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Hichener Jamilienbläüer.

Belletristisches Beiblatt?um Gießener Anzeiger.

1888.

Samstag b$n 5. Mai.

Nr. 53.

Der Gröe des Kaufes. \

Roman von Hermine Frankenstein.

(Fortsetzung.)

Olla ging in den Salon hillab, wo ihr Vor- mund sie erwartete. Er reichte ihr seinen Arm und \ führte sie durch die weite Halle in einen großen, f prachtvollen Speisesaal, von welchem hohe Bogen» - fenster nach dem Orangenhain hinausgingen.

Olla nahm am oberen Ende des T'sches Platz, ihr Vormund am unteren. i

Krigger bediente.

Herr Gower bemühte sich, ein Gespräch aufrecht s zu erhalten, aber seins Mündel war in keiner ge- - sprächigen Laune und nach einer Weile wurde er , auch still.

Nachdem Krigger den Nachtisch aufgetragen hatte, entfernte er sich auf ein stummes Zeichen seines Herrn.

Olla schlürfte ihren schwarzen Kaffee und spielte mit ihren grünen Feigen und rothen Trauben; und ihr Vormund, welcher ihr zuschaute, fühlte seine Liebe für sie neu aufleben. Sein Gesicht glühte und seine Augen fingen an zu leuchten.

Ich glaube, ich habe Euch nicht gesagt, daß ich um einen Wagen und um ein paar Pferde sandte", bemerkte er;Ihr seht, wie vorsorglich ich auf Eure Bequemlichkeit bin, Olla. Ich habe keinen Wunsch, Eure Bewegung zu beschränken! Er giebt einige hübsche Spazierfahrten hier I Die Straße nach Pa­lermo ist die schönste! Ihr könnt' täglich ausfahren! Es sind auch romantische Spaziergänge in der Um­gebung! Ihr zeichnet gut und werdet monatelang Nahrung für Euren Stift finden. Ihr könnt' Eure künstlerischen Anlagen hier sehr gut ausbilden I Aber geht ja nicht unbeglettet aus! Er giebt allerhand Vagabunden in der Gegend, laßt Euch daher stets von Frau Popley und ihrem Sohne begleiten!"

Olla schaute ihren Vormund mit heiteren Blicken an. Seine Worte klangen, als ob er in der That beabsichtige, ihr volle Freiheit zu lassen.

Herr Gower mißdeutete diesen Ausdruck; er glaubte, daß sie an einen neuen Fluchtversuch denke.

Natürlich werde ich jede Vorsicht für Eure s Sicherheit gebrauchen", fügte er hinzu;nicht nur | Popley soll mit Euch gehen, sondern Krigger soll Euch gleichfalls begleiten!"

Als Spion?" fragte Olla.DLü'n bin ich wirklich eine Gefangene hier?" ___

Ihr seid Herrin hier, Olla; aber natürlich werde ich gegen jede Möglichkeit weiterer Fluchtversuche vorbauen. Der Kutscher, die Haushälterin und der Koch sind alle von mir gedungen. Ihr könnt' sie nicht bestechen! Ich werde Euch nicht verfolgen, aber ich will Euch nur klar machen, daß ich jetzt Herr bin und daß jede Flucht unmöglich ist!"

Er stand auf, reichte ihr seinen Arm und führte sie in das Empfangszimmer zurück.

Olla war eins Gefangene, das heißt, sie wax eine Gefangene, die spazieren gehen, fahren, reiten konnte, aber außer Frau Popley und ihrem Sohne Jim war stets Jemarn hinter ihr, der die Rolle des Wächters und Spions zu spielen hatte. Olla konnte das Haus nicht verlassen, außer es war Herr Gower bei ihr oder dessen Kammerdiener und ein riesiger, grauer Hund, der gegen jede Liebkosung unzugäng­lich war und nur von Krigger gefüttert und gepflegt wurde.

So verging eine Woche. Während dieser Zeit hatte sich Olla mit allen schönen Punkten in der Nachbarschaft bekannt gemacht; sie hatte die Spitze des Pelegrino erstiegen und die Grotte der heil. Rosalia besucht und einige Skizzen gemacht, die sie an regnerischen Tagen zu vollenden beabsichtigte. Sie hatte auch gelernt, sich in der Villa heimisch zu fühlen. Herr Gow-r behandelte sie mit der ausge­suchtesten Höflichkeit und hütete sich, sie durch allzu große Wärme und Freundlichkeit seines Benehmens zu be­unruhigen. Das arglose junge Mädchen glaubte wirklich, daß er allen Ansprüchen aus ihre Hand entsagt habe und daß er sie nicht wieder mit feinen Liebesbetheuerungen quälen werde.

Wie wenig kannte sie Devrevx Gower!

Er war nicht der Mann, der so leicht aufgab, was er sich zu erreichen vorgenommen hatte. Er konnte unermüdlich und geduldig fein, wie ber In­dianer , aber sein starker, unbeugsamer Wille und seine heißen Leidenschaften gewannen früher oder später immer den Sieg. Da er jetzt nur ei» zartes Mädchen vor sich hatte, das die Welt nicht kannte, erwartete er einen leichten raschen Sieg.

An einem sommerhellen, freundlichen Nachmittag wünschte Olla einen Streiszug aufwärts der Küste gegen Capo di Gallo zu machen. Wie immer, beglei­tete sie die mütterliche Freundin, deren Sohn und der unvermeidliche Spion nebst dem großen Hunde.

Wenn ich nur diesen widerwärtigen Menschen nicht mehr in meiner Nähe wüßte", sagte Olla zu ihrer Begleiterin.Er ist offenbar mein Gesangen'-

tsch) in Gießen.