Aieljeiier Aamiüenbläüer.

Belletristisches Beiblatt zrrm Gießener Anzeiger.

Zir. 6-

SamsLsg den 14. Januar.

"1888.

Aie verkorene Bröek.

Original-Roman in 3 Bänden j

von Dr. Carl Hartm ann-Plön.

(Fortsetzung).

Mein Urgroßvater war Kapellmeister am Hofe Ernst Ludwigs, verheirathete fich mit der sehr schönen Tochter eines anderen Hofbeamtcn und lebte zwei Jahre glücklich und zufrieden. Die Geburt einer Tochter erhöhte noch sein Glück. Was aber von vornherein dieses Glück etwas beeinträchtigte und zu kleinen Ehestandsscenen Veranlassung gab, war die sehr entwickelte Eitelkeit und Hoffahrt seiner jungen Frau, deren exorbitante Wünsche alle zu erfüllen er nicht in der Lage war. Schon längst hatten ver­schiedene deutsche Fürsten angefangen, nicht allein den Glanz und die Pracht des französischen Hofes nachzuahmen, sondern auch deffen Sitten. Herzog Ernst Ludwig, verheirathet mit einer Cousine, schon nicht ganz jung mehr, war im Punkt galanter Abenteuer ein sehr verrufener Herr. Daß er schon längst auf die hübsche Musikdirektorsfrau ein Auge geworfen, davon hatte Grunert nicht die leiseste

Ahnung. Wie erstaunte er daher, als sein Schwieger- i vater eines Tages zu ihm ins Zimmer trat und ! mit dürren Worten ihm sagte, daß seine Frau sich ' von ihm scheiben taffen wolle, sie liebte den Herzog und dieser liebte sie mit leidenschaftlicher Gluth wieder. Schon häufiger hätten sich Beide in seinem, des Vaters, Hause gesehen. Der Herzog habe die Absicht, sich von der Herzogin zu trennen und sich mit feiner Tochter wieder zu vermählen. Wenn Grunert, ohne Schwierigkeiten zu machen, in die Scheidung willige, und, nachdem diese vollzogen, mit seinem Kinde das Land verlasse, so würde rhm eine ansehnliche Summe eingehändigt werden, im anderen Falle könne er sich auf große Widerwärtigkeiten ge­faßt machen."

Nachdem mein Urgroßvater die Sprache wieder- gewonnen, die die Ueberraschung und die Entrüstung ihm geraubt hatten, richtete er sich stol empor und erwiderte seinem Schwiegervater, daß er ohne Be­denken sogleich bereit sei, sich scheiden zu lassen, denn es sei ihm von nun an unmöglich, mit einer Frau ferner zusammen zu leben, die ihn nie geliebt Haven könne, die schon heimliche Zusammenkünfte mit einem Änderen gehabt, dis aus Eitelkeit und Gefallsucht einen notorischen Wüstling helrathen wolle und so

herzlos sei, daß sie nicht nur ihren Gatten, sondern auch ihr einziges, liebliches Töchterchen verlassen könne. Dem Herzoge möge er sagen, daß er sich für das von ihm angebotene Schandgeld bedanke, er sei Künstler genug, um sich auch anderswo sein Brod verdienen zu können.

Nachdem am andern Tage die Scheidung in aller Stills vorgenommm war, reiste Grunert mit seiner Tochter nach Hamburg, wo er ein reichliches Auskommen fand.

Nun kam für das Land eine lange traurige Zeit, die in jedem Geschichtßwerke genau beschrieben ist. Die ehemalige Frau Musikoirektor wurde vom Kaiser in den Reichsgrafenstand erhoben, deren ge, wiffenlossr Vater ward geadelt und wurde später Minist-r, Beide zusammen regierten das Land und beherrschten vollständig den willenlosen, genußsüchtigen Herzog, den sie in einem ewigen Vergnügungstaumel meisterhaft zu erhalten virstande». Alle Stellen f wurden mit Kreaturen besetzt, welche ihnen blindlings i ergeben waren; die, welche ihre Herrschaft nicht an« t erkennen wollten, wurden verbannr und verjagt. Ja, i sie trieben einen förmlichen Handel mit den einträg« ; lichen Aemtern, wer am meisten bezahlte, bekam es. ] Eine wahre Habgier hatte Vater und Tochter erfaßt, und ein Rittergut, einen Ländercomplex nach dem andern wußten sie sich als Geschenk vom Herzog zu erlisten. Mit immer neuen Steuern wurde das Volk bedrückt, für Handel und Gewerbe nichts ge«

than, und während das Land verarmte, schwelgte s man am Hofe in den raffmirtesten Genüssen, ynb raffte die Gräfin ein ungeheueres Vermögen zu« \ sammen. Sie wußte genau, wie verhaßt sie war, - sie kannte ihren schlimmsten Feind. Es war der i Erbprinz. Er allein, nachdem er von der hohen i Schule zurückgekehrt war, wagte es, ihr seine 83er« \ achtung zu zeigen. Es war ihr keinen Augenblick zweifelhaft, daß, wenn der Herzog für immer dis f Augen schließen würde, sie vom Hofe, ja vielleicht f aus dem Lands verwiesen würde, dann wollte sie j aber als reiche Frau abzichen und anderswo das f glänzende Leben weiter führen. Indessen, die Kata- \ strophs, die sie befürchtete, brach schneller Herrin, - als sie vermuthet hatte, noch zu Lebzeiten des \ H-rzogs, und zwar in einer Weise, wie sie es ; nimmermehr für möglich gehalten hätte. Der Erb« ' priuz Eberhardt war für großjährig erklärt worden und erhielt seinen eigenen Hofstaat. Die von ihm i öffentlich ausgesprochenen Worte, daß er, wenn er zur Regierung gekommen,, em fürchterliches Gericht über alle Diejenigen halten würde, die eine Mit;