habe Dich zu sich gerufen. Dein Regimentschef er- theilt Dir einen vorläufigen Urlaub von vier Wochen. Noch heute reist Du von hier ab nach Hamburg, wo Du das nächste Schiff besteigst, das nach Amerika fährt. Solltest Du je zurückkehren, so hast Du den Ort zu vermeiden, an welchem gerade Dein Regiment stationirt ist."
„Und woher weißt Du denn dies Alles, da doch den Officieren das Ehrenwort abgenommen wurde, zu schweigen?" fragte Franz.
„Man hat mich gerufen und auch mir das Ehrenwort abgenommen. Da doch kein Officier zu dem in Ach! Gethanenen gehen konnte, um mit ihm zu verhandeln, so wußte man sich keinen andern Rath, als Deinen Vormund ins Vertrauen zu ziehen. Sprich, Franz, willst Du dis Bedingungen erfüllen ?"
„Ich kann nicht, Onkel! Mein Weg, den ich zu machen habe, ist mir vorgeschrieben. Das Uttheil des Ehrengerichts bleibt moralisch stehen, so bleibt auch das Brandmal stehen, ich bin geächtet — unter der Schande kann ich nicht athmen!"
(Fortsetzung folgt.)
Gin Apostet des Vegetarianismus.
Von A. S.
(Nachdruck verboten.)
Ein Trauerfall in der Familie hatte mich nach jahrelanger ununterbrochener Tätigkeit für einige Tage von meinem Posten frei gemacht. Ich bestieg in Frankfurt a. M. das Dampfroß, um gen Berlin zu fahren. Der ungelegene Zeitpunkt (es war Ausgang des Monats) in Verbindung mit meiner angeborenen Sparsamkeit veranlaßten mich die dritte Wagenkaffe zu benutzen. Das Coupo, welches ich in der schönen Mainstadt bestieg, war leer. Nach und nach wurde es auf den Bahnhöfen, die wir paffirten, lebhafter und schließlich erhielt auch ich, nachdem mein Coups, das augenscheinlich für weite Touren bestimmt war (wenigstens von Frankfurt aus) lange verschont geblieben, Reisegesellschaft. Zwei junge Leute stiegen ein, die bald in lebhafter Unterhaltung begriffen waren. Der eine war ein blutjunger Reisender, der mit großen Erwartungen hinauszog, um vermuthlich recht kleinlaut zu seinem Chef heimzukehren; der andere war ein Beamter, welcher von den Dreißigen auch noch ein recht nettes Stück entfernt sein mochte. Die beiden Reisege- fährten waren zwar gesprächig und guter Dinge, dabei aber ruhig und bescheiden, was ich um so wohlthuender empfand, als mich der Beweggrund zu meiner Reise recht trübe stimmte.
Wir drei Jnsossm des Coupo's waren mehr denn eine Stunde ruhig weitsrgefahren, als die Lokomotive wiede um ertönte und der Zug brausend in H. ein
fuhr. Die Coupäthür wurde hastig geöffnet und herein stieg ein stattlicher Herr mit schwarzem Voll- bart. Zwei Handkoffer wurden ihm nachzetragem Ec nahm nicht sofort Platz, sondern sah erwartungsvoll zum Wagenfenster hinaus. Endlich schien die Erwartete — es war ein Dienstmädchen — zu kommen. „Hier, hier", rief er und winkte mit der Hand. Athemlos kam das Mädchen herangestürzt und reichte unferm neuen Reisegefährten eine gefüllte Düte hinauf. „Was kostet es?" fragte dieser. „Sieben- zig Pfennige" erwiderte das Mädchen. „Sie find wohl nicht gescheidt", replicirte der Vollbärtige, „wie kann das siebenzig Pfennige kosten!" — Der Zug begann sich in Bewegung zu fetzen. „Geben Sie mir mein Geld, es kostet so viel" rief das Dienstmädchen und lief neben dem Zug her. Der Herr suchte in seinem Portemonnaie und warf endlich, nachdem das Mädchen seinen Dauerlauf bereits aufgegeben hatte, das Geld zum Wagenfenster hinaus. Ob es die siebenzig Pfennige gefunden hat, weiß ich nicht.
Mit dieser kleinen Scene führte sich der vierte Jnsaffe unseres Wagens ein. Nachdem er Platz genommen und uns keck und lustig angesehen hatte, öffnete er die ihm von dem Mädchen gereichte Düte und brachte schmunzelnd einen Haufen Backwerk zum Vorschein. Dann begann er tapfer zu kauen. Als wir den bärtigen Freund von Conditorwaare erstaunt ansahen, lächelte er vergnügt und sagte zu uns gewendet: „ich bin Vegetarianer meine Herren; auf der Reise kann man nicht viel machen, da muß unsereins sehen, wie er seinen Hunger möglichst anständig und mit möglichst viel Abwechselung stillt."
Wir lachten zu dieser überraschenden Erklärung seiner Liebhaberei für Backwerk. Ich konnte die Bemerkung nicht 'unterdrücken, daß sein Aussehen seine Worte freilich nicht bestätige.
„Und doch ist es so" erwiderte unserer Vegetarianer und schilderte dann mit einer solchen Eloquenz die Vorzüge des Vegetarianismus, daß wir geradezu „paff" waren. „Eßt nur Fleisch" donnerte er uns an, „und Ihr seid auch bald für die Würmer. Gott, sind die Menschen noch unverständig! Wissen Sie denn nicht, daß durch den Fleißgenuß die meisten Krankheiten heraufbeschworen werden? Denkt doch nur an Moses und sein Verbot des Genusses des Schweinefleisches. Unsere Zeit nennt sich stolz die fortgeschrittene, sie sollte aber die rückwärts schreitende heißen, denn was man vor tausend und mehr Jahren ffchon als gesundheitsschädlich verbot, wird heute als gesundheitfördernd empfohlen. Es ist unglaublich! Meinen Sie denn, meine Herren, Moses hätte den Genuß des Schweinefleisches wegen etwas Anderem, als bett Trichinen verboten? Der hatte erkannt, daß der Mensch kein Fleisch genießen darf, wenn er gesund und von Krankheiten verschont bleiben will." Dabei griff er zu einem seiner Koffer, schloß flugs auf und holte eine Handvoll Broschüren über den Vegetarianismus hervor, die er freigebig vertheilte.
„Ra, meinte ich, Sie sehen aber nicht wie ein


