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M Die Sonne war soeben untergegangen und die ersten Schatten der Dämmerung senkten stch auf die Erde nieder. Der Himmel war wolkenlos, die Luft hatte stch etwas abgekühlt, es war noch warm, aber nicht mehr drückend. Diener reichten Eirlimonaden und andere kühlende Getränks umher.
Felix war fast unausgesetzt neben Alexandra. Er erzählte interessante, fesselnde Geschichten aus Rußland, wobei er abwechselnd witzig, fein ironisch und auch Gemüth verrathend sich zeigt-, so daß seine Zuhörerin bald herzlich darüber lachen mußte, bald davon ergriffen war. Was er dadurch erreichen wollte, gelang ihm, das frühere unbestimmte Vor- urtheil, das Alexandra gegen ihn gehegt, verschwand und die Ansicht, daß Herr von Stolzenberg in jeder Beziehung ein ausgezeichneter Mensch sei, gewann die Oberhand. Felix merkte auch sehr wohl den guten Eindruck, den er hervorgerufen.
Frieda wanderte mit mehreren jungen Mädchen auf und ab. Als sie zufällig der Stelle etwas nahe gekommen war, wo Felix und Alexandra stch befanden, rief Letztere die Tochter herbei.
„Du bist in Deinem weißen Spitzenkleid so leicht gekleidet, liebes Kind", sagte sie zu ihr, „und siehst etwas erhitzt aus — soll ich nicht Johann beauftragen, daß er Dir von Frau Behrens ein Tuch holt?"
„Ich danke Dir, Mama", erwiderte Frieda, „ich bin wirklich gar nicht warm."
Frieda wandte stch zum Gehen, als ihre Augen Siegfried im eifrigen Gespräch mit Frau von Barsen erblickte. Franziska hatte ihn in der That ganz plötzlich angeredet.
„Haben Sie die Absicht, Herr Direktor", fragte sie ihn, „nachdem Sie das Konservatorium absolvirt, Klavierunterricht zu ertheilen?"
„Es ist allerdings meine Absicht", erwiderte Siegfried, „aber bei der großen Zahl von Musik- lehrern ist es fraglich, ob ich Schüler bekommen werde."
„Eine Schülerin könnte ich Ihnen sofort nachweisen. Wir werden für den Winter nicht nach Berlin zurückkehren; mein Cousin Felix hat eine Aversion gegen die Residenz und meinen Onkel überredet, in Ihrer Stadt eine Villa zu erwerben und zum Herbst dahin überzusiedeln. Ich habe mir nun vorgenommen, mich einer besonderen Beschäftigung mit aller Energie hinzugeben, damit ich durch irgend etwas, was mich ganz und voll in Anspruch nimmt, die Langweile tödten kann. Ich spiele wohl Klavier, aber nicht fertig genug, und möchte es darin so weit bringen, wie es einer Dilettantin möglich ist. Würden Sie mir Unterricht ertheilen wollen, Herr Rohdenberg?"
„Mit dem größten Vergnügen, gnädige Frau."
„Gur, abgemacht! Sie werden an mir eine fleißige Schülerin bekommen, ich habe dann doch eine Aufgabe, ein Ziel, dem ich nachstreben kann."
Das Gespräch lenkte sich jetzt auf einige klassische Composttionen. Das war Siegfrird's Fahrwasser,
er wurde warm und lebendig dabei und als die Unterhaltung durch den Aufbruch ins Schloß unterbrochen wurde, da war er nicht allein darüber sehr erfreut, eine Schülerin aus der vornehmen Gesellschaft in Aussicht zu haben, sondern auch darüber, daß ihm dadurch noch häufiger Gelegenheit geboten werden würde, sich mit dieser hübschen und interessanten Dame zu unt-rhalken.
Eine Viertelstunde später erklangen in dem hell- erleuchtttm, prachtvoll decorirten Mustkfaal die ersten Klänge der Ouvertüre. Nach einigen musikalischen Deklamationen trug Siegfried Rohdenberg sein Violinconcert von Max Bruch vor und erntete einen ungeheuren Beifall. Man war von dem wundervollen Spiel so überrascht, so ergriffen, daß man sich rückhaltslos dem ersten Impuls hingab, für eine I vollendete Kunstleistung Dank und Anerkennung zu bezeugen.
Siegfried verbeugte sich tief erröthend. Mit glänzenden Augen sah Fried« auf den, der soeben sich so viel Ehre und Ruhm erworben, Felix aber runzelte für einen Augenblick die Stirn.
Rach dem Coneert blieb die Gesellschaft noch in zwangloser Unterhaltung beisammen und rüstete stch gegen Mitternacht, die Schlangenburg zu verlassen.
Dreizehntes Kapitel.
Auch nach dem heutigen Coneert saß wie stets, so lange Frieda denken konnte, eine halbe Stunde später Frau Behrens neben ihrem Bett; was aber < nach einem so ereignißreichen Tage noch nie vorge- * kommen war, wo Frieda sonst nicht eher gute Nacht i sagte, als bis ste jede Kleini keit, die ihr passtrt ; war, erzählt hatte — es wollte kein Gespräch in i Fluß kommen und immer nach ein paar Sätzen trat l eine längere Pause ein.
„Ich lasse e« mir nicht abstreiten", sagte endlich ! Frau Behrens, „mit Dir ist irgend eine Veränderung s eingetreten, es ist etwas nicht in Ordnung — ist es ; denn etwas so Schreckliches, daß Du es nicht über \ die Lippen bringen kannst?"
„Ach nein, Matter Behrens, etwas Schreckliches ist es nicht, im Gegentheil —"
„Wenn mich nicht Alles täuscht, Friedchen, so $ spielt Dein Herzchen dabei eine Rolle."
„Du meinst, daß ich —?"
„Nun ja, was denn sonst?"
„Ich möchte cs Dir schon sagen, Mutter Behrens, 1 denn tzs preßt mir das Herz ab, mit keiner Seele ; darüber sprechen zu können, aber ich genire mich s und ich kann den Anfang nicht finden."
„Dann machen wir es, wie wir es früher schon ! oft gethan, wenn Du mir etwas anzuvertrauen ■ hattest und die Worte nicht finden konntest: Ich - frage und Da antwortest! Also, wann und wo hast \ Du ihn zum erftm Male gesehen?"
„Vor etwa v er Wochen in einem Concett."
„Und wo darauf?"
„Bei ssiner Großmutter."


