chichener Jamiüenbläller.
Belletristisches Beiblatt;um Gießener Anzeiger.
Nr. 118. Samstag ben 6. October. ..... "1888*.
Im Kaufe Immendorf.
Original-Roman von Emilie Heinrichs.
(Fortsetzung.)
Thorsen mußte wohl oder übel gehorchen und sich wieder an seinen Platz verfügen. Er fühlte sich durch den Namen Adam Sturm, den der Verwundete so oft wiederholt, in einen unangenehmen Zwiespalt mit seiner Ueberzeugung gebracht und suchte sich vergebens durch den Gedanken, daß auf die Worts eines Fieberkranken kein Gewicht zu legen, kein Zsugniß oder irgend ein Beweis aufzubauen sei, zu beruhigen.
Das ganze Gebäude seiner stolzen Combination schien aus den Fugen zu gehen und in sich zusam- menzubrechen. Adam Sturm! Der Name klang unaufhörlich in seinem Ohr, — etwas mußte doch daran sein, zumal er selber die wilde Hetzjagd nach dem kleinen Gehölz mit angesehen, bi« zum blutigen Abschluß mit verfolgt, als handelnde Person dabei agitirt hatte.
Der Detectiv seufzte leise, da er in diesem Augenblick die Qual einer zertrümmerten Hoffnung, einer grenzenlosen Enttäuschung empfand. Dieser Mensch, welcher das Opfer eines ruchlosen Verbrechens schien, war nach seinen allerdings unzurechnungsfähigen Worten ein Räuber, ein Dieb, hatte jenen Mann, vor dem er, wie Thorsen mit eigenen Augen gesehen, geflohen war, drüben in einem andern Welttheil bestohlen und beraubt. Das mußte jedenfalls seine Richtigkeit haben, da er sonst nicht vor ihm zu ent- fliehen brauchte, und war dieses richtig, weshalb sollte alsdann der Name Adam Sturm ein Freder- wahn sein? Damit aber mußte auch der Verdacht gegen Ulrich Jmmendorf zerstieben, wenn dieser nicht vielleicht den fremden Namen sich beigelegt batte, um draußen die eigene Familie nicht bloß zu stellen?
Der schlaue Detectiv richtete den gesenkten Kopf neu belebt wieder auf und ein Strahl der Hoffnung blitzte in den kleinen Augen. Ein solcher grober Jrrthum wäre für ihn gleichbedeutend mit einer Brandmarkung gewesen.
Die Fieberreden des Kranken formten sich vor seinem geistigen Blick zu einem düster», verbr-cheri- schm Lebensbilde, dessen Hintergrund der Palast eines Edelmannes bildete. Ein verlorener Sohn wie dieser heimgekehrte Jmmendorf, der zum Besten der Familie nach einem andern Welttheil geschickt, dort bis zum Dieb und Räuber gesunken war.
Vielleicht hatten diese beiden hoffnungsvollen
Sprößlinge adliger Geschlechter ihre wirklichen Namen gegenseitig vor sich verheimlicht, combinirte Thorsen emsig weiter, worauf er nach diesem Zugeständniß seines eigenen Scharfsinnes an die bedenkliche Klippe des waffenlosen Mörders kam. Er hatte den Schuß gehört, der von letzterem glücklich abgewendet worden, jedoch das jetzige Opfer im Handumdrehen zum Mörder gemacht haben würde. Natürlich, sie bedrohten sich Beide als Todfeinde, was allerdings wiederum zu dem logischen Schluß führte, daß sie in diesem Falle in der Nothwehr sich befunden, von einem Mord im Sinne des Gesetzes somit keine Rede sein konnte.
„Gut, gut", murmelte der Detectiv, als er sich in dieser unerwarteten Sackgasse befand, „dann haben wir zwei Verbrecher anstatt des einen. Wer kann wissen, was die sauberen Vögel drüben eingebrockt haben, tim schleunigst das Weite zu suchen. Wenn ich den eleganten Freiherrn nur später, sobald unser geheimnißvoller Edelmann hier, welcher sich selber als Dieb denuncirt, wieder ganz bei Sinnen ist, soweit verdächtigen kann, um ihn diesem Burschen vor- stellrn zu dürfen, dann werben wir sehen, wer der Geprellte ist."
Der Verwundete war wieder eingeschlafen und der Wächter verfügt« sich zu seinem Schulkameraden, um mit diesem eine Herzstärkung aus einer kleinen Rrnnflasche z« sich zu nehmen.
„Ein famoser Kerl, was?" flüsterte er, „ob ich sein Bekenniniß dem Jnsprctor mittheile?"
„Unsinn", brummte Thorsen, das dargerrichte Gläschen leerend, ,,5Du mußt es doch aus Erfahrung wissen, was auf Fiebergewäsch zu geben ist. Die Sache wird sich umgekehrt verhalten, in solchem Zustand verwirren stch Dinge und Menschen im wirbelnden Gehirn, wie ich selber es erfahren."
„Freilich, es bat sich mancher ehrliche Kerl im Fieber für einen Todtfchläger gehalten", nickte Lüttmann vsrständntßooll. „Ich wollte, der Alte brächte ihn durch."
„Möchte es selber wünschen, um später von ihm zu profittren", meinte Thorsen- „könnte mir Stoff zu einem Roman geben."
Der Wächter lachte leise, da er keine große Meinung von dem Genie seines einstigen Schulkameraden zu haben schien. Dann aber sah er besorgt und nachdenklich aus, indem er bemerkte, daß es gerathen sei, den unbefugten Gast vor Tagesanbruch aus dem Hause zu entfernen.
„Um 4 Uhr werde ich durch einen College» abgelöst", flüsterte er, „vorher muß ich Dich in meins


