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Gleich rechts vom Flur war Wolter's Privat« comptoir. Es war dies ein großes, sehr hübsch ein« gerichtetes Zimmer, das durch nichts Anderes, als durch einen Schreibtisch, der sich in einem runden Ausbau besand, auf diese Bezeichnung Anspruch machen konnte. Von diesem Ausbau vermochte er sowohl den größten Thetl der Fabrikanlagen zu übersehen, als auch Alles wahr zu nehmen, was von der Chaussee aus durch dis große Gitterpforts den inner« Hofraum betrat.

Es war gegen zwölf Uhr Mittags. Der Ge­heimrath Wolter saß zurückgelehnt auf einem weiten Lehnstuhl, der vor seinem Schreibtisch stand und hatte in diesem Augenblick die Augen geschlossen. Seine Hände waren gefaltet und um die Mundwinkel lag ein wehmüthiger Zug.

Auf dem Schreibtisch lagen verschiedene Papiere, neben denselben stand ein kleiner, eiserner Kasten, dessen Deckel geöffnet war.

Nach einigen Minuten schlug Wolter die Augen auf, er erhob sich mit einem hörbaren Seufzer und begann jetzt im Zimmer langsam auf und ab zu wandern.

Ich hätte nicht geglaubt", sprach er halblaut vor sich hin,daß die Serlenlast, die ich mir aufge« bürdet, so schwer zu tragen sei! Wie konnte ich vor- aursetzen, daß in meiner vierzigjährigen Brust, als wäre ich ein Knabe von achtzehn Jahren, eine Liebe, dis ich für immer beherrschen zu können glau'te, zu einer Leidenschaft emporflammen würde, durch die ich bedroht werde, über kurz ober lang den letzten Rest meiner Kraft, meiner Selbstbeherrschung einzubüßen! Noch, ja noch bin ich im Stande, die lodernden Ge« fühle meines Innern hinter einer ruhigen Maske zu verbergen, noch ahnt Niemand den Sturm, der mein Herz durchrast I Aber wie lange wird es währen, daß ein Tag kommen wird, wo ich unterliege, unter­liegen muß, wo meine zitternden Nerven, wenn ich keine Erhörung finde, zerreißen und mein Geist in die Nacht des Wahnsinns versinkt I"

Erhörung?" fuhr er mit einem kurzen Auflachen fort,daran jetzt noch zu glauben, darauf jetzt noch zu hoffen, an dieses schwankende Rohr der bloßen Möglichkeit sich anzuklammern das ist schon der Anfang von Wahnsinn, und dennoch kann ich mich von dem Wahn nicht losreißen, daß sich noch ein« mal ein wärmere« Gefühl, das Gefühl der Liebe, für mich entwickeln wird I Ich würde tief unglücklich werden, wenn ich diesen Wahn aufgeben müßte. Mein thörichtes Herz flüstert mir zu, daß noch nicht alle Hoffnung verloren ist, und meine Vernunft ruft mit lauter Stimme, es ist unmöglich I Und sie hat wohl Recht I Kann das schöne Weib einen Mann lieben, dessen Gesicht so häßlich, so entstellt ist, wie da» meine? Hat sie es in dem Brief an die Tante nicht mit klaren Worten gesagt, al» ich ihr meine Hand antrug, um einen Freundschaftsbund für'» Leben zu gründen? O, wenn ich gewußt hätte, welche Qualen ein solcher Freundschaftsbund über ein menschliches Herz ausgießen kann, da» heiß

und mit jedem Tage heißer liebt, ich würde die» Bündniß nicht gefordert haben, denn damals hätte ich die Kraft gehabt, meine Gefühle zu unterdrücken, und die Ruhs wäre auch wohl allmählig in mein Herz zurückgekehrt, aber jetzt, nachdem ich sie fast zwei Jahre lang täglich gesehen, täglich in ihrer be­glückenden Nähe geweilt, nachdem ich dis herrlichen Eigenschaften ihres Charakters nur noch gründlicher kennen gelernt, jetzt habe ich diese Kraft nicht mehr l"

Er unterbrach sich ging, zu seinem Lehnstuhl zu­rück, ließ sich mechanisch wieder aus demselbm nieder» starrte längere Zeit in Gedark n verloren vor sich hin und brach dann wieder in laute Worte aus:

Wie ost habe ich schon den Entschluß gefaßt, wenn ich allein mit ihr war und wir wie zwei gute, Freunde vertraulich mit einander plauderten, ihre Hand zu ergreifen, sie an die Brust zu ziehen und einen Kuß auf die schwellenden Lippen zu drücken, aber in dem Moment, wo ich zur Ausführung schreiten wollte, da ertönten ganz laut in meinem Innern die Worte:Ich schätze ihn hoch, aber lieben kann ich ihn nicht, fein Weib könnte ich niemals werden", und zaghaft zog ich mich wieder in mich selbst zu­rück." (Fortsetzung folgt.)

Kaiser Mkyekm am Imster.

Unter diesem Titel schildert Karl Euler in der Voss. Ztg." diejenige Erscheinung de» heutigen Berliner Lebens, welche späteren Geschlechtern wahr­scheinlich al» die charakteristischste und voltsthüm- lichste au» der Regierung de» Kaiser» Wilhelm er­scheinen wird.

Wenn aber der Kaiser wieder in Berlin weilt, in seinem bescheidenen Daheim Unter dcn Linden, dann vollzieht sich jeden Tag eine Huldigung, so wunderbar, so eigenartig, daß unsere Enkel, die nur vom Hörensagen davon wissen, nur davon gelesen haben, es kaum werden begreifen können. Dee t Kunst hat allerdings mit Griffel und Pinsel solche j ©eenen festzuhaltrn versucht. Aber was vermögen \ diese Darstellungen gegenüber der selbsterlrbtcn Wirk- ) lichkeit?

Es ist hergebrachte Sitte, daß der Truppentheil, welcher die große Hauptwache um 1 Uhr des Mit­tag» bezieht, mit voller Regimentsmusik aufmarschtrt; j es wird dabei der Weg an dem Kaiserlichen Palais \ vorbeigenommen. Der Kaiser, wenn er in Berlin > anwesend ist, pflegt dann die Arbeit ober eine von ! ihm gerabe ertheilte Audienz auf kurze Zeit zu unter« I brechen, um an da» Fenster zu treten und nach den strammen Schritte» Vorbeimarschirenden hinzusehen, - bi» sie vorübergezogen find. Die gerade des Weges Kommenden gingen entblößten Haupte» vorüber oder