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ihn drangen, bl Ursache seiner Trauer uns mitzu- theilen, sagte er, daß ihm ein glänzend dotirter Posten bei einer Lebensversicherungsgesellschaft, nämlich der eines Generalagenten angebotsn sei, den er aber abgelehnt habe, weil er eine Caution von sechszehntausend Mark stellen müsse, die er ja nicht besitze. Wir thörichten, leichtgläubigen Frauen boten ihm sogleich an, die Erbschaft unserer Mutter, die au» je achttausend Mark bestand, also zusammen gerade die Summe ausmachte» die gefordert sei, zu diesem Zweck zu verwenden, was er aber entschieden und fast mit Heftigkeit zurückwies, und erst, nachdem wir all unsere Ueberredungskunst angewandt und ihm vorgehalten, daß es die Pflicht gegen seins Gattin und sich selbst es ihm gebiete, das Geld von uns anzunehmen, entschloß er sich dazu. Es war leicht, dir Erbschaft, die bei einer B nk in unserer Vaterstadt belegt war, zu erheben, ich reiste persönlich dahin ab, um sie flüssig zu machen, und nie vergefle ich das triumphirende Gesicht, das er machte, al» ich ihm die sechszehn Tausendmarkscheine hin- zählte. Er raffte sie zusammen, steckte sie in dis Tasche und stürmte damit fort. Nach einer Stunde kam er zurück, sagte uns, er Habs dm Posten jetzt definitiv angenommen, müsse aber sofort in die Provinz reisen, wo mehrere Sterbefälle von Versicherten vorgekommen, die wahrscheinlich Veranlaffung zu einem gerichtlichen Prozesse geben würden und seine Gegenwart erforderten; er könne vielleicht erst nach zwei bis drei Wochen zurückkehren, doch wolle er häufig schreiben. Er war auffällig erregt, doch sahen wir darin nur die Freude, eine gesicherte Stellung erworben zu haben und nachdem er in großer Eile seins Koffer gepackt, nahm er Abschied. Aber kaum war er fort, al» meine Schwester von eigenthümlichen, bangen Ahnungen befallen wurde, die mir in diesem Augenblick völlig grundlos zu sein schienen, denn da» Vorurtheil, welches ich früher gegen ihn gefaßt, hatte er durch sein freundliches Wesen vollständig in mir zu beilegen gewußt. Ich widersprach ihr und suchte ihr die häßlichen Gedanken auszureden.
Es sollte sich bald Herausstellen, daß ihre Ahnungen begründet. Als nach acht Tagen kein Brief von ihm angslangt war, hatte dis Aufregung meiner Schwester einen sehr hohen Grad erreicht und auch mir fing die Sache an bedenklich zu werden, doch zählte ich noch alle Möglichkeiten auf, die ihn am Schreiben verhindert haben konnten. Endlich nach drei weiteren Tagen kam ein Brief, aber der Inhalt schmetterte uns zu Boden. Er schrieb darin, ob wir wirklich geglaubt hätten, daß er es seinem Range zumuthm würde, eine so untergeordnete Stellung, wie die eines General-Agenten zu über- nehmen, er habe das nur vorgegeben, um in den Besitz der sechszehntausend Mark zu gelangen, mit einer solchen Summe, wenn man ein ruhiger Spieler sei und sich nicht überstürze, könne man in Monaco die Bank sprengen, und das Glück sei ihm günstig, er gewinne unausgesetzt.
Nun bat er meine Schwester um Entschuldigung, daß er zu ihrem eigenen Wohls eins List' angewandt, um freie Disposition über ihr Vermögen zu erhalten, dis sie ihm freiwillig nie gewährt haben würde; es sei ihm unmöglich, in untergeordneten, bürgerlichen Verhältniffen, bei einer kärglichen Einnahme -in kümmerliches Dasein zu fristen, er könne nur leben auf der Höhe des Reichthums ober er wolle gar nicht leben; jetzt mit dem erhaltenen Gslde böte sich eins Gelegenheit, diese in rascherem Sprung; zu erreichen, schon habe diese Summe sich verdoppelt, das Glück stehe ihm zur Seite, bald Habs er soviel als er brauche und dann sollten meine Schwester und ich seinen Reichthum theilen, er schriebe nächstens wieder."
Auf einen zweiten Brief hofften wir vergebens, dagegen kam er nach vierzehn Tagen in eigener Person. O, nie in meinem Leben, Herr Geheimrath, werde ich die fürchterliche Scene vergeffen, dis sich nun entwickelte. Es war um dis Mittagszeit, da wurde, ohne daß wir einen Schritt gehört hatten, dis Thür plötzlich aufgsriffen und mein Schwager trat ins Zimmer. S.in Gesicht war verstört und sah aufgedunsen und geröthst aus, als wenn er schon geistige Getränke zu sich genommen, und ohne seine Frau oder mich zu begrüßen, ohne nur Guten Tag zu sagen, rief er meiner Schwester zu: „Wo hast Du die Bibel, die ich Dir geschenkt?"
„Ich muß hier dis Bemerkung einfchalten", unterbrach sich Auguste Brandt, „daß meine Schwester für Altsrthümer und archäologische Seltenheiten ein großes Jntereffe hatte. Sie hatte im Lauf der Zeit verschiedene derartige Sachen sich erworben, und als sie eines Tage», es war noch vor ihrer Verlobung, ihrem zukünftigen Gatten gegenüber dies Jntereffe lebhaft betonte, da erzählte er ihr, daß er erst vor Kurzem von feinem Onkel eine Bibel geerbt habe, die schon im sschszeh.tten Jahrhundert gedruckt sei. Es sei ein Familienerbstück und er knüpfe sich die sonderbare Tradition daran, daß darin der Nachweis von einem Gott weiß von wem vergrabenen Schatz enthalten sei; er sei indessen überzeugt, daß dieselbe reine Fabel, denn er hab; das ganze Buch, Blatt für Blatt, untersucht, und nirgends ein geschriebenes Wort oder dem Aehnlicher gefunden. Dis Bibel hatte neben dem antiken noch einen anderen Werth; sie war nämlich stark mit Silber beschlagen, auf dem die Leidensgeschichte Christi eingravirt war, und der silberne Beschlag war mit vielen, zum Theil sehr großen Rubinen besetzt. Der Werth der Letzteren ist auf sechshundert \ Thaler geschätzt worden. Meine Schwester hatte ■ den Wunsch geäußert, die Bibel einmal zu sehen, ; und als der Besitzer derselben da» nächste Mal wiederkam, brachte er sie selbst mit, überreichte sie ihr und bat sie, dieselbe von ihm als Geschenk anzunehmen, was meine Schwester, hoch erfreut über einen Zuwachs ihrer Sammlung, dankbar annahm. ' Diese Bibel war es, dis mein Schwager jetzt so ■, stürmisch verlangte."


