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blirben stehen, so lange der Kaiser sichtbar war; es erklangen wohl auch vereinzelte Hochrufe. Aus diesen mehr zufälligen Beweisen der Verehrung hat sich nun in den letzten Jahren eine wahrhaft großartige alltägliche patriotische Kundgebung herausge- stallet, die jeden Theilnehmenderr auf's Tiefste ergreift. Hunderte, ja an schönen Tagen und besonders des Sonntags Tausende, erfüllen, wie noch eben erst am Neujahrstage, den Platz um das Denk- mal Friedrich's des Großen. Mil Mühe halten Schutzleute zu Fuß und zu Pferd die Straßen für die Wagen und für die erwarteten Wachmannschaften frei. Es ist freilich schwer und erfordert viel Geduld bei dm Schutzleuten. Ost entwickeln sich förmliche Wechselgespräche zwischen ihnen und dem Publikum die zu Fuß mahnend, die berittenen mit den wohlgeschulten Pserden die Vordrängenden vorsichtig aber unwiderstehlich zurück weisend. Und das geschieht nicht etwa wie bei anderen Gelegenheiten laut, lärmend, johlend, von brüllendem Gelächter be« glittet. Denn das gehört auch zu dem Wunder- baren: das hier versammelte Publikum und sein V-ryalren. Alle Schichten der Boölkerung, alle Stände, alle Volks- und Altersklaffen sicht man hier vertreten. Man erkennt und begrüßt den hochgestellten Beamten, man schüttelt dem Kollegen die Hand, nickt einem Bekannten zu, lüftet den Hut vor einer Dame, mit der man in Gesellschaft zusammen- gek mmen ist, führt selbst vielleicht seine Frau, seine Tochter am Arm. Bürger, Handwerker, Arbeiter finden sich ein, wenn es geht, mit Weib und Kind. Ossiciere, Soldaten, Kadetten sind erschienen, Schulkinder mit ihren Buckelmapp-n, Dienstmädchen, am Arm den Marklkorb, wenn es gerade die Zeit gestattet. Dazwischen auch niederes Volk, echte Summier. Droschken und Eqripagen fahren auf der Uni« versträtssette die Straße langsam auf und ab, um zur rechten Zeit an für die Jnsaffen günstiger Stelle zu halten. Aber nicht allein Berliner Publikum ist zur Stelle, auch Auswärtige haben sich eingefunden. Manche hat eben erst die Bahn herbeigeführt. Zu Wagen und Fuß eilen sie nun herbri, oft noch die Reisetasche in der Hand, wohl auch außer Athem, weil ste ja nicht zu spät kommen wollen. Denn nicht Wenige hat hauptsächlich das Verlangen und der Wunsch, den Kaiser zu sehen und zu begrüßen, zur Fahrt, oft von weit her, veranlaßt. E n kundiges Ohr vermag leicht den Ostpreußen, den vom Niederrhein, den Schlesier, den Sachsen, den Westfalen zu unterscheiden. Ob der Kaiser auch ganz wohl ist, ob er sich sehen lassen, am Fenster erscheinen wird, hött man die Fragen durcheinanderschwirren. Das wäre doch schade, wenn man die Fahrt nach Berlin umsonst gemacht hätte. Giebt bann der Berliner beruhigende, zuversichtliche Ant- wort, so athmen sie freudig auf. Und dieses so gemischte Publikum v-rhätt sich musterhaft ruhig. Man vernimmt keinen Lärm, hört kein lautes freches Wort, keine schlechten Witze, keine unpassenden Redens
arten. Auch dis Vorlautesten find verstummt; auch sie wollen den Kaiser nicht stören, auch sie beugen sich unwillkürlich vor der Majestät des Alters und der Würde. Nur haben sie sich in dis vorderen Reihen gedrängt, während °die Bescheideneren sich mehr zu- iückhaltrn nach der Seite der Universität hin. denn auch von da hat man den vollen Blick nach den Kaiserlichen Fenstern und ist wohl auch mit einem Operngucker versehen. So bewegt man sich, so steht man in gespannter Erwartung. Da vernimmt man in dec Ferne Musikklänge; es kommen gleichzeitig eilendrn Schrittes von allen Seiten noch Nachzügler herbei. Die Musik nähert sich, sie spielt die Melodie des s„Heil Dir im Siegerkranz" oder „Ich bin ein Preuße, kennt ihr meine Farben". Jeder faßt Posto, den Blick unverwandt nach des Kaisers Arbeitszimmer gerichtet. Nun hat die Musik das Palais erreicht — der Kaiser tritt an's Fenster. Sein Waffenrock ist aufgeknöpft, die weiße Weste, der Orden pour le merite ist sichtbar. Sofort sind die Köpfe entblößt. Zunächst aber gilt des Kaisers Aufmerksamkeit den vorbeimarschirenden Soldaten. Dann gleitet der Blick über die Menge, ein unbeschreiblich freundliches Lächeln verklärt das ehrwürdige Angesicht. Und laut erbraust der Hochruf; die Hüte, Mützen, Taschentücher werden geschwenkt, die Eltern heben die Kinder in die Höhe, daß sie den Kaiser sehen können. Dieser verneigt sich nach rechts und links; fichtlich erfreut blickt er auf die Jubelnden herab, er winkt dankend mit der Hand, und nun hemmt keine Schranks mehr die Menge; sie fluthet über den Fahrdamm, die Schutzleute weichen zurück, bis unter die Fenster eiten die Jubelnden, Zurufenden. Wiederholt winkt der Kaiser — langsam zieht er sich in den Hintergrund des Zimmer» zurück. Oft erhebt sich auch der Gesang des Nattonalliedes aus der Menge. Alle stimmen mit ein. E» ist besonders der Ausdruck der Freude, wenn der Kaiser nach längerem Unwohlsein zum ersten Male wieder am Fenster erscheint, der Theilnahme an bedeutungsvollen Ereignissen, sowohl freudige«, als ernsten und trüben, die dem Kaiser nahe gingen.
Am 2. December, also bald nach ihrer Rückkehr von Koblenz, und am letzten Novembertage war die Kaiserin in der Mittagsstunde im Arbeitszimmer des Gemayls; der Kaiser entfernte den Fenst«rvor- setzer, so daß auch die Kaiserin dem Volke sichtbar wurde. Und auch ihr galten die bis zur höchsten Begeisterung gesteigerten Zurufe.
So wird Kaiser Wilhelm alltäglich die Huldigung seines Volkes zu Theil, eine Huldigung, die, wie ste frei und freiwillig aus dem Herzen strömt, so auch herzlich und gern entgegengenommen wird. Möge es noch lange so bUiben und möge auch der Tag nicht fern sein, an dem auch des ritterlichen Sohnes Heldengestalt in voller, wiedererlangter Gesundheit an dieser Huldigung theilnehmen kann."
Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'scheu Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.


