Enchener JamilienbMer.

Belletristisches Beiblatt Mm Gießener Anzeiger.

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Are verlorene Miöel.

Original-Roman in 3 Bänden von Dr. Carl Hartmann-Plön.

(Fortsetzung).

Wie? Da wolltest wie ein Feigling aus dem Leben scheiden? Du hast Deine Ehre lieb, Du kannst nicht unter der Schande athmen, dann ist es aber Verrath an ihr, wenn Du ihr jede Möglichkeit entziehst, von dem Makel, sei er früher oder später, sich zu reinigen, wenn Du ihr die Stütze, den einzigen Anwalt raubst, denn diese Stütze, dieser Anwalt bist Du selbst, Du ganz allein! Wer kümmert sich um die Ehre einer Tobten, und was nützt es Dir, wenn noch ein Mal nach Deinem Ableben Deine Unschuld an den Tag gelangt? Für Deine Ehre mußt Du Dich erhalten, Du bist es ihr schuldig. Deine Pflicht ist es, zu warten, bis der Zasall oder Gott es an's Licht bringen werden, was fttzt noch verborgen ist, und müßtest Du bis an Dein natürliches Ende ver­gebens daraus hoffen, so hättest Du doch wenigstens Deine Pflicht gegen Deine Ehre erfüllt. Gottes Wege sind wunderbar, und sei es bald oder erst nach zwanzig Jahren, es kann sich noch einmal auftlären, wie Du zu den falschen Würfeln gekommen bist. Und Du wolltest den Tag nicht erleben, wo Deine Ehre trtumphtrt?"

O, wenn ich wüßte, daß dieser Tag noch ein­mal kommen wird, dann will ich warten und bis dahin die Schmach ertragen und müßte ich zum alten Manne darüber werden. Jedoch ich glaube nicht daran! Wie sollte das Dunkel sich je erhellen können, was ein unglückseliger Z.sall um dies Er- eigniß gebreitet? Nur in dem einen Fall wäre es möglich, wenn nämlich, woran ich einen Moment gedacht, was ich aber im nächsten Augenblick als unhaltbar wieder verworfen, wenn nämlich ein Anderer mir absichtlich den Streich gespielt, und dieser sich noch einmal aus Unvorsichtigkeit oder aus Reue verrathen sollte. Doch da diese Annahme als durchaus uriwahrscheinlich ausgeschloffen werden muß, so wird nie das Räthsel gelöst werden können, wo­her die falschen Würfel stammen und wie sie in meinen Besitz gelangten. Aber Du hast mich einen Feigling genannt, Onkel, und Du yast Recht! Wer bei dem ersten schweren Unglück, das ihn trifft, das Leben fliehen will, weil er es nicht mehr ertragen zu können glaubt, der ist feige, und wenn Du mir sagst, es sei meine Pflicht, um der möglichen Reha- bilitirung meiner Ehre willen leben zu wollen, so

bett 10. Januar. ......1888.

i würde ich Dir auch darin Recht geben, wenn ich l auch nur einen einzigen Verwandten ans dieser Welt t besäße, der durch meinen tiefen Fall in Mitleiden- l schüft gezogen würde. Die Ehre eines Menschen hängt an seinem Namen um dieses Namens : willen hat er sie zu schützen, und wenn er sie ver­loren, darnach zu streben, sie zu restituircn; aber wenn sein Name aus der Stammrolle der Mensch­heit gestrichen ist, so hört die Verpflichtung auf, für diesen Namen etwas zu wagen, und erst wenn er f sich einen neuen Namen beigelegt, übernimmt er die ? Verpflichtung, für die Ehre dieses neuen Namens | einzutreten. Ja, Onkel, ich will leben, aber in I einem andern Welttheil, unter einem anderen Namen. | Ich werfe den Namen Thalheim ab und will mir I jenseits des Oceans eine neue äußere Ehre erwerben, l denn meine innere habe ich nie eingebüßt. Und [ nun, daß ich zu diesem Entschluß gekommen bin, i dämmert es in meiner Seele wie Hoffnung auf, daß i für mich noch nicht alles Glück dieser Erde gestorben s und daß ich den inneren Frieden noch einmal wieder- ! finden werde. Melde den Osfic'eren, die Dich ge- i schickt, daß ich die Bedingungen erfüllen werde. ! Noch heute Abnid reife ich ab!"

Es entstand eine Pause, in der der Vormund ; mehrmals im Zimmer auf» und abging, und durch Mienen und Armbewegungen verrieth, daß er sich 5 in einem inneren Kampfe mit sich selber befand. $ Endlich brach er in die Worte aus:

Nein, ich kann Dich nicht in die weite Welt ! binausziehen lassen, ohne Dir noch etwas zu sagen, ; mag man mir über meine Jndttccetion Vorwürfe ; machen, ich will sie um Deinetwillen ertragen, und f wenn ich von einem Geheimniß, das Dich betrifft, nur die eine Hälfte milch-ile, so mußt Du mir | glauben, daß ich Dir die andere Hälfte verschweigen l muff."

Was werde ich hören? Von einem Geheimniß i sprachst Du, das mich betrifft?"

|Du kamst zu uns, Franz, als ganz kleines, i hülfloses Kind, und meine Frau und ich haben Dich i mit 2:ebe gepflegt und bis zum elften Jahr erzogen, f wo man Dich von uns nahm, um Dich auf die ; Kadettenschule zu bringen. Bis zu dieser Stunde < hast Du, was uns beauftragt wurde zu sagen, ge­glaubt, daß Du der Sohn eines Beamten seiest, daß Deine beiden Eltern gestorben und daß ein intimer Freund Deines Vaters, der aber unter keinen Umständen genannt fein wolle, für Dich das Kostgeld an mich entrichtet habe, und daß auch dieser Dich auf der Kadettenanstalt unterhalten und Dir