8
werden zuweilen umsonst bcwirthei- Eifrig wandert vom frühen Morgen bis zum späten Abend Einer zum Andern und wünscht Glück, bis die Runde gemacht ist, was beinah' eine Woche in Anspruch nimmt; auch der Armen wird nicht vergessen, sie erhalten irgend eine kleine Gabe und müßte der Beglückwünschte sie sich selber absparen und abdarben. — Nicht minder gewissenhaft ist die Art, in welcher man sich gegenseitig 'gratulirtl Nachdem zuerst mit Gesundheit, Glück und Segen begonnen worden, folgt das Uebrige, je nach Bedarf, wie: „eine junge Frau, ein junger Freier, viel Schellfisch-, viel Verdienst und kein Verlust -- nie aber fehlt der bedeutsame Wunsch: „ein ruhiges HerzI" — Auf diese guten Wünsche erwidert der Andere stets: „Das gebe Gott wiederum so!" worauf der Gratulant bewirth.t oder beschenkt wird. „Komm wieder!" heißt's zum Abschied dann, und: „Ich komme wohl!" lautet die übliche Antwort.
Dasjenige Land, in welchem das Neujahr sehr ernst und feierlich begangen wird, ist England, besonders in London. Dort tönt dar Läuten der Glocken spät am Sylvesterübend als einzige öffentliche Freuden Kundgebung, bis des alten Jahres letzte stunde vorbei, und das neue Jahr begonnen hat, und: „Ein glücklich Neujahr!" — „ein frobes neues Jahr!" erschallt cs überall als Glückwunsch, sobald nach altem Brauch dir ersten Glsckeastimmen das alte Jahr aus-, das neue eingdäutet haben.
Wohl finden kleinere Einladungen im engeren Kreise statt, doch allgemeine, lärmende Kundgebungen beim Jrhrrswechsel unterbleiben, besonders seit das Beschenken zu Neujahr, das einst in England (wie noch jetzt in Frankreich und Belgien an Stelle von Weihnachten) üblich, größtmtheils — außer hie und da auf dem Lande — anfgehört hat. Erhalten dagegen hat sich in einigen Thülen Englands eine höchst kuriose Art, Neujahrsgeschenke zu erpressen. Es ist dies die lustige alte Sitte, der sogenannten: „Reitstange". Mit einer großen Stange und mit Körben bewaffnet, postiren sich vom frühesten Morgen an Gruppen junger Leute auf Plätzen und Straßen, um ALrs, was zufällig des Weges vorüberwandelt, mit freundlicher Gewalt zu ersuchen, sich entweder auf die Stangs oder in den Korb zu setzen, um sich auf diese ungewöhnliche Weise bis zum nächsten Wirthshaus transportiren ,u lassen, wo ein Sixpenee- Lösegeld den unfreiwilligen Touristen ihre Freiheit wiedergibt.
„Und giebst Du nicht willig, so brauch' ich Gewalt!" hieß auch die Loosung jener sogenannten „Bechteli"; weißgekleidete Mädchen und Buben, welche ehedem am Nrvjahrstage mit grellbemalten Papierhüten, nebst Schellen und sonstigem Spektakel in den Dörfern der nördlichen Schweiz umherzogrn, um überall, wo sie Halt machten, einen Schluck Süßwein zu begehren, und Abends in den Straßen die Vorübergehenden in» Wirthshaus zu nöthigen und Wein dort zu jfpendiren, doch ist dieses Ver
gnügen, das „Bcchteln", bereit fest anno 1529 für den 1. Januar abgeschsfft.
Ein anderes Neujahrs-Vergnügen aber hat sich in den franzöfischm Ortschaften der Vogesen und in einigen Dörfern des E-saß noch erhalten: dis Sitte, den Brunnen mit einem „Mai" zu schmücken. Die jungen Mädchen zieren nämlich einen kleinen Tannenoder Stechpalmenbaum hübsch mit Bändern, Eierschalen, und kleinen Figuren, die gewöhnlich einen Banum vorstellen, der seine Frau prügelt, und stecken diesen Mann in der Neujahrsnacht als „Maibaum" auf den Brunner?, ja, es gilt sogar als eine ganz besondere Ehrensache, sich in dessen Schmuck möglichst zu überbieten. Am Neujahrstag wandert dann Alles zu dem Brunnen, ihn zu bewundern, und Abends tanzen die Mädchen dort singend einen Reigen, an welchem das männliche Geschlecht sich nur nach eigens erhaltener Erlaubmß brtheiligen darf. Als schützendes Symbol für dis gütigen Spenderinnen bleibt nun der Baum das ganze Jahr hindurch so stehen.
Die sonstigen Neujahrs-Bräuche, Belustigungen und Lustbarkeiten: da« „Ansingen oScr Anspielen" de« neuen Jahres, das über den Stuhl ins neue Jahr springen 2C, in aller Hülle und Fülle aufzuzätzlerr, würde zu weit führen, zum Thnl sind sie auch wohl bekannt, ebenso wie solche Vergnügungen, welche zuweilen für drn Empfänger unterhalt-«der als für den Austheilrnden sind, denn die Empfindungen gegenüber gewissen Neujahrs-Gratulanten, denen man nicht dis Hand, sondern statt dessen etwas in dis Hand drückt, find doch wohl für Manchen sehr gemischt, nicht minder, wie diejerügm beim Anblick gewisser Nrujahrsbriefr, welche zwar keine Glückwünsche, dafür aber unqaittirte Rechnungen enthalten! — Keine Rose ohne Dornen!
Erwähnung mögen nur noch einige Hofbräuche finden, darunter vor allem die rn-hc originellen als wohllautenden Gratulationen, welche Friedrich der Große jedcö Neujahr an sein Heer zu richten pflegte. — So hieß es z. B. in dem Armee B fehl vom 31. Dccrmber 1.81: „Ihre M-j üät der König lassen allen Herren DifkieiS zum neuen Jahre gra- tuliren, und die nicht ftnb, wie sie sein sollen, möchten sich bessern", während der Glückwunsch vom 2. Januar 1783 also lautet: „Ihre Majestät der König lassen allen guten O'ficters vielmals zum neuen Jahre gratuliren, und wünschen, daß sich die übrigen so betragen, daß Sie ihnen künftig auch gratuliren können!" — Gegen-Gcaiulationen waren damals in Berlin verbeten; — dagegen war seit dem 1. Januar 1767 am Hof zu Wien der Mujchrstag der größte Galatag de« Jahres.
Zum Schlüsse nun sei allen Lesern hiermit noch der schöne Nrujahrtgruß zugcrufm, welchen alter Brauch im vorderen Schwarzwald vorschreibt:
„Ich wünsche Euch ein gutes neues Jahr, den gesunden Leib und den heiligen Geist, und Alle«, was Ihr Euch selber wünschen möget!" K. R.
Rödactkm: A. Scheyda. M Druck und Verlag der Brühl'scheu Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen,


