Ausgabe 
11.2.1888
 
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und so "mußten Karl Edward und Louise sich be­gnügen mit den königlichen Ehren, die man ihnen im engsten Kreise erwies. Für den übrigen Theil der vornehmen römischen Gesellschaft blieb der Prätendent nur der einfache Graf Albany.

Die wachsende Kälte seiner schönen Gemahlin, welche die Erfüllung ihrer ehrgeizigen Hoffnungen in nebelhafte Ferne gerückt sah, zerriß ihm das Herz, dis Verachtung, die sie ihm zeigte, drückte ihn zu Boden. Immer tiefer versank er nun, und immer rettungsloser in den Lethestrom, der ihm das Ver­gessen bringen sollte, als Mary von ihm gegangen, immer geringer wurde dis moralische Kraft des Widerstandes dieser Versuchung gegenüber, immer lauter das Geflüster um ihn her. Dis wunder- baren Stuartaugen verloren ihren Glanz und Aus­druck, kalt und stumpfsinnig blickten sie umher. Wo­zu auch sich ausraffen wer fragte danach, wer liebte ihn? Der Letzte der Stuarts verließ endlich, auf den Wunsch feiner Gemahlin, dis ewige Stabt, dessen Oberhaupt sie nicht als Königin anerkannte, und siedelte nach Florenz über. Ach, auch dort zuckte man lächelnd die Achseln über den König ohne Land, und der Hof von Toskana zog sich von ihm zurück. Niemand aus der immer kleiner werdenden Schaar der Anhänger wagte es mehr, das Lied vom Sieger von Panr anzußimmsn, den kecken Sang vom Prinzen Charlie.

Immer dunkler wurde es um ihn her, immer verzehrender brannte das Feuer der Liebe zn feinem schönen Weibe. Hätte sie ihm geboten, zur Stelle wieder, wie einst die Landung zu versuchen an der Küste seiner Heimath, er würde es gethan haben einer Welt zum Trotz sein Leben hätte er hin­geworfen um ein Lächeln von ihr, einen zärtlichen Druck ihrer weißen Hand. O, sie hätte Alles aus ihm machen können, was ihr beliebt, damals, mit ein wenig Geduld und Liebe. Aber als er eines Tages mit wankendem Schritt vor sie hintrat, um die Frage zu lallen, mit schwerer Zunge, ob es eine Freude sein würde, wenn er zur Stells einen neuen Feldzug unternähme, da hatte sie ihn nur mit einem niederschmetternden Blick angeschaut und, den pracht­vollen Kopf über die Schulter hinweg zu ihm ae- wendet gesagt:Einen Trunkenbold wählt kein Volk zum König; !' Welch' einen Schmerz brachte ihm diese Antwort, dieser Blick! Lethe Lethe!

Und dann tauchte wiederum eine Bild aus in der schlummerlosen Nacht des Verlassenen: ein glänzendes Gartenfest in dem königlichen Palast am Arno o, der Springbrunnen sah b<& Gewühl be­rückender FrauMgestalten und vornehmer Cavaliere *7 und unter ihnen, zum ersten Mal eingeführt, Italien» lorbeergekrönter Dichter, der schöne Graf Vittorio Älfierie. Und die Sonne unter allen - Frauen .an jenem Abend war die stolze blonde Königin ohne Thron, und gar bald sah man sie k neben einander im tiefen Gespräch, den königlichen i Dichter und die königliche Frau.

Wie sie ihn anblickte und wie er diese Blicke er­widerte! Lethe! Lethe!

Seit einer Stunde zog denn auch die Liebe ein in das unberührte Frauenherz der Gräfin Albany und drängte den Ehrgeiz zurück bis in den fernsten Winkel, und die armen glanzlosen Stuartaugen sahen das Leuchten eines gcheimnißvollen Glücks auf dem bis dahin so kalten, wie aus Marmor gsmeiselten Frauenamlitz, sahen die wunderbare Wandlung, wie nur die Macht der Liebe sie hervorzuzaubern ver­mag, und wußte, daß sein Weib, die schöne stolze Louise, für ihn auf immer verloren sei.

Er hörte aber auch, wie man stärker über ihn zu flüstern begann, sah, wie man über ihn lächelte, sein eigenes Bild erschien ihm so häßlich und ver­ächtlich; das blasse verschwollene Antlitz, der er­loschene Blick, dis verfallene Gestalt. Deutlich fühlte er, wie sein Grdächtniß schwand, seine Willenskraft gleichsam zerbröckelte, wie der Strom, in den er sich gestürzt, Alles mit sich fortriß, nur jene eine Folter­qual nicht, das sengende Gefühl der Eifersucht auf das Weib an seiner Seite, deren Herz und Seele jetzt einem Anderen gehörten, dessen Nawe ganz Italien feierte. Warum, gab es denn nicht für diese Marter eine Betäubung? Aber kein Feuerwein der Erbe war stark genug, diesen Brand zu ertränken und ein wenn auch nur momentanes Vergessen zu bringen. Nur eine Genugihuung gab es jene Frau zu quälen, zu martern, zu bewachen, mit Argusaugen, wie der 'strengste Kerkermeister seinen Gefangenen, sie keinen Augenblick von sein«« Gegen­wart, die ihr so verhaßt, zu befreien. Aber trotzdem blieb das blonde Haupt ungebeugt, die stolze Stirn senkte sich nicht und jenes Leuchten trunkenen Glücks in den Augen und um dis Lippen wich nicht, das ihn so rasend machte. Nur die Wangen wurden allmälig bleich und bleicher und der sonst io elastische j Schritt des schönen Weibes müde und langsam. Aber berückender als je erschien sie ihm, wenn sie durch die Gemächer des Palastes schritt und der schimmernde goldgestickte Atlas der Gewänder dis üppige Gestalt umfloß und blitzende Steine in dem Goldhaar ihre Strahlen warfen. Und strablsnde Verse sandte Älfierie in die Welt, die alle der ge­liebten Königin seines DichterherzenS galten der Gräfin Albany. Karl Edward konnte es nimmer verhindern, daß man sie ihr brachte, daß er selber, Vittorio Älfierie, sie ihr vorlas, und er fühlte, wie eine einzige Strophe dieser berauschenden Huldigungen alle Leiden der Gefangenen auslöschten, als ob sie nie gewesen.

(Fortsetzung folgt.)

Redastisn: A. Echeyda. Druck und Verlag der Brühl'schm Druckerei Er. Ehr. Pietsch) in Gießen.