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eine» Andern erben hofft — ich will und muß da» Geheimniß lösen, das diesen Str Trcssolino umßübt."
Der Alte hatte sich entfernt, und Palestro zog sich in den Schatten des Parkes zurück, die Lippen fest aufeinander gepreßt, die dunklen Augen Blitze sprühend, die schlanken Finger zur Faust geballt — ein Bild de» festesten Entschluffr» — der Erbarmungslosigkeit. So stand er einige Secunden, dann riß er sein Portefeuille aus der Tasche und warf folgende Zeilen mit flüchtiger Hand auf's Papier:
„Mylord Sir Treffolino! Durch verschie« bene Umstände gezwungen, bin ich hier und erwarte Sie am Ausgange des Parkes. Wenn e» Ihnen nicht möglich ist, zu mir zu kommen, will ich zu Ihnen kommen.
Jacopo Palestro."
Er faltete das Blatt zusammen und beauftragte einen ihm begegnenden Diener, dieses dem jungen Herrn unverzüglich zu überbringen, worauf er sich wieder in den Park zurückzog, der Ankunft des Er« warteten fieberhaft aufgeregt harrend.
Dreißigstes. Kapitel.
Vom Regen in die Traufe.
Olla und ihr Begleiter hatten dem ihnen durch einen Banditen servirtrn, einfachen Mahle gut zugesprochen — sie wollten und mußten ihre Kräfte schonen. Eben wollte sich Olla vom Tische erheben, als sich draußen feste Tritte vernehmen ließen und alrbald in dem Rahmen der geöffneten Thüre die hohe Gestalt des gefürchteten Räuberhauptmanns erschien.
„Ich freue mich sehr, Signorina", begann er, „daß Eure Gefangenschaft nicht im Stande war, Euch den Appetit zu verderben. Trotz de« heute bewiesenen Mathes fürchtete ich, Euch jetzt niedergeschlagen und bekümmert zu finden — ohne Appetit, in Thränen ausgelöst — und ich bin sehr erfreut, mich vom Gegentheil überzeugen zu können."
„Bcdaure, Euch in Euren Erwartungen getäuscht zu haben, Signore Bandit", entgegnete Olla in hei- terem Tone. „Weinen und Wehklagen sind nicht meine schwache Seite — ich ziehe das Handeln vor. Und so wollen wir auch jetzt an die That gehen. Welchen Betrag fordert Ihr als Lösegeld für mich und meine Diener?" fügte sie in stolzem, verächtlichem Tone hinzu.
„Heute Morgen, als ich Euch und Eure Dienerschaft gefangen nahm", entgegnete Carvelli, „versprach ich mir ein schönes Stück Geld durch Euch zu verdienen — denn wie die Waare, so der Preis. Doch jetzt bin ich anders gesonnen. Eure Schönheit und Euer Geist haben mich berückt. Euer Muth und Eure Entschlossenheit haben mir Bewunderung für Euch abgenöthigt. — Ihr, die Ihr meine Gefangene seid, habt mich selbst in Bande geschlagen — mich zu Eurem Gefangenen und Sclaven gemacht. Signora, ich liebe Euch und habe beschloffen, Euch zu meinem Weibe zu machen — zur Königin meiner
Bande zu erheben. Keine Schätze der Welt, keine Macht der Erde sollen an meinem Enischluffe rütteln. Ihr sollt mein sein — mein ganz allein!" sagte er in entschlosienem Tone.
„Und glaubt Ihr wirklich Eure» Sieges so gewiß zu sein", entgegne Olla höhnisch. „In meinem Hei- mathland ist c» Sitte, die Damen in dieser Angelegenheit ebenfalls ein Wort mllreden zu lassen. Und ich halte fest an den Gebräuchen —"
„Ich bin kein Mann von feiner Erziehung, von süßen Worten und Schmeicheleien, der in Unterwürfigkeit und Demuth um da» Mädchen seiner Wahl wirbt", unterbrach sie der berüchtigte Mann der Berge. „Ich will meine Zeit nicht vergeuden, indem ich Eure Schönheit und Euren Muth besinge, ich habe nie bitten gelernt, werde auch jetzt nicht bitten, wo die Macht auf meiner Seite ist."
Olla mackte eine abwehrende Geberde und ihr Gesicht nahm einen höhnischen Ausdruck an, doch Carvelli fuhr unbehindert fort:
„Ja, Ihr seid schön, Signora, g-boren, eine Rö, nigin zu sein. Und wahrlich, Ihr sollt auch eine Königin fein, Ihr sollt herrschen über die ganze Bande — ein leiser Wink von Euch soll ihr Befehl fein; ich will Euch mit Seide, Spitzen und Schmuck, den Weibern so lieber Tand, überschütten, ich will Euch Vergnügungen bereiten — Euch mit Liebe und Aufmerksamkeit behandeln."
„Wohl sehr schöne Aussichten für mich, doch kann ich mich damit nicht einverstanden erklären und muß mich für die Ehre, Banditenkönigin werden zu können, bedanken."
CarvM's Stirne furchte sich, seine dunklen Augen nahmen einen drohenden Ausdruck an und fdne Stimme klang hart und rauh, als er sagte:
„Mein Entschluß ist gefaßt und nicht» vermag mich von der Erfüllung desselben abzubringen; doch will ich Euer Zartgefühl ehren und Euch unter Beistand der kirchlichen Segnungen zu meiner rechtmäßigen Gattin machen. Roch heute Abend wird uns der Priester für dieses Leben verbinden, meine schöne Braut. Schmückt Euch zu dieser Festlichkeit so schön als möglich — meine Braut soll bezaubernd schön fein."
„Wie aber, wenn bei all' dieser Feierlichkeit die Heldin des Abend», die Braut fehlt? Nimmermehr willige ich ein, mein Leben an das Eure zu ketten- niemals werde ich Euer Weib", entgegnete Olla.
„Ihr sollt und werdet meine Gattin werden", erwiderte Carvelli grimmig, „und selbst wenn sich alle Mächte de« Himmel» gegen mich aufthürme» sollten. Ehe der neue Tag anbricht, werdet Ihr in meinen Armen ruhen — weigert Ihr Euch jedoch, so beschwört Ihr da» Blut Eurer drei Freunde über Euch herauf. Vor Euren Augen will ich in ihrem Blute meinen Zorn kühlen. Treibt mich nicht zum Aeußersten. Ich verlange Ürnern Besitz und halte ihm da» Leben Euter drei Freunde entgegen. Wählet selbst I"
Er entfernte sich, Olla ihren Gedanken überlassend.
I (Fortsetzung folgt.)


