Kichemr Damilienblätler.
Belletristisches Beiblattzum Gießener Anzeiger.
Mx 94, Samstag den 11. August. 1888.
Der Kröe des Kaufes.
Roman von Hermine Frankenstein.
(Fortsetzung.)
„Dankbarkeit ist ein zu kaltes Wort", seufzte er, ihre Hand fest haltend. ,,O, Olla, ich könnte Euch anbeten, wenn ich bedenke, wovor Ihr mich errettet habt! So edel, so zärtlich, so treu! Ich weiß Alles von Euch, Olla! Ich fragte Popley gestern und er erzählte mir Eure ganze Geschichte. Wie konnte Jemand, der ohnedies so viel zu ertragen hatte, wie Ihr, eine solche Lost auf sich nehmen? Ihr habt eine große und edle Seele, Olla — die größte und edelste, die mir je vorgekommen ist!"
Wieder küßte er stillschweigend ihre Hand. Da Olla nichts erwiderte, fuhr er fort:
„Wie gesagt, ich weiß Alles von Euch, Olla. Ich kenne Eure Selbstaufopferung und Zärtlichkeit für einen hilflosen Fremdling. Aber was wißt Ihr von mir? Ich fragte Popley bezüglich meiner selbst nicht, weil ich von Euren Lippen hören wollte, was Ihr von mir wißt."
So befragt, erzählte ihm Olla ausführlich Alles, was sie von ihm wußte und fing ihre Erzählung mit dem Berichte ihrer eigenen Flucht von ihrem Vormunde au» Neapel an. Sie erzählte ihm, daß sie nach Palermo entflohen fei und von Herrn Gower wieder eingeholt worden war, der sie nach der Villa Bella Vista, nahe der Bucht von Palermo, gebracht habe. Sie erzählte, wie sie Tresstlian vor der Hütte der Vicini's auf einem ihrer Ausflüge gefunden, wie sie sich für ihn interefstrt habe, wie er einmal nach Herrn Gower's Villa gekommen fei und wie sie, als sie von Sicilien entflohen war, sie zum Theilnehmer ihrer Flucht gemacht habe. Sie beschrieb die Reise nach Neapel, das Gasthaus zum Vesuv und seine Wtrthsleute, die Gefangennahme durch die Räuber, die Erlösung durch die neapolitanischen Truppen und die Reise nach England mit den darauf folgenden Ereignissen.
„Ich erinnere mich an die Räuberhöhle und an Euer edles und muthiges Benehmen daselbst", sagte Tresstlian gedankenvoll. „Ich erinnere mich auch an die R ise nach England; aber nach unserer Ankunft im Viktoria-Hotel ist Alles in Nacht gehüllt; von da an weiß ich nichts mehr. Wo sind wir jetzt, Olla?"
„In Northumberland zwischen den Ctzeoiothügeln an der schottischen Grenze; dieser Berg ist Bleak- Mountain; und da« Haus ist als Bleak-Top bekannt. Es gehö.t mir."
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„Weich' ein seltsames Geschick ich hatte!" sagte Tresstlian. „Schiffbrüchig, verwundet, geistesumnachtet und jetzt gerettet durch die edle Hingebung eines jungen Mädchens I Ohne Euch wäre ich dort gestor- ben, Olla! Wißt Ihr, wer ich bin?"
„O ja, Jasper", sagte Olla aufstehend und ein kleines Päckchen von dem Kaminsims nehmend. „Wenn wir es nicht schon auf eine andere Art ge- mußt hätten» so hätten'» uns diese Reliquien ver- rathen. Seht einmal."
Sie öffnete das Päckchen und legte di« Gegenstände, welche man bet ihm gefunden und welche Frau Vicini ihm auch gelassen hatte, auf seine Kuiee. Sie bestanden aus einem kleinen Notizbuch, einem Portemonnaie, einem Federmesser und einem Taschentuch, welche alle den Namen Jasper Lowder trugen.
Tresstlian erkannte ste augenblicklich.
„Habt Ihr diese Dinge bei mir gefunden?" fragte er überrascht.
„Popley fand ste in Euren Taschen, Jasper!".
„Ihr nennt mich Jasper. Warum?
Eine unbestimmte Angst schaute aus Olla's dunkeln Augen.
„Habt Ihr Euren Namen vergessen, Jasper?" fragte sie. „Habt Ihr vergessen, daß Ihr Jarpsr Lowder seid und der Reisebegleiter eine» reichen, jungen Engländers wäret?"
Guy erschrak; seine Augen öffneten sich weit.
„Erzählt mir von ihm", sagte Guy aufgeregt, „von meinem Reisebegleiter. Ec ist bei dem Schiffbruch zu Grunde gegangen! Armer, edlec, junger Mensch!"
„Nein! er ist nicht zu Grunde gegangen. Er war nur wenig verletzt. Er blieb in jener Nacht bei Euch in der Vicini'schen Hütte. Am nächsten Tage hatte er eine Berathung mit Dokcor Spezzo und der Doktor sagte ihm, daß Ihr unheilbar wäret. Er ihat alle» Mögliche für Eure Bequemlichkeit, aber seine Verwandten erwarteten ihn, und er war ge« nöthigt, nach England zurück zu eilen."
„Seine Verwandten? Ec hatte keine Verwandten! Warum hat er mich unter Fremden zurückgelassen? Warum brachte er mich nicht heim nach England?"
„Weil Ihr keine lebenden Freunde oder Verwandten hattet, Jasper — Niemanden, der für Euch sorgen konnte — er dachte, daß es besser für Euch wäre, in Sicilien zu bleiben."
„Keine Freunde — keine Verwandten? Ich verstehe nicht. Hat er nicht an meinen Vater geschrieben ? ‘
„Er sagte, Ihr hättet keine Verwandten, keinen


