62

Neuvermählte. Frieda braucht von der ganzen Sachs vorläufig nichts zu erfahren, und wenn es Ihnen Recht ist, nehme ich sie dis dahin mit nach Berlin und Ihnen steht es frei, Ihre Tochter dann und wann zu besuchen. Wie denken Sie über diesen Vor­schlag?"

Ich sehe ein, daß dies das Richtigste ist, so einsam ich mich auch bis dahin in dem leeren Hause fühlen werde."

Dafür soll Sie, wie ich hoffe, ein belebter und anregender Winker entschädigen, denn ich weiß, daß Sie die Geselligkeit lieben, und wir wollen uns ge­meinschaftlich Mühe geben, unser Haus zu einem gesuchten zu machen. Dort steht Frieda auf dem Balkon, so ist sie also schon aus dem Institut zu- rückgekebrt sie sucht offenbar uns mit ihren Blicken im Garten, ich will zu ihr gehen und sie fragen, ob sie Last hat, mich zu begleiten und unter dem Siegel der Verschwiegenheit werde ich ihr an« verirauen, daß ich zum Herbst wiederkomme, nur soll sie noch nicht wiflen, in welcher Eigenschaft es geschieht."

Alexandra reichte dem Geheimrath noch einmal die Hand und sagte:Möge denn der Himmel unser« Bund segnen'! * worauf sie sich aus dem Pavillon entfernte.

Das walte Gott!" kam es leise über Wolter's Lippen. Er sah dem schönen Weibe, das, die herr­liche Figur hoch ausgrrichtet, wie eine Fürstin auf dem braunen Kieswege der Villa zuschritt, lange schweigend nach; als Alexandra durch die Garten« ihür verschwunden war, strich er sich mit der Hand über die Augen und sprach halblaut vor sich hi«:

Verlobt ein Freundschaftrbund und keine Liebe? Werde ich die Tantalusqualen ertragen können, nicht verdursten vor ungestillter Sehnsucht, den Becher der Freude nur einmal an meine Lippen zu führen? Und wenn ich wüßte, daß das Gift uner­füllter Wünsche langsam und sicher mich verzehren würde, ich würde sie dennoch zurückhalten, denn nur sie sehen, ihre Nähe empfinden ist schon ein Glück; und müßte ich sie entbehren, so würde es dunkle Nacht um mich werden 1 Und ist denn jede Hoffnung entschwunden, kann nicht Freundschaft in Liebe über­gehen, wenn auch nicht bald, wenn auch erst nach Jahren? Ja, ich will diese Hoffnung hegen und sie soll mich trösten, wenn ich verlangend die Arme ausstrecke und nur die leere Luft erhasche!"

Er schwieg mehrere Minuten, dann sprach er mit leiser Stimme, und doch dabei sich umsehend, als wenn ihn Jemand hören könnte:

Darf ich ihr verschweigen, was auf dem tiefen Grande meiner Seels verborgen liegt und wovon kein Sterblicher eine Ahnung hat? Ist es denn nicht meine Pflicht, bevor die Kirche uns verbindet, ihr da? Grheimniß meines Lebens zu nennen? Und wenn es auch so wohl verwahrt ist, daß nach mensch­licher Berechnung es nie ans Licht des Tages treten wird, kann nicht ein tückischer Zufall das sicherste

Calcal umfloßen? Doch nein! es ist ja gar nicht möglich! Der ich war, der ist auf dem Meere gs« storben, wer kann nsir beweisen, daß ich nicht der sei, der ich bin? Und wird sie mir glauben, kann ich sie zwingen mir zu glauben, wenn ich ihr einen entsetzlichen Roman erzähle, in welchem der Held ebenfalls keinen Glauben fand? Ha! der Hauch nur eines Zweifels könnte mir den Verstand rauben! Sie soll es nie erfahren I Ich habe noch nie gezittert, ich fühle in mir Ruhe und Sicherheit, ich muß die einzige Lüge meines Lebens bis zu Eads führen und darf cs nicht wagen, sie zu beunruhigen und durch mein Vertrauen ein Glück auf'« Spiel zu setzen, das ich erst soeben errungen! Mein Herr und Gott, du hast mir reichlichen Ersatz gegeben für das, was du mir genommen, schütze mich in dem, was ich mir neu erworben!"

Langsamen Schrittes verließ er den Pavillon und betrat gleich darauf das große Gartenzimmer der Villa, wo Frieda ihm mit glückstrahlendem Gesicht entgegeneilte und ihm erzählte, daß Tante Alexandra übermorgen nach Berlin reisen wolle, daß sie, wenn der Papa es erlaube, die Tante begleiten dürfe, und daß dieselbe, w-nn sie wiederkämen, vielleicht bei ihnen bleiben würde für immer."

Kannst Du Dich denn von hier so lange trennen?" sagte Wolter.

Ich weiß, daß Du uns schon bald in Berlin besuchen wirst, da wird mir die Trennung von Dir schon leichter. Erlaubst Du es denn, Papa?"

Wenn Tante Alexandra Dich mitnehmen will, da kann ich ja gar nicht Nein sagen."

Dank, besten Dank, lieber Papa!" rief Frieda hocherfreut aus.Ich will auch Alles, was ich sehe und erlebe, in mein Tagebuch schreiben, und das darfst Du später gerne lesen!"

Sie flog wieder davon, um der Tante zu sagen, daß der Papa ihr die Erlaubniß gegeben.

Am zweiten Tage darnach reiften Alexandra und Frieda ob, Wolter fuhr in der ersten Zett alle vier­zehn Tage, später jeden Sonntag nach Berlin als das Jahr zu Ende gehen wollte, fand in aller Stille die Vermählung statt.

Siebentes Kapitel.

Reichlich zwei Jahre waren Wolter und Alexandra jetzt vermählt. Etwa vierzehn Tage später, als Siegfried Rohdenberg von der Frau Geheimrath Wolter ausgefordert worden war, die Direktion ihres Gesangvereins zu übernehmen, befand sich deren Ge­mahl auf der Fabrik, wohin er fast täglich jeden Morgen gegen zehn Uhr hinausfuhr und von wo er erst zum Diner zurückkehrte, das für gewöhnlich um sechs Uhr stattfand. Das ursprünglich sehr elegant eingerichtete Wohnhaus seines Vorgängers war größtentheils zu Lagerräumen eingerichtet worden, ausgenommen ein Theil des Parte res, in welches man die verschiedenen Csmptoire verlegt hatte.