331

vergangene Woche entfloh sie ihrem Vormunde und nahm den blödsinnigen Engländer mit sich; sie reiste mit ihm nach England ab. Sie verließ Sicilien in einer Fischerbarke mit ihren beiden Dienern und dem Unglücklichen/ -

Lowder unterbrach ihn mit einem Entsetzensschrei. Sie sind auf dem Wege hierher?" keuchte er. Sie kamen nach Neapel", sagte Palestro ruhig. Sie stiegen in dem Gasthofe zum Vesuv ab. Am nächsten Morgen sagte Giuditta sie ist gar schlau und pfiffig, meine Giuditta der jungen Englän­derin, daß sie von ihrem Vormunde in Neapel ge­sucht werde und beredete sie, ihre Reise über Ter« moli auf einer anderen Seite fortzusetzen. Die junge Dame willigte ein. Sie reiste mit ihrer Freundin nach Termolt ab; ungefähr auf dem halben Wege dahin wurde ihr Wagen von Räubern überfallen und die ganze Gesellschaft gefangen genommen. Sie sind auch jetzt noch dort!"

Lowder trocknete den Schweiß von der Stirn.

Dieser rothe Carvelli ist Euer Schwager?" fragte er.

Ja, er thut Alles, was ich sage. Wenn ich sage, laß den armen Engländer leben, wird er es thunl Wenn ich sage, tödte ihn, gehorcht er!"

(Fortsetzung folgt.)

Episoden und Anekdoten aus dem Leöen Kaiser Friedrichs.

ii.

Es war im Jahre 1865. Auf der Promenade der Bades zu Karlsbad schritten die Badegäste, die sich hier Genesung suchen wollten, auf und ab und lauschten der Musik, die fröhlich vom Kurhause-her- überschollte. Unter den Spoz'ergängern befand sich auch ein Herr, der von ollen Seiten ehrfurchtsvoll begrüßt wurde und deshalb einsamere Wege aufsuchtr.

Da fühlte er sich plötzlich am Rockschoße erfaßt. Er blickte sich um und sah ein blasser Mädchengestcht, dar flehend zu ihm emporschaute.

Wer schickt Dich betteln, mein Kind?" fragte der Fremde.Meine kranke Mutter!" antwortete die Kleine.

Wo ist Dein Vater?"

Der ist tobt. Ach, uns hungert so sehr!" setzte sie schluchzend hinzu. Der Herr, der schon seine Börse gezogen hatte, steckte sie wieder ein.

Führe mich zu Deiner Mutter, Kleine", sagte er, und folgte dem Mädch n, das ihn durch mehrere Straßen und Gassen bis zu einem kleinen, baufälli­gen Hause führte.

Hier wohnen wir, Herr!"

Sie schr-tten zwei schmale, alte, knarrende Trep­pen hinauf. Dann öffnete die Kleine eine Boden« thür und der Herr hatte nun einen Einblick in eine halbfinstere, unheimliche Dachkammer; der Verschlag war feucht und kalt, und in der Ecke lag auf

ärmlichem Lager eine junge Frau, der das Unglück in den Augen zu lesen war. Sie richtete sich stöh­nend auf, als der F-emde eintrat.

O, Herr Doktor", sagte sie,es ist nicht recht, daß meine Tochter Sie heimlich gerufen hat. Ich habe keinen Heller und kann nichts bezahlen."

Der fremde Herr winkte einen Diener herbei, der ihm gefolgt war, und sagte ihm einige Worte, worauf dieser sich sogleich entfernte.

Haben Sie Niemanden, der für Sie sorgt?" fragte er dann.

Ich habe keinen Verwandten, der sich um mich kümmern könnte, und meine Wirthsleute sind selber arm. Mein Mann war Arbeiter. So lange er lebte, ging es gut; seit er tobt ist, habe ich Tag unb Nacht gearbeitet, um uns zu ernähren. Dann wurde ich krank, und so kamen wir in Noth und Elend."

Der Herr gab dem Mädchen Geld.Geh', hole Brot und Wein!" Schnell eilte da» Mädchen davon und kehrte bald mit freudestrahlendem Gesicht zurück, i ein Brat im Arm und eine Flasche Wein in der Hand.

Das lohne Ihnen Golt!" sagte die Frau m«t j Thränen in den Augen.

Da trat ein Arzt ein, den der Diener herbeige, rufen harte. Ehrfurchtsvoll verneigte er sich vor dem fremden Herrn, der diesen Augenblick benutzte, um still eine Kassenanweisung auf den Tisch zu legen und sich dann unbemerkt zu entfernen.

Der Arzt untersuchte den Zustand der Kranken, x gab seine Verordnungen und bemerkte, daß er seinen ! Besuch jeden Tag wiederholen werde. Wegen der \ Zahlung dürfe sie sich keine Sorge machen, zumal er sogar die Anweisung habe, die Rechnung in der : Apotheke zu bezahlen.

Wer war der Fremde?" fragte die Frau.Ich hielt ihn für einen Arzt."

Das war der Kronprinz von Preußen!"

Da faltete die Frau still ihre Hände und richtete aus innigem Herzen ein Dankgebet zu Dem, der die Geschicke der Menschen zum Besten lenkt.

(Fortsetzung folgt.)

Vermischtes.

Römische Särge. Dieser Tage ist, wie das Mnzr. Tgbl." berichtet, in Mainz ein dritter Stein­sarg auf beni Reuleaux'schen Terrain aufgedeckt, bis jetzt aber wegen der erst nothwendigen Abgrabungen noch nicht geöffnet worden. Der erste dieser durch die Güte des Commerzienraths Reuleaux dem Museum überwiesenen, vorläufig im Schloßhof aufgestellten Sarkophage bietet nach verschiedenen Seiten ein besonderes Jntereffe. Derselbe hat sehr ansehnliche Raumverhältnisse: er ist 2,26 Meter lang, 83 Centi- meter breit und 70 Zentimeter hoch; bisher in solcher Form im Museum nicht vertreten ist der schöne gewölbte Sargdeckel, welcher an Stelle der häufiger, auch an einem der Särge in der Neuen Anlage vorkommenden viereckigen Akroterien (in der Form