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heitere, sorglose Miene wieder angenommen, Kind! Niemand darf es ahnen, daß die fatale Haussuchung " uns mehr als oberflächlich berührt hat."
Sie küßte dis Nichte und verließ das Zimmer.
Hedwiga blickte ihr wehmüthig nach.
„Sie ist eine Heldin", flüstert« sie, „welche einer herzlosen Egoistin ihr Leben geopfert. Ich bewundere sie, würde ihr aber niemals nacheifern."
(Fortsetzung folgt.)
Die „fliegenden Buchhändler" in London.
Das Londoner Straßenleben bietet in seinem bunten Auf und Nieder, in seiner lärmenden Mannigfaltigkeit so manche besondere Erscheinungen dar, welche sozusagen Specialitäten des Lebens und Treibens der englischen Metropole sind und sich in ihrer Originalität wohl kaum in einer zweiten Weltstadt wiederfinden. Zu diesen Erscheinungen gehören nun auch die sogenannten fliegenden Buchhändler, welcher absonderliche Zweig des Buchgewerbes sich ja auch in vielen Städten des europäischen Continents vorfindet, der sich aber in London ganz eigenartig entwickelt hat. Die fliegenden Buchhändler bilden gewissermaßen die Aristokraten unter den hundertlei Kategorien von Verkäufern, welche die Straßen des Themsebabels von früh bis in die sinkende Nacht hinein beleben, denn jene blicken auf die Händler mit Apfelsinen, getrockneten Stockfischen oder Zündholzschachteln mit ebenderselben Geringschätzung oder gar Verachtung herab, wie etwa der gewandte Einbrecher auf den gewöhnlichen Taschendieb. Die fliegenden Buchhändler befassen sich vorwiegend mit dem Vertriebe der Erzeugnisse der ausgedehnten Londoner/Straßenliteratur, in denen Beschreibungen oft in gereimter Form von Hinrichtungen, entsetzlichen Mordthaten, verwegenen Einbrüchen, größeren Unglücksfällen u. s. w., dann Scandalosa aus dem high-life des Themsebabel, ferner Pamphlets auf politische, künstlerische und sonstige Tagesgrößen und ähnliche literarische Eintags- producte eine Hauptrolle spielen. Die ,,Fliegenden" rufen ihre Sachen gewöhnlich aus, besonders speculative „Buchhändler" aber engagiren sich bei gewissen Sachen sogenannte Chauntersj, welche singend oder declamirend ihren Herrn und seinen fliegenden literarischen Kram begleiten. Namentlich werden schaurige Mordgeschichten, welche von irgendeinem Straßenpoeten in Balladensorm gebracht worden sind, von diesen Chaunters „abgesungen", oft nach der Melodie eines Gassenhauers, oft aber auch in Anlehnung an die Melodie eines Psalmes oder eines Kirchenliedes; häufig erhalten diese Mordgeschichten auch noch eine fragwürdige Bereicherung durch Einflechtung eines sogenannten „Cock", nämlich erdichteter, möglichst ungeheuerlicher Begebenheiten.
Eine andere Art von Straßenballaden, die hierher
gehören, sind die Wahlgesänge, denn ein Wahltag in England ist stets ein wahrer Kampftag und der Sieger wird dann von den „Chaunters" gewöhnlich wie ein Held besungen. Noch eine andere Abtheilung umfaßt die Elegien zu Ehren bedeutender Persönlichkeiten, so bald diese aus dem Leben geschieden sind, in anderen Classen dieser Londoner Straßenlieder werden größere Feuersbrünste, besonders wenn Personen ihren Tod hierbei gefunden haben, oder auch wohl tragische Schiffbrüche, Eisenbahn-Unglücksfälle, bedeutende Explosionen u. s. w. besungen.
Die „Papier-Arbeiter", wie die fliegenden Buchhändler in der Londoner Straßen - Terminologie bezeichnet werden, zerfallen je nach Art und Weise ihres Vertriebes wieder in verschiedene Unterabthei- lungen. Doch Allen voran stehen die sogenannten „rennenden Händler" oder „Todtenjäger", Speculan- ten, welche die letzten Aeußerungen oder Geständnisse von Mördern, oder eine „schreckliche Tragödie" von erfundenen oder wirklichen Mordthaten, Erzählungen von ungewöhnlichen Einbrüchen, Schilderungen von Eisenbahnkatastrophen und dergleichen Sachen zum Verkaufe ausbieten. Diese „Todtenjäger" repräsen- tiren die eigentlichen fliegenden Buchhändler, weil sie sich fortwährend in Bewegung befinden, dem Publikum ihre wunderbaren Neuigkeiten anpreisen; ihnen gegenüber stehen die „stehenden" Buchhändler, _ welche an einem geeigneten Platze anzuhalten pflegen, I wenn sie der um sie versammelten neugierigen Menge den schrecklichen Inhalt ihrer literarischen Waare in pomphafter Weise inittheilen. Doch auch der fliegende Buchhändler verwandelt sich zeitweise in einen stehenden Händler, indem er an einer Passage, einer Straßenecke, einem freien Platze plötzlich anhält und vermittels eines illustrirten Plakates, welches an der * Spitze einer Stange befestigt ist, den Inhalt seiner l Brochüren, Balladen u. s. w. in übertriebener.Form ’ zum Besten giebt.
Eine besondere Species der Londoner Straßen- i buchhändler sind die „Strohverkäuser", Personen, | welche wirklich oder auch nur angeblich Schriften ; vertreiben, deren Verkauf vom Gesetze verboten ist; sie verkaufen daher für einen bestimmten Preis einen Strohhalm und geben die betreffende Schrift als „Zugabe" umsonst mit. Dieser Geschäftszweig erheischt f eine ungewöhnliche Portion von Unverschämtheit; I denn in hundert Fällen verkauft der Strohhändler j kaum einmal das, was er vorgiebt und was je nach ] dem Charakter seines Kunden bald politischen, bald j schmähenden, bald irreligiösen, bald unsittlichen Jn- ; haltes sein soll. Der Gegenstand, der angeblich nicht ! verkauft werden darf, ist stets sorgfältig in einen l Einschlag eingewickelt und versiegelt, so daß Niemand ! die betreffende Geschichte gleich ohne Weiteres auf - der Stelle durchlesen und somit den Betrug entdecken s könnte. In diese Kategorie gehört auch der Verkauf i von Büchern angeblich unsittlichen oder schlüpfrigen ! Inhalts.
I (Schluß folgt.)
MMsn: i. V. Hermann Elle, — Druck und Verlag der Brühl'schcn Druckerei (Fr. Tbr. Pietsch) in Gießen.


