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Kalender.
(Nachdruck verboten.)
„ES ist ein groß Ergötzen
Eich in den Geist der Zeiten zu versetzen."
Die Zeit ist wieder einmal da, in welcher die Verleger die Kalender für das kommende Jahr versenden. Ihre Zahl ist Legion, ihre Beschaffenheit und Art, ihre Ausstattung, ihr Preis und Format sind so verschiedenartig wie nur möglich. Da giebt
„Dieser Herr wird das Coupö mit uns thrilen", sagte letzterer, als der Zug hielt, „kommen Sie rasch, meine Herren I"
Egon warf einen halb verwunderten, halb miß- tranischen Blick auf den Deteciiv, welcher kein anderer al» unser alter Bekannter Thorsen war, und folgte kopfschüttelnd dem voranschreitendrn Ulrich, welcher einige Worte mit dem Schaffner sprach und dann in ein leeres Coupö stieg. Nachdem Egon und der Detectiv ihm gefolgt, brauste der Zug davon.
„So, wir sind ganz unter uns geblieben", 6e* gann Ulrich jetzt, sich ermüdet in einen Winkel zu- rücklehnend. Liebster Egon, sei so gut, und laß Dir von jenem Herrn eine seltsame Geschichte erzählen. Bitte, mein Herr Detektiv", sagte er zu dem ihm gegenübersitzenden Thorsen, „mein Freund hier genießt mein unumschränktes Vertrauen, erzählen Sie ihm, was Sie mir vorhin mitgetheilt."
Egon setzte sich etwas zögernd neben Thorsen, da das Wort „Detektiv" ihn sehr stutzig machte und blickte denselben erwartungsvoll an.
Thorsen lächelte ironisch, warf einen vvck auf Ulrich, welcher die Augen geschloffen hatte und sehr leidend schien.
„Herr v. Jmmendors ist krank?" fragte er leise.
„Ja", nickte Egon, sich besorgt zu dem Freunde wendend. „Siehst Du, nun haben wir'», rief er erschreckt, „dar Fieber kehrt zurück, ich hätte ei unter keiner Bedingung leiden sollen."
Ulrich öffnete die Augen und meinte lächelnd, er fühle sich nur matt, ein wenig Schlaf werde ihm gut thun.
Egon tastete an seinem Pelz herum und zog triuwphirend ein Medicinfläschchen hervor.
„Da» steckte ich zur Borstcht in die Tasche", sagte er mit Genugthuung, „komm', lieber Ulrich, nimm einige Tropfen, Du weißt, sie sind gut. Trink' nur ein wenig davon au» dem Fläschchen."
Ulrich trank und schlief sofort ein.
„Er ist noch so sehr schwach und leidend, ich hält' e» nicht dulden sollen", seufzte Egon, die Gegenwart de« Fremden ganz vergeffend.
„Freilich", sagte Thorien, „man steht'S ihm an, doch wird seine Gegenwart in der Vaterstadt jetzt vielleicht die wohlthätigste Krisis für ihn werden."
Egon maß den Sprecher mit einem stolzen Blick.
„Ach, Sie wollten mir eine Mittheilung machen", sagte er kalt, „betrifft dieselbe meinen Freund?"
„Ja, Herr Doktor I — ich bin allerdings nur ein Detektiv, doch bitte ich, nicht zu gering von meinem Stande zu denken, da derselbe da» wichtige Bindeglied zwischen dem Gesetz und dem Verbrecher, also gleichsam den Kitt der gesellschaftlichen Ordnung bildet. Ich diene dem Gesetz mit Leib und Seele und habe e« mir zunächst jetzt zur Aufgabe gemacht, den geheimnißvollen Mordanfall im kleinen Gehölz zu X> nach ollen Seiten hin auszuklären, um den eigentlichen Schuldigen zu entdecken."
„Ah", machte Egon etwas erregt, „warm Sie
vielleicht jener Beamte, welcher meinen Onkel Tell. kamp und mich —"
„An der Jmmendorf'schen Gartenpforte verhaften wollte", lächelte Thorsen, sich verbeugend, „leider, Herr Doktor, jener Attentäter war ich, obwohl ich meiner Sache durchaus sicher, alle Vorkehrungen getroffen Hatte, um meinen Vogel zu fangen. Die Unachtsamkeit meiner Leute und der Nebel vereitelten den Fang, war mich jetzt mit stiller Freude erfüllt. — Darf ich fortfahren, Herr Doktor?"
„Nur zu, Sie sind wenigsten» von einer verblüffenden Offenheit."
„Weil diefe jetzt geboten ist", lachte der Detektiv leise, „man hat in solchen Sachen seine gewiffen Combinationen und einen besonder« feinen Fühler."
, Welche nur gar zu häufig in die Irre und auf falsche Spuren leiten", warf Egon finster hin.
„Manchmal freilich, weil man eben nicht allwissend ist", gab Thorsen achselzuckend zu. „Nun, lassen wir da«, Herr Doktor I — Ich verfolgte hier eine sehr fichere Spur, bei welcher die Combination mich nicht im Stiche gelassen, da ich den Gegner de« verwundeten John Walter, wie der Fremde au« dem kleinen Gehölz sich nannte, bereit« gepackt hatte und ihn später auch in seiner wahren Gestalt er- kannte, weil ich einfach zu combiniren verstand."
„Fahren Sie fort", sprach Egon ruhig, al» Thorsen ihn mit einer gewissen Herausforderung anbltckte. . , ,
„Ja, ich kenne den Herrn und hielt ihn für den Attentäter —"
„Auch jetzt noch?" fragte Egon.
„Nein, jetzt nicht mehr; — ich suchte mich dem Verwandten im Hospital zu nähem, wa« mir auch gelang, ich beobachtete ihn und bildete mir ein ziemlich sicheres Urtheil über ihn au« feinen Fieberreden, woraus ich schloß —"
„Ah, Sie eombinirten auch dort?" unterbrach ihn Egon spöttisch.
„Allerdings that ich da«, weil da« Fieber ein hochgradiger Rausch, ein Delirium ist, und der Trunkene stets die Wahrheit verräth. Ich schloß aus seinen Reden, daß er seinen Gegner beraubt und überhaupt Manche« auf dem Kerbholz haben mußte, das machte mich nachdenklich. Al» er ganz hergestellt war, erhielt ich den Auftrag, ihn nach der Residenz zu bringen und in’» dortige Gefängniß abzuliesern. Er entsprang dort, und ich fetzte meine Ehre darauf, ihn wieder einzufangen." (Fortsetzung folgt )


