Ausgabe 
8.11.1888
 
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Allerdings, feine Gegenwart wäre mir äußerst erwünscht aewesen", rief Tellkamp.@r hätte diesem Rüdershausen einen Besuch machen müssen, um sich den Burschen genau anzusehen, was ich allerdings such wohl thun könnte"

Ach, Onkel, mit welchem Rechte?" fragte Magda kopfschüttelnd.

Freilich, freilich, mit welchem Rechteerwi­derte der Major melancholisch,bist verständiger als Dein alter, kopfloser Oikel, kleine Magda! Weder Egon noch ich haben das geringste Recht zur Ein« Mischung, nur Ulrich allein als Haupt der Familie wäre dazu berechtigt. Und nun muß diesen Unheil­stiftern noch das besondere Glück zur Seite stehen, daß der Einzige, den sie zu fürchten haben, durch Krankheit fernegehalten, nichts von dieser Katastrophe erfährt. O, man möchte an der Gerechtigkeit ver­zweifeln!"

Der gute Major mußte einsehen, daß weder Murren noch Verzweifeln die Katastrophe zu hindern vermochte, wenn nicht, wie eine geheime Hoffnung, gegen welche sein edler Sinn vergebens arckämpste, ihm fortwährend zuraunte, eine höhere Hand der verderblichen Selbstsucht ein rasches Ziel fetzte. Es bedurfte nicht viel, wie der alte Hausarzt ihm mit- gethsilt, um den jähen Tod der langsam Dahin­sterbenden herbeizuführen. Das wäre dann allerdings die rascheste und einfachste Lösung des unerquicklichen Dramas.

Vor allen Dingen blieb Hedwiga einstweilen in seinem Hause, also fern von dem Schauplatz der Katastrophe, welche ohne sie, als die Hauptperson, nicht inscenirt werden konnte.

Mittlerweile hatten sich in der Residenz andere Dinge zugetragen, welche den kranken Ulrich zu einem raschen Entschluffe trieben.

Als der Zug mit Hedwiga abgefahren war, kehrte Egon zu dem Freund zurück, den er in einer hochgradigen Unruhe traf.

Ich halt's im Bett nicht mehr aus", rief er dem Eintretendeu entgegen,die Angst und Unruhe erdrückt mich. Ich muß handeln, Freund Egon, um das Fieber los zu werden. Komm, .Bruderherz, hilf mir!"

Egon schüttelte den Kopf, that ihm aber doch den Willen und half ihm aufstehen und sich anklei­den, wobei er sich über die Energie de» Kranken im Stillen wunderte.

Jetzt ein Glas Wein, vom besten, Bruder, um die Fieberschwäche abzuschütteln und dann auf nach X."

Aber, Ulrich, ohne die Erlaubniß der Arztes" Ach was", unterbrach ihn der Kranke lachend, die Aerzte machen uns erst recht krank mit ihren Mixturen, ich will gesund sein und siehe, ich bin»! Wann geht ein Zug nach X.?"

Egon schlug das Coursbuch auf und blickte dann nach seiner Uhr.

In einer halben Stunde kommt ein Expreßzug, der nur zwei Minuten hier und bei X. anhält. Ich

denke aber erst den Arzt zu rufen, kann die Ver* antwortung in der That nicht übernehmen, bester Ulrich!"

Nichts da, ich befinde mich ganz brillant", ver­setzte Ulrich,noch ein Glas Wein, Egon, er hat eine famose Wirkung. So, mein Gelubtester, ich dirpensire Dich von jeglicher Verantwortung, bah, de» Menschen Wille ist sein Himmelreich, ich fühle es, daß daheim jetzt mein Platz ist, fühl's an der tödtlichen Unruhe meines Herzens, da Tante Ulrike noch schließlich einen Opfer-Altar errichten würde, um sich abschlachtm zu lasten, wenn ihre Tyrannin es mit dem letzten Achemzuge verlangte."

Er ließ sich unter diesen hastig hervorsprudeln­den Worten in einen warmen Pelzmantel einhüllrn, sich eine Pelzmütze über die Ohren ziehen, in weiche Shawls einwickeln und dann die Treppe hinabge- leiten, wo bereits eine Droschke, welche Egon rasch hatte holen lasten, ihrer harrte.

Letzterer besaß noch die Ueberlegung, beim Schloß halten zu lasten, um durch den Hofmarschall ihre plötzliche, nothwendige Abreise dem Fürsten zu mel­den und dann ging'» rasch nach dem Bahnhof, wo die Ankunft des Expreßzuges bereits fignalisirt war.

Während Egon die Billets nahm, schritt Ulrich auf dem Perron langsam hin und her, ohne einen Mann zu bemerken, der ebenfalls den Zug benutzen wollte und ihn mit sichtlichem Jnterefle unausgesetzt beobachtete.

Plötzlich, wie von einem raschen Impuls getrie­ben, trat derselbe auf Ulrich zu, grüßte sehr höflich und fragte:Ich habe doch die Ehre, den Herrn Baron von Jmmendorf vor mir zu sehen?"

Ulrich blickte ihn scharf an, griff an seine Mütze und nickte kurz, offenbar, um jede weitere Unterhal­tung von vornherein abzuschneiden.

Gönnen Sie mir einige Worte unter vier Augen Herr Baron!" bat der Fremde, welcher im Ganzen einen höchst anständigen Eindruck machte.Es muß Sie jedenfalls interessiren, da meine Mittheilung einen gewisten John Walter, welcher in X. auf ge- heimnißvolle Weise verwundet worden, betrifft."

Ulrich zuckte unwillkürlich zusammen und wurde noch um einen Schatten bleicher, als er war.

Was geht das mich an?" gab er mit unsicherer Stimme zurück.

Ich wollte Ihnen mittheilen, fuhr der Fremde unbeirrt fort,daß ich Detektiv bin, den sauberen Vogel, der aus dem Gefängniß der Residenz ent­sprungen ist, bis nach Oesterreich verfolgt, ihn dort entdeckt und erfahren habe, daß er der Neffe des jüngst verstorbenen Grafen Rüdershausen ist und sich aller Wahrscheinlichkeit nach, soweit ich seiner Spur in der neuen Metamorphose al» Universal-Erbe seines Onkels gefolgt bin, augenblicklich in X befindet."

In diesem Augenblick erschien Egon mit den Billets und da der Zug ebenfalls heranbrauste, so war selbstverständlich keine Zeit mehr zur Fortsetzung der Unterhaltung, welche gerade jetzt für Ulrich eine höchst intereffante Wendung genommen hatte.