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Hichener Iamilienblätter.

Belletristisches Beiblatt pim Gießener Anzeiger.

1888.

Samstag den 10. März

Nr. 30.

Die verlorene Miöek.

Original-Roman in 3 Bänden von Dr. Carl Hartinann-Plön.

(Fortsetzung).

Ach, ich glaube zu verstehen er steht Dir im Wege. Er macht der Tochter des Hauses etwas auffallend den Hof und Du vermuthest schon eine entente cordiale?

Spare Deine Schlußfolgerungen und befolge genau, was ich Dir vorschreibe! Die Hauptsache ist, daß Du die Sache mit Geschick und Feinheit durch­führst. Wie furchtbar ernst es mir damit ist, mag Dir meine Erklärung beweisen, daß ich Dir befehle, Dein ganzes Talent zu entfalten, und daß ich, falls ich sehe, daß Du die Angelegenheit nachlässig be- treibst, dem Onkel, der in Bezug auf Ehre und Sitte keinen Spaß versteht, über gewisse Dinge die Augen öffnen werde. Was dann geschieht, wird Dir klar sein!"

bist ein Dämon!"

Halte mich dafür und fürchte mich! Du kennst jetzt meine Meinung!"

Felix drehte sich kurz um und trat an eine Gruppe heran, in der sich Alexandra befand.

Einen Augenblick blieb Frau von Barsen regungs­los mitten im Saal stehen, dann krampften sich ihre kleinen Hände zusammen und ihre zitternde Lippen sprachen leise die Worte:

Ihr Götter, leiht mir Eure Macht, damit ich mich an ihm rächen kann!"

Elftes Kapitel.

Um halb zehn Uhr sollte das Concert beginnen, bis dahin konnten die Gäste sich nach Belieben zer­streuen; der größte Theil der Gesellschaft wanderte im Garten oder im Park umher, ein anderer Theil, der die Schlangenburg noch nicht kannte, ließ sich von dem Kastellan in dieser umhersühren.

Auch Marquardt und Frau Rohdenberg schloffen » sich diesen an ; wurde die alte Dame doch von eigen- artigen Empfindungen ergriffen, als sie durch die j Räume schritt, in denen ihre Urgroßmutter gelebt. -

Als die Gesellschaft den Rittersaal betrat, machte l der r ite Gedelmann zum Ergötzen der Anwesenden seine drei tiefen Verbeugungen vor dem Bilde der Herrn von Stolzenberg, begann mit der Erklärung desselben und fügte hinzu, daß ein Ur-Urenkel de« Herrn von Stolzenberg unter den geladenen Gästen

sich befinde und daß er hoffe, derselbe werde wieder l einziehen in die stolze Schlangenburg, die ihm von : Gottes- und Rechtswegen gehöre."

Wie?" sagte der Professor zu Frau Rohden- ; berg,der hier anwesende Herr von Stolzenberg ist l ein Abkömmling dieses Manner da? Ja, ja, die - Aehnlichkeit ist ja eine unverkennbare!"

Das ist der Mann", erwiderte sieder die i Gräfin Fichtenberg bei ihren verbrecherischen Be- strebungen unterstützt hat! O, er ist mir hier, als wenn ich plötzlich um hundert Jahre in die Ver- i gangenheit zurückversetzt wäre!"

Unter Gedelmann'» Führung ging es jetzt die \ Treppe hinauf bis auf die Galerie und von dort l durch einen schmalen Gang auf da« Chor der Kapelle ; und vom Chor wieder die Treppe hinunter bis in : da» Schiff der kleinen Kirche. An der rechten Seite, j in der Nähe des Altars, erblickte man eine große ; mächtige, mit Kupfer beschlagene, grün angelaufene ; Thür, an der nirgends ein.Schloß zu entdecken war. s Dieselbe führte, so erklärte Gedelmann, in eine ! kleine Seitenkapelle, in der der Sarg der Gräfin ; Fichtenberg stände. Und nun gab er eine Lebens- beschreibung der Letzteren, die mit der historischen wenig Aehnlichkeit hatte, wonach die hier Ruhende - während ihres Lebens ein Engel an Güte und Mild- \ thätigkeit gewesen sein mußte.

Gedelmann schloß seinen Bericht über diesen Gegenstand mit den Worten:

iDie Gräfin Fichtenberg hatte ihrem getreuen i und braven Geheimseeretär, dem Herrn von Stolzen- i berg, für seine langjährigen Dienste die Schlangen- s bürg und die Güter Holzendors, Rönnwald und f Fichtenberg testamentarisch vermacht, aber der i regierende Herzog der Landes stieß das Testament - um und den armen unschuldigen Herrn von Stolzen- ; berg setzte er gefangen. Er ist vor Gram im Ge- - fängniß gestorben."

Ei, ei", sagte Marquardt,so hat der Geheim- secretär, dieser Bösewicht, schon hienieden seine Strafe erhalten, das ist ja sehr interessant zu hören."

Und daß die Gräfin Fichtenberg", bemerkte Frau Rohdenberg,hier ihre Ruhestätte gefunden, ist ein Beweis, daß ihr stolzer Wunsch, der alle Schritte ihrer letzten Tage leitete, in der herzog­lichen Gruft beigesetzt zu werden, nicht erfüllt worden ist."

; Nachdem die Burg besichtigt worden war, wanderten Frau Rohdenberg und der Professor lang- [ font in den Garten zurück, woselbst die ganze Gesell­schaft sich jetzt versammelt hatte.

I! Gikßm,