Enehener Jamiüenblätler.
Belletristisches Beiblatt zum Gießener Anzeiger.
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Ux. 40. Donnerstag dm 5. April. 1888.
Die verkorene Biöek.
Original-Roman in 3 Bänden von Dr. Carl Hartm ann-Plön.
(Fortsetzung.)
Mit zitternden Händen zerriß sie das Couvert und nachdem sie den Inhalt gelesen, sank sie auf einen Stuhl und blickte mehrere Minuten starr vor sich hin. Dann sagte sie in wehmüthigem Tone:
„War denn eine solche Eile nothmendig? Er geht von uns, vielleicht auf Monate, und er hat nicht gewartet, bis ich nach Hause gekommen, um mir persönlich Lebewohl zu sagen? Jede Stunde geht ein Zug von hier nach der Stadt — lag denn Gefahr in dieser einen Stunde? Ach nein — er liebt nlich nicht mehr. Denn wenn er mich liebte, könnte er so nicht von mir gehen! Wer hätte es geglaubt, als ich ihm die Hand reichte zu einem Freundschaftsbunde, daß langsam zwar, Schritt für Schritt, anfangs mir selbst noch unbewußt, die Liebe zu diesem edlen Manne in mein Herz sich senken würde? Und jetzt liebe ich ihn wahr und innig und darf meine Gefühle nicht verrathen! Denn hat er mir nicht selbst gesagt, daß sein Herz für die Liebe gestorben, daß er nur noch Freundschaft zu bieten im Stande sei? Und durfte ich ihm mein Inneres zeigen, auf die Gefahr hin, zurückgewiesen zu werden? Oft, wenn ein warmer Blick aus seinen großen, tiefen Augen mich traf, da erbebte meine Seele, da hoffte ich die Schranke wird fallen, aber in der nächsten Minute, als wenn er zuviel gegeben, als wenn er jede Mißdeutung vermeiden wollte, war es, als wenn er die Schranke nur noch höher aufrichtete. Und wie schlägt in diesem Augenblick ihm mein Herz entgegen, dem Vielgeprüften. Aber er hat auch von Frieda nicht Abschied genommen", fuhr sie fort, „und Frieda war doch zu Hause! Er schreibt, daß der Bankier Römer fallirt habe und er dabei große Summen verloren! Allmächtiger Gott!" rief sie plötzlich mit lauter Stimme und sprang empor. „Welch ein furchtbarer Gedanke keimt in meinem Gehirn! Wenn durch diese Verluste feine eigene Existenz bedroht wäre? Wenn er die Furcht, die Angst, abermals seine Ehre zu verlieren, nicht ertragen könnte, nicht ertragen will! Noch vor kurzer Zeit hat man gesehen, daß hier Licht im Zimmer gewesen, kein Diener hat ihm seine Koffer gepackt, ohne die er doch eine solche Reise nicht antreten konnte! Wer hilft mir? Was soll ich beginnen?"
i Und von einem plötzlichen Entschluß erfaßt, i stürzte sie nach der Klingelschnur.
„Anspannen lassen, sofort, auf der Stelle!" rief i sie dem Diener zu. „Wir fahren nach Fichtenberg!" z Zehn Minuten später befand sie sich auf dem
= Wege nach Fichtenberg.
* * *
Heinrich Langenbach wurde von dem Diener über die verschiedenen Treppen und Korridore bis vor die Thür von Gedelmann's Zimmer geführt. Als auf ein zweimaliges Anklopfen keine Antwort erfolgte, öffnete er dieselbe und überschritt die ■ Schwelle des Schlafgemachs. In dem Bette lag der alte Mann mit geschlossenen Augen.
Langenbach trat an das Krankenlager und er- ’ griff die Hand des Greises, um nach dessen Puls ! zu fühlen. Der Körper des alten Mannes zuckte bei dieser Berührung zusammen, er riß die Augen weit auf und sagte mit kaum hörbarer Stimme:
I „Sind Sie — es Herr — von — Stolzenberg? Kommen —■ Sie, — um den — schwarzen Kasten — zu holen, — den ich — hundert Jahre — bewacht — und den — wir — vorgestern — zusammen — aus der — Gruft der Gräfin —
\ Fichtenberg — geholt?"
Dem Mediciner stand der Athem still.
„Welche Gnade — des Himmels, — daß — er Sie — noch in der — letzten Minute — meines Lebens — an mein Bett — führt. So kann mir ' — der letzte Enkel — meines geliebten — Herrn , die Augen — zudrücken."
Rach dieser anstrengenden Rede sank der Kopf in die Kissen zurück, und als Langenbach nach dem , Pulse fühlte, war derselbe kaum noch zu bemerken.
„Um Gotteswillen", rief der Mediciner jetzt, „wo ist denn der Kasten?"
Noch einmal öffneten sich die Lippen des Sterbenden und kaum noch verständlich sagte er:
In — dem — großen — Schranke — der — Schlüssel — liegt — hier — auf — dem — Tisch."
Ein langer Athemzug, und der Kastellan war vcrf$icbciu ,
Langenbach ergriff sogleich den Schlüssel, öffnete den Schrank und leuchtete hinein — da stand der Kasten.
„Ja, das ist er", sagte er und sah mit fast verklärten Blicken auf den unverhofften Fund. Dann warf er noch einen Blick auf den Todten und verließ das Zimmer.
i Endlich erreichte er mit seiner schweren Bürde


