Hießener Jamilienbläüer.
Belletristisches Beiblatt zum Gießener Anzeiger.
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M, 131, Dienstsg, den 6. November. 1888.
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Am Kaufe Irnmendorf.
Deiflinal«ew«itt von 8 mitt« Heinrich».
(Fvrtsrtzvn,.)
„Ich kann warttn, wenn ich nur eine Stunde Zeit behalte, bevor jener Graf seinen Besuch wieder» holt", meinte der Baron zuversichtlich, indem er seine Uhr zog. „Nh, schon halb drei, de? Zug wird eintreffen, soll ich die Erwarteten am BaWchof empfangen, meine Gnädigste?"
„Ich wäre Ihnen dankbar dafür, lieber Baron! Sir sind so lieb und gut."
„Kein Wert davon, Verehrtests! Sie wissen, daß es mir selber d*e größte Freude bereitet."
Er küßte ihr die Hand und eilte hinaus.
„Sagen Sie nicht» daß wir Männer Egoisten sind, mein gnädiger Fräulein", bemerkte der alte Arzt ruhig.
„Ich glaube, daß Ihr Geschlecht viele rühmliche Ausnahmen besitzt", versetzte Ulrike, ihm mit feuchtem Blick die Hand reichend, „bin auch nicht so thöricht, mich und mein Geschlecht für selbstlos zu halten. Im Gegenthril, lieber MMcinalrath, wir sind allzumal Sünder und mangeln des Ruhm», den wir vor Gott haben sollen. Es ist für uns arme feh« ! lende Menschenkinder recht schwer, nach Christi Vor- ■ bild zu leben."
„Es wäre vielmehr eine Lust zu leben, wenn nur zehn Prccent der Menschheit von einer solchen Gr sinnung beseelt wären", sprach der alte Herr, ihre Hand ergreifend und an seine Lappen sührend. „Gott steh' Ihnen bi» zum Ende bet, mein gnädiges Fräulein, und schenke Ihnen den Lohn, der Ihrem edlen Hrrzn gebührt."
Er verließ rasch das Zimmer, und bemerkte draußen zum alten Johann, daß derselbe besser daran thäte, jedem Besuch, welcher den Namen Rüdershausen führe, die Thüre vor der Nase zuzuschlteßen.
„Ja, wenn ich das nur dürste, an mir sollt'» nicht liegen", meinte Johann verduzt.
„Das ist'» ja eben, Alter!" brummte der Medi- cinolrath, „vielleicht besorgt» der junge Herr."
25.
Der gute Baron Lerchenheim war sehr enttäuscht, am Bahnhof nur Hedwiga in Empfang nehmen zu können und schüttelte über Ulrich« Krankheit bedenklich den weißen Kopf.
„W ll Tante Irmgard ihn durchaus sehen?"
fragte Hedwiga, al» der Wagm mit ihnen davon rollte.
„Da» weniger, liebes Kind I" erwiderte der Baron, welcher sich unter vier Augm diese Vertraulichkeit zuweilen herausnahm, was immer ein Zeichen großer, innerer Erregbarkeit bet ihm war. „Da» weniger, Tante Ulrike und ich, wir hätten ihn gern al« Familien-Havpt daheim gesehen. Doch reden wir hi?r nicht weiter davon, es ist nichts für fremde Ohren."
„Stehi's denn wirklich so schlimm mit Tante Irmgard?" fragte Hedwiga unruhig weiter, „Sie verbergen mir etwas, Onkel Lerchenhrim!"
„Ja, ja, es steht schlimm, recht schlimm mit ihr, liebe Hedwiga! — Doch run keine Frage mehr, bi» wir daheim sind."
Nach einer Weile hielt der Wagm vor dem Jm- mendors'schen Hause. Johann öffnete den Schlag und ließ die Herrschaft aussteigen, worauf Hedwiga rasch in's Haus eilte und im nächsten Augenblick von Tante Ulrike mit einer fast stürmischen Zärtlichkeit begrüßt wurde. Dann legte sie Hut nnd Mantel ad und schaute der Tante forschend in die umflorten Augen.
„Füllt Dir der Abschied so schwer von Tante 1 Irmgard?" fragte sie leise, „oder — fordert sie noch l ein letztes Opfer von Dir?"
„Nicht von mir", erwiderte Ulrike mit zuckenden l Lippen.
I „Und von wem denn sonst? — Vielleicht von
| Ulrich? — Er ist krank —"
„Er ist nicht mitgekommen?"
„Nein, Tante, es war unmöglich, da er im Fieber liegt."
!„Der arme Junge", sprach Ulrike tonlos, „vielleicht ist es beffsr so."
„Also betrifft das Opfer wirklich ihn?"
„Nein, mein geliebtes Kind, nein", rief Ulrike • in ausbrechendem Schmerz, „Du sollst das Opfer« ■ lamm sein."
Hedwiga richtete sich stolz empor, und ihre dunklen
\ Augen flammten.
I „Tante Irmgard hat über wein Schicksal keine I Gewalt", sprach sie ruhig, „auch fühle ich durchaus i kein Verlangen, als Opferlamm zu dienen, — ich ' bin nicht so selbstlos, wie ihre arme gemißhandelts
Schw'st r es bislang gewesen, und werde unter diesen Umständen sofort wieder abreisen."
, Du weißt ja noch gor nicht, um welches Opfer es sich handelt, Hedwiga!" sagte Ulrike, sie mit sanfter Gewalt neben sich auf'ü Sopha niedergehend^


