588
suszuwinken, aber die kranke Gnädige hatte es doch gehört, und da «rußte ich heraus mit der Sprache. Sie gebot, daß Fräulein Ulrike dableiben und der Doktor einireten solle. Ja, ja, sie behält das letzte Wort bis an ihr Ende."
Egon versprach ihm ganz ruhig zu bleiben und trat dann durch die von Johann geöffnete Thür des Sterbezimmers.
Er sah die Kranke wie ein Wachsbild auf dem schneeweißen Lager ruhen und prallte erschreckt zurück» da er eine Leiche zu erblicken glaubte.
Sich rasch faffend verbeugte er sich tief und warf dann, nachdem er auch Ulrike begrüßt, einen forschenden Blick auf die Männergestalt, welche sich in den Schatten des gestickten Bettumhanges zurückgezogen hatte.
„Sie wollten uns eine Mittheilung von unserm N ffen machen, Herr Doktor!" begann hierauf Ulrike mit etwas zitternder Stimme.
„Ja, gnädiges Fräulein", versetzte Egon ruhig und fest» „ich komme im Auftrag des Freiherrn Ulrich, um seiner gnädigen Tante sein tiefster Bedauern darüber auszudrücken, daß ein heftiges Fieber ihn leider verhindert, jetzt hierher zu kommen —"
„Aber meine Nichte", keuchte Irmgard mühsam, „wo bleibt Freifräulein Hedwiga? Weshalb kommt sie nicht?"
„Das Freifräulein wagt es nicht, den kranken Bruder zu verlosten, meine Gnädigste!"
„Wagt es aber, meinem Wunsche, meinem Befehle zu trotzen! — O, ich ersticke!"
Ulrike trat besorgt zu der Kranken, um ihr einen lindernden Trank einzuflößen.
„Beruhige Dich, meine Theure, — wir dürfen Hedwiga deshalb nicht zürnen."
„Du wirst sofort wieder an sie telegraphiren", flüsterte die Kranke kaum verständlich» „o, dieser Trotz» ich werde ihn brechen. Laste mehr..Kerzen anzünden, es ist so dunkel hier —"
Ulrike bebte zusammen, es war blendend hell im Zimmer, — nur ihre Augen waren schon verdunkelt. Der Todesengel breitete seine Schwingen über sie aus, und doch planle die Unselige noch Unheil und Verderben.
„Wo ist der ©ruf?' flüsterte sie weiter» „rr ist doch nicht gegangen? — Du brauchst ihn nicht vorzustellen, der Doktor ist nur ein Bore, weiter nichts."
Ulrike seufzte, es hatte zum Glück Niemand hören können.
„Der Graf ist hier", sprach sie laut, „bitte, kommen Sie hierher, meine Schwester wünscht Ihnen etwas zu sagen, Herr Graf!"
„Ich mag die Gnädige nicht noch mehr aufregen", versetzte jener halblaut, „entfernen Sie den Herrn dort» welcher die schlimme Botschaft gebracht —"
Egon schüttelte verwundert den Kopf, verbeugte sich und wandte sich schweigend der Thüre zu. Als er dieselbe öffnete, warf er noch einen Blick zurück und sah den Grafen im vollen Kerzenlicht am Krankenbett stehen. Wie gebannt hastete sein Auge
an dem Antlitz deflelben und von einem plötzlichen Impuls geleitet» schloß er geräuschlos wieder die Thür, um aus die Seite zu treten und sich diesen Grafen, der jetzt ein doppeltes Interesse für ihn zu haben schien, genauer zu beobachten. Galt es doch hier den Kampf um sein höchst-s Gut gegen verknöcherte Selbstsucht und herzlose Despotie, sowie wahrscheinlich auch die Entlarvung eines rasfinirten Betrügers.
Weder Ulrike noch der Graf hatten sein Bleiben bemerkt, da in dem großen altertümlichen Gemach der Helle Wachskerzenglanz, mit welchem Irmgard auch ihrer Sterbestunde noch einen besonderen Lustre verleihen wollte, nur das Beit und die nächste Umgebung strahlend beleuchtete, während die Thür im Halbdunkel blieb.
„Sie wünschen, baß ich nach der Residenz dieses Landes mich begebe, um meine Verlobte zu begrüßen und hierher zu bringen, meine Gnädigste?" fragte der Graf in diesem Augenblick.
Die leise Antwort mußte bejahend lauten, da Rüdershausen das verlangte Versprechen gab und hinzufügte, daß er die Verlobung als eine Thatsache betrachte, welche sein Onkel ihm als letztes Vermächt- niß auferlegt.
„Ulrike!" tönte die flüsternde Stimme der Sterbenden jetzt durch den stillen Raum. Die Schwester beugte sich über sie und horchte dem fast unverständlichen Geflüster.
„O Irmgard, wie kann ich einen solchen Eid Dir leisten?" klagte Ulrike mit fast erstickter Stimme, „welches Recht habe ich dazu, Hedwiga zu zwingen, wir kann ich denn das Kind unseres Bruders —"
„Halt", unterbrach plötzlich eine feste, ruhige Stimme diesen verzweiflungsvollen Erguß, „bevor Sie diese Scene weiter führen, meine Damen» erlauben Sie mir ein Wort mit jenem Grafen, der hier eine so seltsame Rolle spielen will."
Ulrike wandte sich überrascht um und sah erschreckt den jungen Doktor, welcher den Grafen mit blitzenden Augen maß.
„War will dieser Mensch von mir?" fragte letzterer, welcher sein Erblassen nicht hatte unterdrücken können, brüsk und hochmüthig, „es scheint mir, als ob der Bote des Freiherrn in ein Tollhaus gehöre."
„Ja, ich danke dem Himmel, daß der Freiherr von Jmmendorf gerade mich, den Doktor Egon Dörner, als fehlen Boten sich erwählte, um ein Bubenstück sondergleichen zu verhüten und einen elenden Dieb za entlarven, bevor er dieses Haus durch einen Betrug entehrt."
„Schau' mich an, Verräthrr!" rief es drohend, „führtest Du nicht einst den Namen Ruding, und warst dem Hungertode nahe, als ich Dich in einem fremden Welttheil aus Erbarmen auflas, mein Vertrauen Dir schenkte, das Du später durch Raub und Diebstahl vergaltest? — Ah, Schurke, wenn Du wirklich ein Rüdershausen bist, dann hast Du Deinem sauberen Onkel Ehre gemacht, — denn, irre ich nicht, so hast Du später in Australien unter dem


