Ausgabe 
10.11.1888
 
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und kommen in der Welt nicht gut fort, und alle Kalendertage, welche das Zeichen des Krebses oder des Skorpions, derrauhen Dinger" haben sind unheilvolle. Ein im Wassermann geborenes Kind steht stets in Gefahr des Ertrinkens; im Stier geboren, macht es gute Fortschritte; im Löwen geboren, ist es unbeugsam rc. Ferner wird eine genaue Uebersicht des künftigen Wetters unter den sinnigen Ueber- schriften: Von dem kalten Winter, vom angenehmen grünen Frühling, vom warmen Sommer, vom Herbst gegeben, und heißt es bespielsweise beim ersten:Der Winter wird von dem fei. Luthero T. v. 498 und 468 nicht unbillig eine jährliche Sündfluth der Welt genannt, in welcher alle lebendigen Kreaturen, so sich nicht in ihre Höhlen oder Häuser, als in einem Kasten verbergen ingleichen alle leblose Geschöpfe gleichsam ersterben oder verderben muffen bis sie von der Sonne und der warmen Frühlingsluft wiederum erwärmt und belebt werden. So unangenehm und verdrießlich auch der Winter den Menschen sein kann, so nützlich und nothwendig ist er dennoch. Denn da muß nicht allein die Erde, welche den Sommer über von großer Hitze, wie auch von allerhand fruchttragenden Körnern und Getreide ausgemergelt worden, sich wieder erholen und zur fernerer Ertragung der Früchte ausruhen, sondern es ist auch der Winter viel gesünder als der Sommer. Er giebt den Menschen bessere Nahrung in Essen und Trinken, man hat auch Gelegenheit, besser schaffen und ausruhen, und was dergleichen Bequemlichkeiten mehr sind." Natürlich fehlen auch nicht die unter dem NamenBauernregeln" bekannten Wetterregeln, die sich ja noch heute in vielen Kalendern finden, gleich der RubrikGemeinnütziges" oderAller­lei Rezepte" wie auch fürHaus- und Landwirthschaft." Ganz ebenso war's schon vor hundert Jahren. Da lesen wir:Zu erfahren, ob ein Wein Wasser habe. Nehmet eine Birn, werffet sie in den Wein, schwemmt solche oben, so ist er gefälscht. Oder gieß Wein in einen neuen Topff und setze ihn in die Luft, ist der Wein wässericht, so verwandelt er sich im Topff und wird Essig."Die Schafe rein und frisch zu erhalten" lehrt folgendes Rezept:Grabe im Mertz Hirschwurtzel, auch Holzwurtzel und Alentzwurtzel, zwischen den zwei Frauentagen, zerstoße sie zu Pulver und gieb ihnen solche unter das Salz zu lecken, wenn die Zeit kommt. GegenBezauberung der Milch" wird empfohlen: Nimm Theriak, Gartheil, Kreuzrauten, rothen Knob­lauch, binde es zusammen und begrabe es unter die Schwelle, darüber das Vieh gehen muß, und wasche das Gefäß mit stolzem Heinrich." Ebenso fehlen Anekdoten" nicht, nur sind sie etwas anderer Art als die, welche sich in den heutigen Kalendern finden, wovon folgendeHistoria" zeigt:Ein gewisser Mann hatte eine sehr böse Frau, die konnte er weder mit Schlägen noch mit Worten zum Gehorsam bringen. Er war aber Herr und kaufte eine drey Ellen lange Wiege, lud einige Gäste zu sich zum Schmause, und brachte sie alsdann zum Vorschein. Die Frau fragte, was er mit der ungeheuren Wiege machen wollte,

Er machte aber eine Kurtzweile daraus, bis die Frau anfing, ihrer Gewohnheit nach zu keifen und zu belffern. Alsdann packte er solche mit Hülffe des Dieners an, warf sie in die Wiege, und ließ sie feste binden, der Duner mußte stark wiegen, er selbst aber saug ihr ein Wiegenlied: Schlaf ein, schlaf ein, Du Kindlein ein, sep nicht zu böß, hör auf zu schrepn, schlaf ein, schlaf ein, Du Wechselbalg rc. Unterdessen tranken die Gäste der Frau Gesundheit tapffer herum, diese aber wollte vor Zorn zerbersten, und aus der Wiege fahren, sie konnte aber nicht. Der Mann kehrte sich an nichts, sang immerfort, und die Gäste lachten sie aus. Endlich gab sie gute Worte und weinte wie ein kleines Kind, gelobte auch, besser zu werden. Alsdann wurde sie aus der Wiege gelassen und wenn sie sich künftig widerspenstig erzeigen wollte, droht der Mann mit der Wiegen, so legte sich gleich das Wetter."

Sehr verschiedenartig sind die Titel der Kalender. Einer derselben ist oben mitgetheilt, andere lauten: Der verbesserte und neue europäische Geschichts-, Haus, und Staatskalender",Der lustige Bauer", Kriegs-, Mord- und Tod-, Jammer-, Noth-Kalender", Türkenkalender" u. f. In den letzteren, welche bei dem gemeinen Manne sehr beliebt waren, wurden furchtbare Greuel- und Bluthistorien aus den Türken­kriegen erzählt, auf den Titeln sah man langgeschwänzte Kometen, Sonnenfinsternisse, brennende Städte, See­schlachten dargestellt, und Alles, was irgend wichtig, war durch rothe Druckfarbe ausgezeichnet, im Text natürlich auch die Sonntagsnummern, die der Heiligen und bemerkenswerthe astronomische Bezeichnungen roth gedruckt. Der Kalender war ehemals aber auch Zeitung, und berichtete seinen Lesern, freilich erst ein Jahr später, die Weltbegebenheiten; einepolitische Uebersicht" fehlt ja auch heute in ihm nicht.

Was die manchen Kalendern beigegebenen Holz­schnittbilder anbetrifft, so sind sie sehr roh, kindisch und geistlos und erst dieTaschenbücher" undAl­manachs" boten Anderes und besseres. Aber der gemeine Mann war damit wohl zufrieden, ebenso wie er von solchen Kalendern, deren Textzahm" war, die nichts von Mord und Todschlag zu erzählen wußten, nichts wissen wollte. Schließlich durften selbstverständlich in einem ordentlichen Kalender eine Uebersicht der Messen und Märkte und Angabe der Postkurse nicht fehlen.

So stellen sich uns die Kalender des vorigen Jahrhunderts dar; aus den mitgetheilten Proben ist zu ersehen, daß sie nicht ohne kulturgeschichtliches Interesse und kulturgeschichtlichen Werth sind. Ein solcher fehlt, wie gesagt, auch unseren heutigen Kalen­dern zum Theil nicht, wenn sie auch ganz anderer Art sind. Sie bilden noch immer einen wesentlichen Theil unserer Volksliteratur, sind also ein beachtens- werthes Werkzeug der Volksbildung und darum sollte jeder Kalenderschreiber nie vergessen, daß für das Volk nur gerade das Beste gut genug ist.

-kedgctisn? A. Scheyda. Druck und Verlag der Brühl'schm Trackern (Fr. Ehr. PielsH) in Güßen.