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Der junge Mann blickte das schöne Mädchen lange und schweigend an. Kein Zag in seinem Ge- sichte veränderte sich; er erhob sich auch nickt zum höflichen Gruße, sondern blieb wie geistesabwesend sitzen und auf einmal bemerkte dar Mädchen mit unaussprechlichem Staunen, daß aus den Augen des schönen, jungen Manne« Thräne um Thräne hervor perlte. , L ,
„Verzeiht, daß ich den Anstand verletze und Euch zuerst anspreche", sagte Olla, „aber Ihr scheint unglücklich, sehr unglücklich zu sein und offenbar seid Ihr den Zügen und Eurer Kleidung nach ein Engländer."
Der junge Mann schaute sie an mit ernster, milder Sanftmuth. Es war scheinba nichts Leerer - in seinem schönen edlen Gesichte, nur eine tiefe \ Melancholie, ein trauriger Ernst, der Olla rührte - und betrübte.
Er antwortete nichts auf ihre Ansprache.
Halb beleidigt über dieses sonderbare Stillschwei, gen wandte sich Olla um, ihn zu verlassen, als er - mit seinem schmerzlichen Schrei ihren Umhang erfaßte \ und ausrief:
„Geh'nicht fort I Schöne Dame, geh' nicht fort!' In diesem Augenblicke eilte Frau Meint, die die
I Fremden von ihrem Fenster aus gesehen hatte, zu l ihrem Pflegling heraus. Ihr rosiges, angenehmer
Gesicht gefi-l Olla auf den ersten Blick.
„Wollt Ihr nicht in die Hütte kommen, Signo- rina?" fragte sie knlxend. „Alles, was mein Haus bieten kann, steht zu Euren Diensten. Verzeiht, daß
| der arme, junge Engländer Euch nicht antwortete, als Ihr ihn zu fragen schient, er spricht sehr wenig."
„Er — er ist nicht krank?" stammelte Olla in \ verwirrter Überraschung.
„Ach ja, Signorina!" seufzte Frau Mcini. „Er \ hat eine hoffnungslose Krankheit — im Gehirn, ’ wißt Ihr, Signorina", und sie legte einen schlanken, braunen Finger an ihre Stirn, um den Worten mehr Nachdruck zu geben.
„Nicht verrüät — er ist nicht wahnsinnig!" rief Olla ganz außer sich.
Tressilian seufzte tief und schwer und setzte sich wieder auf den Felsen, von dem er aufgestan- den war. , , ,
„Nicht toll — nicht tobsüchtig, Signorina", sagte die Sicilianerin kummervoll; „aber so wie Ihr ihn da seht, er ist sanft wie ein Kind und so höflich und ruhig — der atme, junge Engländer! Aber er spricht nichts, Mylady, und er erinnert sich an gar nichts, nicht einmal an seinen Namen."
„Aber was thut er hier?" fragte Olla.
„Das will ich Euch erklären, Signorina. Vor einiger Zeit war ein schrecklicher Sturm. Es war in der Nacht vom 12. dieses Monats, ich weiß er ganz genau, denn am nächsten Tage ging das Dampf- boot nach Marseille ab."
„Ja, ich erinnere mich an diesen Sturm, flüsterte Olla. r ...... s
In diesem Sturme litt ein kleines, sardinischer
Wärter und wer weiß, ob er nicht auch beauftragt j ist, des Nachts meine Thür zu bewachen."
„Das wird kaum nöthig sein", entgegnete Frau Poplry. „Herr Gower hat einen andern Wächter im Garten, der ihm noch treuer ist, als der bezahlte Diener. Ich meine den wilden Hund, der uns folgt. Ich glaube, er streicht die ganze Nacht um die Villa herum. So oft ich in der Nacht ein Fenster öffne, um frische Luft zu schöpfen, machte der Hund einen Sprung in die Höhe und heulte, als wollte er mich zerreißen. Ich fürchte dieses Geschöpf, Fräulein Olla. Er ist gegen Jeden wild, nur Krigger und Herr Gower ausgenommen, und Jim hat den Befehl, ihn weder zu füttern noch zu hätscheln; ja er darf nicht einmal mit ihm sprechen. Jim sagt, der Hund werde täglich nur einmal mit rohem Fleisch gefüttert ä und Kriager brauche nur ein Wort zu sagen und j das Thier würde selbst Euch in Stücke zerreißen, | Fräulein Olla."
Das Mädchen schaute erschrocken drein. \
„Ich sehe, Amme", rief sie aus, „mein Vormund | hat wirklich eine genügende Waffe für seine Gefan- ’ grne ausgefunden. Ich bin froh, die Eigenschaft; dieses Hundes zu kennen; so lange Herr Goweri seine jetzige Brhandlungrweise aufrecht erhält, werde ! ich mich nicht beklagen." i
Sie schlug den Weg die Küste entlang ein und blieb nur hier und da stehen, um ein Schiff zu bk- trachten oder das prachtvolle blaue Meer zu bewundern.
Ungefähr eine Meile von der Mlla entfernt kamen sie durch ein ärmliches Fischerdorf und dann Mer eine schmale Ebene, die sich zwischen den Bergen hinzog, zu den Felsen des Capo di Gallo.
„Wir müssen diesen Berg erklimmen, Mutter Popley", sagte sie lachend. „Weich' eine herrliche Aussicht werden wir bet dieser reinen Luft und dem Hillen Sonnenschein aus das Meer und den Monte Pelegrino haben. Bist Du nicht ermüdet?"
„Durchaus nicht. Ich könnte bis an's Ende des Vorgebirges gehen", erwiderte Frau Popley,
Dies war ein einsamer, kahler Punkt, mit einer einzigen Hütts in Sicht; diese Hütte stand in geringer Entfernung vom Felsenrande und ein kleiner Wintergarten und eine Wiese, auf welcher Ziegen weideten, stießen rückwärts daran und gehörten offenbar zur Hütte.
„Ich gehe dort in die Hütte nach einigen Trau- ben, Mutter Popley — ich bin so durstig 1 lieber* dies möchte ich gern das Innere eines so hübschen, kleinen, weinumrankten Häuschens sehen. Willst Du mitgehen?"
Ohne eins Antwort abzuwartrn, lief sie davon; aber in der nächsten Minute blieb sie verwirrt und eriöthend stehen. Denn nur einige Schritte von ihr entfernt faß auf dem Felsen ein junger Mann, der bet' schönste war, den sie bisher gesehen hatte, und er sckauke sie an mit traurigen Augen — blau wie das Meer unter ihnen — Augen, deren seltene Schönheit sie nie wieder im Leben vergessen konnte.


