Ausgabe 
11.2.1888
 
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Hichener JamilienbMer.

Belletristisches Beiblatt ?um Gießener Anzeiger.

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Ml. 18. Samstag dm 11. Februar. 1888.

Are verlorene Wiöek.

Original-Roman in 8 Bänden von Dr. Carl Hartm^ann-Plön.

(Fortsetzung).

,,Jch hatte den längst erwarteten Tob unserer Mutter", fuhr Auguste fort,meiner Schwester und meinem Schwager angezeigt; Letzterer kam auch zur Beerdigung und zeigte sich von seiner liebens­würdigsten Seite. Ich hatte keine Ahnung von dem schlechten Verhältniß zwischen den Eheleuten und ebensowenig, daß ihre Finanzen zerrüttet waren; meine Schwefle hatte aus falschem Schamgefühl uns Alles verschwiegen. Und nun, Herr Geheim- rath, will ich Ihnen ein. Beispiel vorführen, welche tiefen Abgründe von Schlechtigkeit in einer mensch­lichen Seele liegen können und mit welcher rasst- nirten Schauspielkunst mein Schwager seine Frau aus's Neue zu umgarnen und auch zu täuschen wußte. Ich schicke voraus, daß wir unserer drei Geschwister waren und daß Jeder von uns von unserer Mutter achttausend Mark geerbt hatte. Das Erbrheil seiner Gattin und das meins in seine Hand zu bekommen, mar sein wohlo.ngelegter Plan, den er auch mit grober Gewandtheit auszuführen wußte. Nachdem ich noch einige Tage in meinem Geburts­ort geblieben war, um den Nachlaß zu ordnen, wo­bei er mir thatkräftig zur Seite stand, reisten wir zusammen zu meiner Schwester, die leider ihrer ge­schwächten Gesundheit wegen noch immer nicht das Haus serlasien konnte. Schon am Tage vor unserer Abreise begann er sein teuflisches Spiel, indem er unter Thränen und mir dem Scheine der auf­richtigsten Reue stch anklagte, in der letzten Zeit ein verwerfliches Leben geführt zu haben. Er sei dem Dämon des Spiels verfallen und habe stets ver­loren; um das Verlorene wiederzugewinnen, habe er, was seine Frau noch gar nicht wisse, deren Pretiosen verkauft, aber er sei unausgesetzt vom Unglück verfolgt worden und habe nichts zurückge­wonnen. Indessen sei er zur Einstcht gelangt, daß er am Abgrunde stehe und in demselben Augenblick, wo ihm dies zur Gewißheit geworden, habe er stch den Schwur geleistet, ein anderes Leben zu beginnen und danach zu streben, durch ehrliche Arbeit für sich und seine Frau den Unterhalt zu verdienen. Er sei in dem aristokratischen Club, dessen Mitglied er bis jetzt gewesen, zu dem hohen Spiel verführt worden, aber keine Macht der Erde solle ihn ve>

stimmen, denselben je wieder zu besuchen, er wolle austreten und sich bemühen, eine Stellung zu finden, die ihn befähige, seine Familie, wenn auch nicht in glänzender Weise, so doch auskömmlich und standes­gemäß zu ernähren. Er habe sehr viele Bekannt­schaften und Corwexionen, so daß es ihm wohl nicht schwer fallen werde, seinen Wunsch zu erreichen.

s Durch das Leben, welches er in der letzten Zeit ge- l führt, fei leider auch zwischen ihm und seiner Gattin l das gute Verhältrüß getrübt, wovon nur ihm ganz s allein dis Schuld beizumessen sei, aber er bäte mich, l meinen Ewfüch bei meiner Schwester geltend zu 5 machen und nichts unversucht zu lassen, dis sie ihm Z verziehen und an seine aufrichtige Reue glaube."

Nun wohl", fuhr Auguste Brandt nach einer kurzen Pause fort,es gelang meinem Zureden, dis alte Flamme der Liebs, die, wie meine Schwester l mir gestand, schon fast gänzlich erloschen sei, in ihrem | Herzen noch einmal wieder anzufachen, sie verzieh z ihm, vertraute seinen Betheuerungen, die er ihr gegenüber mit gleicher Treuherzigkeit und Biederkeit | 'wiederholte, und acht Tage lang führten wir ein ä gemächliches Leben, bei dem die arme Nervenkranke ; sich sichtlich erholte und von Tag zu Tag an Heiter« 2 kett und Lebensmuth gewann. Mein Schwager, der- \ ich gebe es zu, von bestrickender Liebenswürdigkeit l sein konnte, entfaltete diese in feiner ganzen Fülle; i er zeigte sich so besorgt um den Zustand seiner l Gattin, lhat Alles, was er ihr an den Augen ab- s sehen konnte, erfüllte ihr jeden Wunsch, herzte und s liebkoste sie, und mit Zuversicht blickte sie in die ] Zukunft. Abends blieb er stets zu Hause, da las s er uns die Zeitung vor, spielte mit seiner Frau, l die wieder etwas Interesse an der Musik gewonnen, l aus dem Flügel vierhändig zusammen, scherzte und lachte wie in früheren Tagen, und wenn meine s Schwester bisweilen in Klagen ausbrach über den s Verlust ihrer Stimme, so wußte er sie jedesmal mit i Erfolg zu trösten, versprach ihr, sobald sie nur etwas z kräftiger geworden» mit ihr zu dem berühmtesten ; Specialisten in Kshlkopskrankheiten zu reisen, der s sicher ihr Leiden beseitigen werde, kurz, er spielte s meisterhaft bis in die kleinsten Details die Rolle s eines musterhaften, liebevollen Ehemannes. In den I Vormittagsstunden verließ er regelmäßig einige - Stunden das Haus, um, wie er sagte, eine Lebens- - stellung zu suchen. Bisher waren seine Schritte er- i folglos gewesen, da kam er eines Tages nach Hause und schien sehr niedergeschlagen. Auf unser Be- i fragen, ob ihm etwas Unangenehmes widerfahren, * antwortete er Anfang? ausweichend, erst als wir in