Ausgabe 
8.5.1888
 
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ersten Male die Kugeln pfeifen hörte, da wurde sie fieberkrank und bebte am ganzen Leibe. So hat sie später dem Herzog v. Marlborough erzählt. Fast war die Schlacht zu Ende, da bohrte sich eine Kugel in Christinens Schulter. Franzosen hoben sie auf und brachten sie nach Landes; und viele Wochen später, als das Wundfieber endlich gewichen war, mußte Christine dem König von Frankreich Treue schwören und fortan kämpfen gegen ihr Vaterland. Wo mochte Richard sein? Wie sollte sie ihn jetzt finden? In der nächsten Schlacht, beschloß sie, wollte sie desertiren und nach Richard fragen, Reihe auf und ab.

Bei Namur wurde hart gekämpft. Die Söhne Alb'ons blieben Sieger. Christine Davis desertirte und trug wieder Alt»Englands Rock, aber ihren Richard fand sie nicht. Da wurde zu Ryswick Friede geschloffen. Tieftraurig kehrte Christine zu ihrem Schankhaus in der City zurück und legte ein schwarzes Kleid an, denn Richard mußte gefallen sein. Aber dennoch war ihr ein Fünkchen Hoffnung geblieben, und als die Werbetrommel nun obermals erklang, mußte Christine Davis wieder mit hinaus. Lord Orkney zahlte das meiste Geld und brauchte die besten Leuts, und Orkney stand unter Marl- borough, dem großen Feldhrrrn und besten Freunde der jungen Königin Anno. Wie diese Königin die Franzosen haßte I Marlbo ough mußte sie aus dem spanischen Geldern jagen und Venloo, Roermonde und Lüttich für seine schöne Königin erobern. Ueberall war Christine Davis dabei und stand immer in erster Reihe, denn das Pfeifen der Kugeln focht sie nicht mehr an. Und überall forschte sie nach Richard Welsh, aber nirgends fand sie ihn.

Dem Kaiser zu Hilfe, auf nach Deutschland, be­fahl Marlborough. Das stolze England und Prinz Eugen, der edle Ritter, reichten sich die Hände und bei Donauwörth wurde heiß gekämpft, bis Bayern und Franzosen die Waffen streckten. Die Zahl der Gefangenen war groß, und auch Christins wurde commandirt, dis Gefangenen zu bewachen. Da end­lich fand sie Richard Welsh I Er kannte seinen ge­bräunten Wächter nicht, sie aber flüsterte ihm Schweigen zu, uud nun erfuhr sie von ihm, daß sein Schicksal dem ihren glich: auch er war von den Franzosen gefangen genommen und mußte dem König Treue schwören.

Was wollten sie nun? Wieder heimkehren zu ihrem Schankhaus in der Crty? Doch nein, sie hatten das wilde Leben im Felde liebgewonnen, und deshalb wrllten sie weiter dienen in Lord Orkney'r Regiment und neben einander kämpfen wie gute Kameraden und, wenn es sein müßte, freudig zu­sammen sterben für England. Old England for ever and everl

Bet Blenheim wurde weiter gekämpft, und eine Franzosenkugel z-schmetterte Christinen das rechte Bein. In seinen Armen fing Richard ste auf. Da kam der Feldscheerer mit Instrumenten und Bandagen,

und plötzlich ging^s durch das Lager von Mund zu Mund: Christoph Welsh sei ein Weib! Alle trieb die Neugierde vor und in das Zelt, in dem Christine lag. Lord Orkmy versprach ihr ein neues Gewand und Herzog Marlborough ließ sich ihr Schicksal er­zählen, ihren Mann rufen und beschenkte sie mit drei Guineen. Ihre Wunde war tief und heilte langsam, aber die siegreichen Engländer machten bei Blenheim lange Rast. (Schluß folgt.)

Vermischtes.

Die Betriebskrafft der Welt. Das sta­tistische Bureau in Berlin hat letzthin einige inter­essante Angaben über diesen Gegenstand veröffentlicht. Vier Fünftel der zur Zeit auf der Welt arbeitenden Maschinen sind während der letzten 25 Jahre gebaut worden. Frankreich besitzt 49 590 stabile oder Loko- mobilkessel, 7000 Lokomotiven und 1850 Schiffskessel; Deutschland hat 59 000 Kessel, 10000 Lokomotiven und 1700 Schiffskessel; Oesterreich-Ungarn 12000 Kessel und 2800 Lokomotiven. Die den arbeitenden Dampfmaschinen gleichwerthige Kraft repräsentirt: in den Vereinigten Staaten 7 500 000, in England 7 000 000, in Deutschland 4 500000, in Frankreich 3 000 000 und in Oesterreich - Ungarn 1 500 000 Pferdestärken. In diese Zahlen ist die Arbeitsstärke der in der ganzen Welt vorhandenen Lokomotiven nicht eingerechnet; die Zahl derselben beträgt 105 000 und schließt eine Gesammt-Energie von 3 000 000 Pfcrdekräften in sich. Wird dieser Betrag zu den früheren addirt, so erhalten wir die Summe von 46 000 000 Pferdestärken. Eine Dampfpferdestärke ist gleich der Arbeitsstärke von drei wirklichen Pferden; ein lebendes Pferd ist aber in dieser Beziehung gleich sieben Menschen. Die Dampfmaschinen der ganzen Welt repräsentiren folglich annäherungsweife die Arbeitsstärke von 1000 000 000 Menschen, oder mehr als das doppelte der arbeitenden Bevölkerung, welche auf der ganzen Erde wohnt. Die ganze Erde hat 1 455 923 000 Bewohner. Der Dampf hat ^demge­mäß die menschliche Arbeitsfähigkeit verdreifacht; er hat den Menschen in den^Stand gesetzt, mit seiner physischen Kraft zu sparen und sich mit seiner intel­lektuellen Entwickelung zu befassen.

Dreierlei Gnade. Unter den unglücklichen Böhmischen Großen, mit welchen Ferdinand II. das bekannte große Trauerspiel der Hinrichtung gab (1621), befand sich auch der alte Graf Thurn, den der Kaiser gern schonen wollte und welchem er deshalb Gnade, doch unter Bedingungen anbieten ließ. Der alte Graf aber, darauf nicht achtend, fragte: Was für Gnade man ihm anbiete? ob eine Böhmische (Kopf ab), ob eine Oesterreichische (Confiscation der Güter), oder eine Mährische (ewiges Gefängniß)?

Redaction: A. Scheyda. Druck und Verlag der Brühl'scheu Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gicgcn.