Gießener Mmilienblätter.
Belletristisches Beiblattzum Gießener Anzeiger.
Dienstag den 14. August.
Nr. 95.
1888
Aer Kröe des Kaufes.
Roman von Hermine Frankenstein.
(Fortsetzung.)
Der Inhalt des Briefes, auf dünnes, blaues Papier in schlechtem Italienisch geschrieben, lautete in der Uebersetzung wie folgt:
Neapel, den 7. Drcember 1867.
An den jungen Sir Tresolino. Ich muß schlimme Nachrichten mittheilen. Ihr erwartet wohl kaum vor Ablauf einer Woche von mir zu hören und werdet keinen Brief unter der falschen Adresse in Glocester suchen. Und in einer Woche kann Alles verloren sein. Die Räuberbande des rothen Carvrlli ist zerstört. Ihre geheimen Schlupfwinkel sind entdeckt. Der rothe Carvelli ist tobt. Und das Schlimmste von Allem für Euch und für mich, E r ist entflohen! Die junge Engländerin ist seine Beschützerin. Sie sind nach England gegangen. Laßt Euch warnen. Seid auf Eurer Hut. Ich will mit derselben Post unter der falschen Aoreffe an Euch in diesem Briefe einen Plan mittheilen, sich seiner auf immer zu entledigen. Empfangt, Mylord, den Ausdruck der höchsten Verehrung von Eurem ergebensten Diener
Jacopo Palestro.
Sir Arthur las diesen seltsamen Brief einige Male durch. Er prüfte den neapolitanischen Poststempel und studirte die Handschrift, während er über den Inhalt nachsann.
Er verstand natürlich, daß btt Brief nur für Lowder's Augen allein bestimmt gewesen war. Aber er bedauerte nicht, ihn geöffnet zu haben. Im Gegen- theile, er glaubte, daß dieser Brief ihm zu irgend einem Schluß bezüglich des Charakters feines vermeintlichen Sohnes verhelfen werde.
„Es ist sehr sonderbar", sagte er zu sich selbst. „Guy empfängt also von diesem Menschen unter einer falschen Adresse Briefe in Glocester. Das muß geschehen, weil der Italiener etwas schreibt, war Guy nicht hierherkommen zu laffen wagt. Was kann es sein?"
Er überlegte diese Frage reiflich und eingehend und konnte nur zu dem Schluffe kommen, daß diese Briefe sich auf das Geheimniß bezogen, welches, wie er fest überzeugt war, irgendwo in der Vergangenheit seines vermeintlichen Sohne» wurzelte.
„Guy hat irgend etwa» gethan, wofür er das Stillschweigen dieses Palest.o erkaufen muß", dachte er. „Aber was haben Räuber mit meinem Sohne zu thun? Kann er fein Freund gewesen sein? Und
wer ist der Er, welcher entflohen ist? Und warum bedroht seine Ankunst in England Guy mit Unheil? Ist er Theilnehmer an irgend einem Verbrechen mit meinem Sohne? Kann Guy vielleicht heimlich ge« heirathet haben, während er auf Reisen war? Worin besteht di-se» Geheimniß?"
Das Problem, welches Sir Arthur beschäftigte, war dunkel und schwierig genug. Eine Zeit lang marterte es die Seele des edlen Baronets. Endlich unfähig, die Unthätigkeit länger zu ertragen, packce er feine Briefe und Papiere zusammen, schickte Blanche den für sie angenommenen Brief und begab stch in die Einsamkeit seines Studirzimmers.
Dort vertiefte er stch wieder in bett Inhalt des Briefes, den er auf so seltsame Weise aufgefangen hatte.
Aber wie sehr er auch darüber grübelte, er konnte den unheimlichen Sinn desselben nicht herausbringen. Noch hatte kein Funke von Argwohn seine Seele ergriffen; noch ahnte er die Wahrheit nicht. Mehr al» je fühlte er den Druck auf seinem Herzen und Gehirn und er litt doppelt unter dem Vorgefühl eines kommenden Unheils. Kalter Schweiß trat ihm auf die Stirne. Sein Körper zitterte. Ein Gefühl namenlosen Elends bemächtigte stch seiner.
„Wie Guy stch seit den alten Tagen v rändert hat", dachte Sir Arthur trübe. „Wir ungleich seine Empfindungen denen sind, die er in seinen Briefen ausdrückte. Die Veränderung in ihm wird mir täg- lich und stündlich klar. Warum habe ich ihn auf Reisen geschickt? Warum ließ ich ihn so lange fort« bleiben? Ich glaubte, daß er meine kleine Blanche nur um so mehr lieben werde, wenn er sie nicht sehen würde, al» bis er zum Manne herangereift war. Ich glaubte, daß, wenn sie sich in ihrer Jugend oft sehen, ihre Liebe nur eine geschwisterliche sein werde. Und doch wünschte ich jetzt von ganzem Herzen, daß sie sich nur so betrachtet hätten. D-eser Mann, obgleich er mein Sohn ist, ist eines holden, reinen, edelherzigen Mädchens nicht würdig.
Und sie hält ihn für edel, obgleich irrend, und fühlt ein Mitleid für ihn, das alle anderen Empfindungen leitet. Sie kann nicht vergessen, was er gewesen ist. Ich kann sie ihm nicht geben; und doch kann ich ihre Heirath nicht verhindern und so ihre leidenschaftliche Anbetung für ihn vernichten! Was soll ich thun?"
Er bedeckte das Gesicht mit den Händen und saß ; stumm und regungslos da.
' Die Zeit verging. Die Steine Standuhr über dem Kamin schlug die zehnte Stunde. Dann stand
l Gießen.


