(Gießener AmilienbMler.
Nr. 69.
Belletristisches Beiblattsum Gießener Anzeiger.
Donnerstag dm 14. Juni.
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1888
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Aer Kröe des Kaufes.
Roman von Hermine Frankenstein.
(Fortsetzung.) ?
Alles war Jarper Lowder geglückt. Er hatte sich ruhig auf Guy Tressilian's Platz festgesetzt und > genoß Reichthümer und Ehren im Ueberfluß. Die alten Freunds und Nachbarn Sir Arrhur's, welche \ aus den ersten Familien des Landes bestanden, • kamen, um ihn zu besuchen. Und er erwiderte diese ' Besuche in Begleitung B'anche's und Sir Arthur's, : Bälle und F-stmahle wurden ihm zu Ehren veran- , staltet und überall war er der Held des Tages.
Aber obgleich seine schlechten Pläne gelungen ■ waren, gab er doch Augenblick' — besonders in der - einsamen Nacht, wenn er im Bett lag und die - Schatten irm ihn her voll düsterer Gespenster waren ] — wo Angst und Gewissensbisse sich seiner brmöch- '■ tigten. Er war ncch nicht so ganz vertraut mit der > Schuld, um vollkommen unempfindlich gegen die Ge- i wissensbiffe zu sein. Zuweilen dachte er an dm | armen Guy Tressilian — an den edlm, großmüthi- i gen und guten Guy, der zu einer furchtbaren Existenz, z in einem fremden Lande schmachtend, verdammt war; | und in solchen Momenten wünschte der Eindringling f aus tiefster Seele, daß Guy Tressilian unverletzt | zurückgekommen wäre und daß er ole sein Freund | und Begleiter mit ihm hätte kommen können.
Aber dennoch dachte Lowder nicht einmal daran, seinen Betrug ein »gestehen und den Sohn des Ba- ronets zu seinen grtunbtn zurüchubringen. Er schätzte den Wohlstand und Ueberfluß im Trrsstlian- Hose zu sehr, um ihnen so leicht zu entsagen. Und jetzt liebte er die schöne Blanche Jrby mit einer Gluth und Stärke, die j?de Feber seines Wesens oufregte. Um sie zu seiner Gattin zu machen, wäre er willig gewesen, seine Seele für alle Zeilen zu verkaufen und zu seinen jetzigen Fälschungen Verbrechen hinzuzuiügen, deren er sich noch vor einem Monat für unfähig gehalten hatte.
So vergingen zehn Tage.
Eines Morgens bald nach dem Frühstücke, als Sir Arthur sich mit dem Verwalter in das Studir- zimmer zurückgezogen hatte, um Rechnungen durchzusehen, und Blanche im Treibhause mit dem alten Luke bezüglich der Winterpflanzen eine Unterredung hatte, ließ sich Jarper Lowder sein Pferd satteln und ritt in der Richtung nach Glocester fort.
Seine Ansicht war, einen Brief von Jocopo Pa- leflro, dem Schreiber von Palermo, abzuhylen, welchen
er mit Bestimmtheit unter seiner solchen Adresie in der genannten Stadt zu finden hoffte.
Der W-g führte Lowder zumeist den Severn entlang. Der Morgen war nebelig und durch den grauen Dunst waren die Umriffe der Landschaft nur schwer zu erkennen.
Aber Lowder kümmelte sich wenig um die Gegend um ihn her. Er war in seine eigenen Gedanken vertieft und diese waren, wie man aus dem Charakter und der gegenwärtigen Stellung des Mannes schließen konnte, sehr angenehm. Ein ziemlich scharfer Ritt von zwei Stunden brachte Lowder nach Glocester.
Er ging in einen Gasthof, stellte dort sein Pferd ein, schlenderte dann auf die Straße hinaus und erkundigte sich nach dem Wegs zum Postamte. Als er bei demselben angelangt war, blieb er einen Augenblick stehen, um seinen Rockkragen hinaufzuschlagen, so daß der untere Theil seines Gesichtes verborgen blieb und sich die Mütze so hinunterzuschlagen, daß seine Stirn sammt den Augen vollkommen bedeckt war.
Da der Tag sehr unfreundlich und düster war, fielen diese Veränderungen in seinem Aeußeren gar nicht auf und überdies hatte er sich durch dieselbe gänzlich unkenntlich gemacht.
Er trat in das Bureau ein, wo die Briefe ausgegeben wurden und fragte mit heiserer, verstellter Stimme nach einem Briefe für John Harrville.
Wie Lowder es erwartet hatte, war ein Brief für ihn da. Er nahm denselben und eilte damit wieder in die kothigen, nebligen Straßen hinaus. Ein kleiner, ärmliches Kaffeehaus, das sich in der Nähr befand, zog Lowder's Aufmerksamkeit auf sich. Er ging in daffelbe hinein und fand in einer entfernten, unbenutzten Ecke einen kleinen Tisch. Er setzte sich an denselben und bestellte sich etwa« zu effen. Während man da« Bestellte bereitete, öffnete er seinen Brief und überflog hastig den Inhalt.
Er war von Palermo datirt und mit dem Namen „Palestro, Schreiber", unterzeichnet. Er war italienisch und schlecht geschrieben, aber e« gelang Lowder, denselben zu entziffern.
Er berichtete, daß der arme, unglückliche junge Engländer Signore Lowder in demselben beklagens- werthen Zustande war, in welchem ihn Milord Tre- selino zuletzt gesehen hatte. Es bekommt ihn gar Niemand zu sehen, außer eine gutherzige Engländerin, die zweimal bei ihm war, und welche, wie es heißt, auch wahnsinnig fein soll, die Aermste. Er hatte nur ein einziger Mai das Vorgebirge verlassen


