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In diesem Augenblick erschien Johann in der Thür, um zu melden, daß dir Kranke nach den Damen verlange.
„Bitte den Baron, zu uns zu^kommen."
Sie befanden sich im Conferenz-Zimmer, während der Baron sich in's Wohnzimmer begeben hatte. Sofort erschien der alte Herr.
„Die Kranke verlangt nach uns, bester Freund I' sagte Ulrike, „gehen Sie, bitte, zu ihr, Hedwiga muß erst Toilette machen, senden Sie die Pflegerin fort und beginnen Ihr Manöver. Gott fei mit Ihnen."
Der Baron verbeugte sich feierlich und verschwand.
„Mein Gott, was bedeutet dar Alles?" rief Hedwiga, „mir wird ganz ängstlich, Tante Ulrike!"
Diese setzte sich wieder zu ihr, legte den Arm um sie und erzählte ihr, was sich heute zugetragsn.
„Weshalb riesst Du mich, Tante?" fragte Hedwig« athemlos und erregt.
„Sie verlangte gestern, Euch zu sehen, — die heutige Urberrafchung konnte ich nicht ahnen, geschweige denn vorher schon hindern."
„Und Tante Irmgard glaubt wirklich, mich verhandeln zu können? — Ich werde ihr diesen Irr- thum rasch nehmen, Tante!"
„Und sie auf der Stelle^tödten", sprach Ulrike mit erstickter Stimme.
Hedwiga blickte sie mit schmerzlichem Erstaunen an.
„So könntest Du dieses grausame, ja schändliche Opfer wirklich von mir erwarten, Tante Ulrike?" fragte sie unruhig.
„Nein, nein» mein geliebtes Kind!" schluchzte jene, sie in die Arme schließend, „Du sollst es nicht, es wäre eine Todsünde, die keine Vergebung verdiente. Laß uns die Rückkehr des Barons erwarten, und wenn seine Bitten und Beschwörungen nutzlos gewesen, dann reife sofort wieder in die Residenz zurück, da Du mit der Sterbenden nicht reden, auch mit jenem Grafen nicht zusammentreffen darfst. Ein Wagen soll Dich nach der nächsten Station bringen, damit Du auf dem Bahnhof nicht gesehen wirst."
„Ich gehe zum Major Tellkamp", versetzte Hedwiga rasch, „dort bleibe ich, bis der Sturm ganz vorüber ist."
„Gut, ich werde alles Uebrige auf mich nehmen", nickte Ulrike schwermüthig, „komm' jetzt, mein Kind, wir wollen zu Tisch gehen, Du wirst hungrig genug sein."
„Rein, Tante, ich könnte keinen Biffen rffen, mir ist das Herz zum Zerspringen schwer."
„Wohl, Kind, auch mir ist nicht leicht um's Herz, desto weniger aber dürfen wir das Leibliche hintansetzen, um die nöthige Kraft uns zu bewahren."
Sie nahm mit mütterlicher Zärtlichkeit Hedwiga» eiskalte Hand in die ihrige und sah ihr liebevoll in die Augen-
„Du sollst nicht geopfert werden, mein theures Kind!" sprach Ulrike mit fester Stimme. „Ich werde für Dich eintreten, mag kommen, wa» da wolle.
Nun aber sti gut und verständig, Hedwiga, trinke ein Glas Wein und esse ein wenig, mir zu Liebe."
Hedwiga küßte sie und ließ sich von ihr in's Speisezimmer führen, wo der Tisch bereit» gedeckt war. Sie trank etwa» Wein und lehnte sich müde in den Sessel zurück. O, wären doch Ulrich und Egon zu ihrem Beistände hier I — Die Arme kannte Ulrike nur zu genau, um gar zu viel von ihr zu hoffen; sie wußte, daß die Kranke gerade jetzt, wo ihr Lebens-Docht nur schwach noch glimmte und in jedem Augenblick erlöschen konnte, die unumschränkteste Macht über das opferbereite Schwesterherz besaß, eine Macht, welche die despotische Irmgard sicherlich bi« zum letzten Athemzuge erbarmungslos aueüben würde.
Drinnen im Krankenzimmer saß der Baron, welcher die Pflegerin eine Zeit lang zu entfernen gewußt, neben dem Sterbebett, mit leisen, einschmeichelnden Worten auf die wachsbleiche, schon einer Leiche ähnelnde Irmgard einsprechend.
Unruhig tasteten ihre dünnen Finger auf der seidenen Decke umher, während die eingesunkenen Augen mit zweifelnder Angst an dem gutmüthigen Antlitz ihre» alten treuen Verehrers hafteten.
„Nein, nein", flüsterte sie endlich mit einem leisen Röcheln, „Sie irren sich, Baron, der junge Graf ist sein Neffe, von ihm gesandt, eine Botschaft au« dem Grabe--hören Sie, aus dem Grabe — ich
muß — gehorchen. Er sieht ihm ganz gleich, sein Ebenbild — Baron! — Nasch, ängstigen Sie mich nicht mehr — er — ein Betrüger — Sie glauben selber nicht daran — rufen Sie — Hedwiga — sagten Sre nicht, daß sie schon angekommen — o — wie lieblos — ich sterbe —"
Der Baron reichte ihr erschreckt die Medicin, worauf sie sich wieder erholte und mühsam nach der Thür deutete.
„Der Zug ist noch nicht angekommen", log der alte Herr mit klopfendem Herzen. Es war seine erste Lüge gegen sie, welche sein Gewissen arg beschwerte; Trauer um die Sterbende, und Mitleid mit der guten Hedwiga zerrten an dem guten Baron und führten ihn in die schlimmste Sackgasse seine» Leben». Er rief die Pflegerin wieder herein und begab sich gesenkten Hauptes nach dem Conferenz- Zimmer zurück.
„Alles umsonst", seufzte er, „auf einen Sessel niederstnkend, „sie will sich'r nicht einreden lassen, daß dieser Rüdershausen möglicher Weise ein Betrüger sein könne. Es ist ja richtig, daß er seinem Onkel ganz frappant ähnlich steht, wobei aber doch ein Betrug durchaus nicht ausgeschlossen ist."
„Und ich soll nun nach einem Menschenalter sür die Sünde eines Elenden büßen!" ries Hedwiga, sich jäh emporrichtend, „nein, nein, das wird nie, — niemals geschehen I"
Der Baron blickte mit einer hülflosen Miene auf Ulrike, die wortlos vor sich hinstarrtr. Dann richtete auch sie sich fest entschlossen auf.
„Nein, Kind!" sprach sie mit unnatürlcher Ruhe,
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