Hiehener Jamilienblätier.
Belletristisches Beiblatt rum Gießener Anzeiger.
1888.
Dienstag, dm 13. November.
Nr. 134.
Am Kaufe Immendorf.
Vnginal-Roman von Emilie Heinrich».
(Fertsetzrms.)
„Dann wär« Ihre Gegenwart allerdings noth« wendig, lieber Jmmendorf", nickte der Major, ebenfalls tief erregt, „und doch befürchte ich dort am Sterbebett da» Schlimmste für Sie. Lassen Sie uns einen Mittelweg wählen, vielleicht legt sich dec Herrgott selber in'» Mittel, und führt die Kranke vor diesem neuen despotischen Attentat sanft hinüber. Ich habe mit dem Arzt gesprochen, ihre Auflösung hängt an der Minute» wir haben also nur die Aufgabe, Zeit zu gewinnen."
„Um den Vogel uns alsdann entschlüpfen zu lassen", bemerkte Thorsen achselzuckend, „ich denke doch, gnädiger Herr!" wandte er sich an Ulrich, , „daß Sie ein hohe» Interesse an der Entlarvung I jene» Grafen nehmen müssen."
Der junge Mann blickte ihn zerstreut an und I nickte dann lebhaft.
„Er soll in'» Gesängniß zurück", knirschte er, „ich will den Alp los sein."
„Da» kann unser Deteetiv sicherlich allein be- i sorgen", meinte Egon, „Du überschätzest Deine! Kräfte, theurer Freund! — Laß mich diesen Weg < für Dich übernehmen, ich schmuggle Herrn Thorsen ; mit in'» Hau» und melde dem kranken Freifräulein die Unmöglichkeit Deines Kommens, sowie den Entschluß Deiner Schwester, den kranken Bruder nicht verlassen zu wollen. Diese Nothlüqe wird mir der Himmel, da so Große» auf dem Spiele steht, und die sterbende Tante weder d^recten irdischen Gewinn noch Verlust davon hat, sicherlich vergeben."
„Dann hat meine Gegenwart in jenem Hause keinen Zweck", sagte Thorsen unmuthig, „da ich den Grafen ohne dlrecte Denunciation d.» Freiherr» von Jmmendorf nicht verhaften kann."
„Gut", nahm Tellkamp da« Wort, „bleiben Sie mittlerweile hier, vielleicht gelingt e» meinem Neffen, den Grafen in mein Hau» zu locken."
„Onkel!" rief Egon vorwurfsvoll, „welche Rolle muthest Du mir zu!"
„Ich dächte doch, daß auch für Dich nichts Gc- ringe» auf dem Spiele stände, mein Junge!" erwiderte der Major, „wir befinden uns so zu sagen aus dem Kriegsfuß. — Tante Irmgard will eine schmähliche Ueberrnmpelung im Bunde mit dem Tod- feinde des Hauses Jmmendorf in Scene setzen, — sollen wir, Gewehr am Fuß, ruhig zujchauen und
keine erlaubte Kriegslist gebrauchen, jenen Schlag zu pariren, den Todfeind unschädlich zu machen?"
„Der Herr Major hat recht", rief Thorsen begeistert, „im Hotel wäre die Geschichte sehr gewagt, hier im Hause aber de« Erfolge« gewiß. Ja, wenn jener Graf ein Ehrenmann wäre, aber er ist t« nicht und würde anderen Fall« un» da« Nachsehen lassen."
„Ich begreife Deinen Widerwillen", sprach Ulrich leise, dem Freunde die Hand drückend, „aber ich fühle auch, daß Dein Onkel recht hat. Wir müssen Zett gewinnen und zur List unsere Zuflucht nehmen. Denke an Hedwiga und an Euer Glück, da« grausam vernichtet werden soll."
„Ich gehe schon", verfitzte Egon mit fester Stimme, „was im Bereiche der Möglichkeit liegt, werde ich sicherlich vollbringen. Erlaubt, daß ich ein wenig Toilette mache."
Ec zog sich in sein Zimmer zurück und verließ nach zehn Minuten da« Hau», um sich nach dem Jmmendors'schen Hause zu begeben, wo der alte Johann ihm mit sorgenvoller Miene die Thür öff-me.
„Ach, Herr Doktor!" flüsterte er, einen scheuen Blick ouf den drlußen harrenden Wagen werfend, s „kommt denn unser junger gnädiger Herr nicht?"
„Nein, er ist sehr krank, kann ich das Freifröu- lein Ulrike sprechen?'
Johann schloß seufzend die schwere Haurthür
' und erwiderte leise:
„Es ist drinnen Besuch bei der kranken Gnädi- i gm, ein schrecklicher Besuch, Herr Dvk or!" 1 , Graf Rüdershausen —"
, Ja, ich kann den abscheulichen Namen nicht \ aMpr-chen, — o, wäre wein junger Herr nur hier!"
„Ich habe eine Botschaft von ihm aurzurichten", fuhr E».on fort, „könntIhr mich melden, Johann?'
„Weiß nicht, weiß w'.rkäch nicht, Herr Doktor!" seufzte der Alte, welcher vollständig den Kops ver- i lorm |u h :ben schien, „will da» gnädige Fräulein > herauswinken. L eber Himmel, das noch erleben zu müssen!"
Er ließ hieran? Egon in’« Wohnzimmer Eintreten und entfernte sich geräuschlos. Nach einer Weile kehrte er bleich und zitternd zurück.
Bitte, mir zu folgen, lieber Herr Doktor!' stam- j melte der alte Mann, „aber, nicht wahr, Sie blei- - ben, was auch geschehen möge, ganz ruhig? — Ich
fürchte sonst das Aergsts '
\ ,Was ist denn geschehen?"
„Ach, ich öffnete ganz fe'mtfam die Toür be« r Krankenzimmer«, um mein gnävige« Fräulein her-


