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Er überlegte, ob iS nicht beffer wäre, die Liebenden für einige Minuten allein zu taffen. Dann stand er hastig auf und entfernte sich unter einem Vorwande. Er war kaum einige Augenblicke fort, als der Diener mit einem Briefe eintrat.
„Für Herrn Guy", sagte er, sich Lowder nähernd. „Er wurde von einem fremden Manne abgegeben."
Lowder nahm den Brief und wandte seine Blicke Blanche zu, welche, wie er sah, in tiefes Nachdenken versunken war.
Dann entließ er den Diener und blickte in die von Palestro geforderte Aufforderung. Bei dem Anblick des darunter gestellten Namens schien er zu Stein zu erstarren. Sein Gesicht wurde geisterhast blaß; seine Augen traten weit hervor in wildem Entsetzen, harte Linien prägten sich um seinen Mund aus, und seine Hände zitterten, daß das Papier, welches er in denselben hielt, raschelte. Ihm war, als ob er das Medusenhaupt erblickt hätte.
Ehe er noch Zeit hatte, seine Selbstbeherrschung wieder zu gewinnen, und während er sich noch ganz betäubt sühlte von dem Stoße, den seine Pläne durch diese unerwartete Wendung der Dinge erlitten hatten, kam Sir Arthur zurück, und als er ihn so stehen sah, wie versteinert vor Entsetzen, rief er erstaunt aus:
„Hast Du unangenehme Nachrichten erhalten, Guy?"
Lowder fuhr wie aus einer Betäubung empor. Er versuchte zu lachen; aber er konnte nur ein ganz schwaches Lächeln auf seine bleichen Lippen zwingen.
Nein — nein; es sind keine unangenehmen Nachrichten", murmelte er in hartem, erzwungenem Tone. „Es ist nur ein unverschämter Bettelbrief I"
Er zerknitterte den Brief hastig in seiner Hand und warf ihn in's Feuer. Str Arthur sah ihn bestürzt an.
„Mein Sohn", sagte er freundlich, „ein gewöhnlicher Bettelbrief konnte Dich nicht so beunruhigen I - Was ist geschehen?"
„Ich sage Dir — nichts!" erwiderte Lowder heftig. „Ich habe einfach einen Anfall von Schwindel. Seit meinem Schiffbruchs bin ich demselben unterworfen. Die frische Lust wird mir gut thun", fügte er hinzu und verließ hastig das Zimmer.
Blanche, welche den ganzen Auftritt erstaunt zugesehen hatte, entfernte sich durch eine andere Thür und suchte ihr Boudoir auf.
In der Halle setzte Lowder hastig seinen Hut auf, nahm seinen Oberrock und eilte aus dem Hause. Sir Arthur, welcher im Salon am Fenster stand, sah, wie sein vermeinter Sohn schnurstracks auf den Park zueilte und sah auch die Gestalt Palestro's aus dem Schatten auftauchen und ihm entgegenetlen.
Der Baronet wußte nun, daß der Brief eine Aufforderung gewesen war. Er wußte, was er früher nur unklar geargwohnt hatte, daß in dem Leben des Mannes, der ihn Vater nannte, und der die Liebe der unschuldigen Blanche gewonnen hatte, ein Geheimniß verborgen war.
Aber, fragte er sich, was ist das für ein Geheimniß ?
Während er über diese für ihn so peinliche Frage grübelte, war Lowder in den Park eingetreten, in welchen sich Palestro wieder zurückgezogen hatte. Er ging einige Schritte auf dem breiten Kieswege vor und sah sich dem Exschreiber von Palermo gegenüber.
Palestro streckte grinsend seine Hand aus.
„Ich bitte um Entschuldigung für mein Kommen, Mylord Str Tresolino", sagte er in demüthigem Tone. „Aber es war notwendig, daß ich Euch unverzüglich sehen mußte."
„Was? Ist er — der Blödsinnige, entflohen?"
„Nein, Mylord, er ist ganz sicher."
„Warum seid Ihr dann hier?"
„Ich kam, um mit Each über den armen Signore zu sprechen."
„Er -=■ ist also wieder zu Verstand gekommen?"
„Nein, Mylord, er ist blödsinniger als je. Der gute Doktor Spe zo sagt, daß er unheilbar ist."
Lowder's Gesicht war farblos gewesen; seine vor Angst weit geöffneten Augen brannten von einem wilden Feuer. Jetzt kehrte etwas Farbe in sein Gesicht zurück und fragte:
„Wieso habt Ihr mich aufgesucht?"
„Ich kam heute Morgen in Glocester an und fragte nach einem Sir Tresolino. Niemand konnte mir Auskunft geben. Ich ging auf das Postamt. Der Beamte konnte mir nichts sagen. Ich fragte nach einem John Harro lle ; der Beamte wußte auch von diesem nichts. Da verkleidete ich mich etwas und wartete. Da Ihr längst einen Brief von mir haben solltet, kamt Ihr, wie ich es erwartete. Ich folgte Euch die Straße hinab bis zu Eurem Wagen. Ich lief dem Wagen nach bis hierher — und hier bin ich."
„Und warum habt Ihr den weiten Weg nach England zurückgelegt, um mir zu sagen, daß der Zustand des Blödsinnigen unverändert ist?" fragte Lowder.
„Es sind Ereigniffe vorgefallen, seit Ihr in Sici- lien wäret, Signore", sagte Palestro, die Frage vorderhand nicht beachtend. „Der Mann meiner Verwandten, Signora Vicini, ist tobt. Theresa ist nach Catanien gegangen zu ihrer Familie und der Eng- länder, — der Blödsinnige, hat ©teilten verlassen!"
„Stellten verlassen I Großer Gott!"
„Auch ich habe Sieilien verlaffen", sagte Palestro beruhigend. „Ich habe ein schmuckes Mädchen ge- heirathet, die Besitzerin eines Gasthauses, Signore. Ihr habt vielleicht von Giuditta Carvellt schon gehört ? Sie ist eine Schwester des als Räuberhauptmann berüchtigten rothen Corvelli!"
„Was kümmert das Alles mich? Ich will von ihm wiffen!"
„Ich komme schon zu ihm. Er erwarb eine Freundin in Stellten — eine junge Engländerin, ein so herrlich schönes Mädchen, Signore, daß man es anbeten könnte! Sie hatte ein weiches Herz, und


