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Ec hatte wohl recht gesehen, der arme Major, da auch Hedwiga nur in Egon's Blicken zu lesen schien. Aber die heutige Jugend ist anders als vor zwanzig, dreißig Jahren, der Materialismus unserer Zeit, welcher die amerikanischen Begriff- des eigenen Jchs, die kraffe Selbstsucht nur zu sehr fördert und jides ideale Streben als hirnverbrannten, nutzlosen Ballast und verächtliche Hungsrleiderei bei Seite stößt, erzieht ein Geschlecht, das keine Schranke sentimen- talen Gefühls und vollständiger Aufopferung für fremde Jntereflen refpectirt, und sein eigenes Glück rücksichtslos über das Glück Anderer setzt.
Waren Egon Dörner und Hedwiga von Jmmen- dorf von solcher Art? Der gute Major schien gerade nicht an das Gegentheil zu glauben, da er immer unruhiger wurde und sich zuletzt in steigender Unbehaglichkeit zu Ulrich und seiner Nichte flüchten wollte. Unbemerkt und geräuschlos hatte er sich ihnen genähert, als er auch hier ein gegenseitiges Verständ- niß entdeckte, das ihn ganz fassungslos machte.
Von der den Erzählungen des be.ühmten Reisenden ungetheil! lauschenden Gesellschaft ganz unbeachtet, saßen Ulrich und Magda in einem lauschigen Winkel, leise mit einander plaudernd und allem An> schein nach, sehr glücklich und zufrieden. Sie horchte mit süßem Erröthen seinen Worten und sah dann plötzlich mit sichtlichem Erschrecken zu ihm auf, als könne sie nicht faffen, was er ihr mitgetheilt.
(Fortsetzung folgt.)
Aas Ienesiz der LustKömgin.
(Schluß.)
Bei der Eisenbahnstation stand AnitaLerbroko, in ihre beste und einzige Straßentoilette gekleidet, den zur Reitbahn führenden Weg scharf beobachtend. Als die silberverschnürten Attilas der Offiziere sich zeigten, promenirte die Königin der Lust am Stromes- ufer langsam ihnen entgegen, anscheinend ganz in die Lektüre eines Buches vertieft., und gerade auf dem Schienengeleise vor dem Eingänge zur Eisenbahnbrücke begegnete sie den tapferen Angehörigen des herrlichen Kriegsheeres.
Schneidige Husarenlieutenants pflegen gegenüber liebenswürdigen Cirkuskünstlerinnen sich nicht eben allzu reservirt zu benehmen; im Nu war das hübsche Mädchen von den Offizieren förmlich umringt, alle Augengläser waren auf sie gerichtet, mehrere Schnurrbärte wurden unternehmend gedreht und ein Kreuzfeuer von Komplimenten ergoß sich auf die Luftkönigin, welche indessen nur kurze schnippische Antworten ertheilte. Als gar ein besonders keckes Gräflein erklärte, unbedingt und auf die Gefahr hin zudringlich zu scheinen, auf die kleine Hand Anita's einen Kuß zu drücken sich veranlaßt zu fühlen, floh die
Künstlerin mit Blitzesschnelle davon, den einzigen ihr offenstehenden Ausweg einschlagend: sie lief der Eisenbahnbrücke zu und sie schritt (wenn man diesen plumpen Ausdruck auf das ätherische Schweben einer so zarten Sylphe überhaupt anwenden darf) mit leichten Füßen auf dem einen Schienenstrange dem jenseitigen Ufer zu, so gewandt und kühn, als habe sie ihr gewohntes Drahtseil unter sich. Erstaunt und enttäuscht sahen ihr die Offiziere nach. Doch da brüllte der herbeistürzende Bahnwärter aus Leibeskräften: „Fräulein, kehren Sie sofort um, auf der Stelle! Rasch! rasch! Es kommt gleich ein Zug!"
Man hörte ein silberhelles Lachen der Luftkönigin, aber unbeirrt verfolgte sie ihren Weg, der in diesem Augenblick die übliche Eigenschaft des „Pfades der Tugend", schmal zu sein, in der That aufwies. Und da donnerte auch schon der Zug heran, hinter dem Bahnhofsgebäude her eine Krümmung beschreibend, welche dem Lokomotivführer einen Ueberblick der Brücke nicht gestattete. Endlich hörte der Mann die angsterfüllten Rufe, den Zug halten zu lasten. Durchdringend schrillte die Dampfpfeife mehrere Male rasch hinter einander, die Bremsen knirschten, aber es war zu spät. Lokomotive und Waggons passirten den größeren Theil der Brücke und die Künstlerin war verschwunden.
Alle Zuschauer der nervenausregenden Scene eilten auf den anderen Theil der Brücke und spähten grauenerfüllt nach den treibenden Eisschollen des Stromes hinunter, zwischen denen man einen verstümmelten Leichnam zu erblicken fürchtete. Die Luftkönigin jedoch hing wenige Fuße unter dem Geleise unversehrt, nur etwas bleich geworden, an einer der Eisenstangen des Brückengebälks, welche sie im Hinabspringen mit beiden Händen erfaßt hatte, eine Kleinigkeit selbst für einen Anfänger in der edlen Kunst der Trapez-Exercitien. Rasch und gewandt schwang sie sich wieder empor, grüßte mit spöttischer Handbewegung die Offiziere, welche begeistert in stürmische Rufe: Bravo, bravissimo, superb, pyramidal und dergleichen mehr ausbrachen, und ging ganz gemüthlich zum jenseitigen Ufer, woselbst einige angesehene Bürger der Stadt bereits die nicht wenig fluchenden und scheltenden Bahnbeamten durch gütliches Zureden beschwichtigten.
Gab das aber am Abend ein Benefiz! Wie ein Lauffeuer hatte sich die Kunde von der Begebenheit in der ganzen Stadt verbreitet. Der Cirkus war bis zum letzten Stehplatz gefüllt. Jeder wollte die Luftkönigin sehen, das Offizierkorps spendete ihr einen Lorbeerkranz mit Inschrift: „Der muthigm Künstlerin", der Fabrikanten-Verein einen Blumen- Aufsatz mit Inschrift: „Lohn der Tugend", und der biedere alte Str am polini konnte noch fast eine Woche lang sehr gut besuchte Vorstellungen geben; mit wohlgefülltem Säckel verließ er das schöne Dingskirchen, an dessen „Kunstsinn" er fortan nicht mehr im Mindesten zweifelte.
Gustav Kopal.
Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schm Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.


