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Oorn „Heöetöuch des Heufeks."
Das Kartenspielen wird im deutschen Volke seit langer Zeit in allen Ständen und Schichten betrieben, aber wohl nur die wenigsten Kartenspieler dürften über Geschichte und Entwickelung des Kartenspieles, über die ursprüngliche Bedeutung der einzelnen Blätter u. s. w. unterrichtet sein. Gewiß giebt es unter unseren geneigten Lesern so manchen Verehrer des edlen Scates oder des gemüthlicheu Schafkopfes oder auch des einfachen Sechsundfechszig und wie die Kartenspiele sonst noch heißen mögen und eine kleine Plauderei über Entstehung und Entwickelung des Kartenspieles wird ihm da vielleicht nicht unwillkommen sein. — Bereits die Chinesen besaßen schon sehr frühzeitig eine Karte, die sich in ihren Grundzügen bei den bezopften Söhnen des „himmlischen Reiches der Mitte" bis heutigen Tages erhalten hat, doch kann diese chinesische Karte für uns nicht in Betracht kommen. Die unter den civilisirten Völkern des Occidents gebräuchliche Karte, die in ihren Hauptformen in die Tarok- und in die Vierfarbenkarte zerfällt, stammt anscheinend aus Italien, doch läßt sich dies nicht mit absoluter Sicherheit behaupten. Es giebt indessen altitalienische Karten, die sogenannten Trappolakarten, welche aus dem 14. Jahrhundert stammen und diese mag man immerhin als die ältesten der europäischen Karten bezeichnen. Die Bilder dieser Trappolakarten stellen den Papst, den Kaiser und vier Monarchien vor, welche gegen einander streiten und aus den die Monarchien repräsentiren- den Bildern sind offenbar die vier Farben — Treff, Pique, Coeur, Carrean in der französischen, Eichel, Grün, Roth, Schellen in der deutschen Karte — entstanden. Man kann hie und da wohl auch der Behauptung begegnen, die Karten seien in Frankreich von einem Höfling erfunden worden, um den wahnsinnigen König Karl VI. zu erfreuen, welche Behauptung sich indessen durch geschichtliche Documente widerlegen läßt, denen zufolge das Kartenspiel im letzten Jahrzehnt des 14. Jahrhunderts aus Italien nach Frankreich eingeführt worden ist.
Allerdings mag dies zunächst zu dem Zweck geschehen sein, den unglücklichen geistesumnachteten König Karl VI. (gest. 1422) zu beschäftigen und aufzuheitern, jedenfalls werden aber die Karten gar bald auch dem Hofe von Paris und schließlich dem ganzen französischen Volke zur Unterhaltung und Zerstreuung gedient haben. In Frankreich wurden denn auch die Karten zuerst vervollkommnet und zwar durch die Anregung des Malers Jacques Grin- gonneur, welcher unter Karl VII., dem Sohne und Nachfolger Karls des Wahnsinnigen, lebte. Zu dieser Zeit entstand die 52blüttrige Whistkarte, wie sie noch heute neben der 32blättrigen deutschen Karte verbreitet ist; die vier Damenbilder stellten ursprünglich Agnes Sorel, die Geliebte Karls VII., Maria von Anjou, die Gemahlin des Königs, Jeanne d'Arc,
die Jungfrau von Orleans, und Elisabeth von der Pfalz, eine, gelinde gesagt, sehr galante Dame der damaligen Zeit dar. Ebenso bezogen sich die übrigen Bilder meist auf hervorragende Persönlichkeiten der damaligen Zeit; der Pique-König z. B. bedeutete König Karl VII. selbst, die vier „Buben" oder wie sie im französischen heute noch heißen, „Balets", stellten ebenfalls historische Persönlichkeiten dar, Ogier, Lanzelot, La Hire und Hector von Galard.
Ganz unabhängig von der französischen Karte entwickelte sich die deutsche Karte, was schon daraus erhellt, daß das Kartenspiel in Deutschland schon weit früher bekannt war, als in Frankreich, denn bereits im Jahre 1321 verbot ein Bischof von Würzburg seinen Geistlichen die Unterhaltung mit dem Kartenspiel. Doch wirkte auch bei der Entwickelung der deutschen Karte das italienische Vorbild nach, so daß es schon damals in der deutschen Karte ebenfalls „Könige" und „Ober" und „Unter" gab; die „Däuser" scheinen erst später hinzugetreten zu sein. Die Bezeichnung „Wenzel", welche in vielen Gegenden für „Unter" gebraucht wird, trug früher nur der Eichel-Ober und im Schafkopfspiel heißt ja heute noch der Eichel-Ober, der hier die vornehmste Bilder-Karte ist, der „Wenzel". Beim Auftauchen des Scatspiels ging diese Benennung auf die vier Unter über und sei zu Nutz und Frommen der Scatspieler erwähnt, daß der Name Wenzel von Sanct Wenzeslaus stammt. Im Schafkopf hat man ferner eine „Baste", woraus schließlich „Pastor" wurde und worunter bekanntlich der Grüne-Ober verstanden wird. Baste oder Bastian aber ist einfach die Abkürzung von Sebastian und der Heilige dieses Namens wurde in den früheren Karten eben durch den Grünen- Ober repräsentirt.
Die Bedeutung der Figuren auf den deutschen Bilderkarten läßt sich heute nur noch schwer nachweisen und ist man da mehr oder weniger auf Vermuthun- gen angewiesen; wahrscheinlich sollte z. B. der Bär auf dem Eichel-Daus des Reiches Kraft versinnbildlichen, während man in den vier Obern vielleicht Repräsentanten der Fürsten, in den Untern Vertreter der Reichsstände zu erblicken hat.
Die Bekleidung der Figuren auf den deutschen Spielkarten deutet auf das 14. Jahrhundert hin und hat sich in dieser Form bis heute erhalten. Die ältesten Spielkarten wurden gemalt, oft unter Aufwand großer Kunstfertigkeit; im 15. Jahrhundert stach man sie in Kupfer, benutzte jedoch vor Allem den Holzschnitt zu ihrer Vervielfältigung und diese Kartenindustrie blühte namentlich in Ulm, Augsburg und Nürnberg. Die Nürnberger Kartenniacher bezeichneten bis zum Jahre 1518 ihr Fabrikat mit einem aufrecht stehenden Kreuz (4~), wofür dann der Magistrat, jedenfalls aus religiösen Gründen, ein x zu setzen befahl, das sich auch jetzt noch bei bestimmten Blättern der meisten deutschen Spielkarten vorfin- det, gewöhnlich bei der Rothsieben.
RsLsttivn! A, Hcheyda, — Druck und Bkrlsg der Brüh loschen Druckest Er, Ehr, Pietsch) in Gießen.


