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Der Wärter besann sich einen Augenblick und winkte ihm dann, zu folgen. Geräuschlos stiegen sie hinaus. Thorsen mußte in einem kleinen, dunklen Raum, wo sich des Wärters Beit befand, warten und es sich gefallen laffm, hier eingrschlosien zu werden.
Er wartete geduldig mit der stoischen Ruhe eines Mannes, welcher ein bestimmtes Ziel vor Augen hat. Langsam rückte der Zeiger vorwärts, bis endlich die Stunde schlug, wo Alles ruhig wurde, die Wächter in den Straßen ihren Rundgang begannen und Niemand in dem weiten Gebäude mehr wachte als der Schmerz, die Fieberangst der Kranken und einige Wärtrr, welche mit der Nachtwache betraut waren.
Unhörbar drehte sich jetzt der Schlüssel, um Thorsen zu befreien, und nach wenigen Augenblicken befanden sich die beiden Freunde in der Kranken- Zelle, wo der Verwundete sich befand.
Der Detectiv trat an sein Bett» ließ einen Licht, strahl auf sein Gesicht fallen und bemerkte dann leise, daß er nicht schlecht ausfähe.
„Na, es geht", brummte der Wärter, seinen Schulkameraden hinter einen großen Bettschirm plackend, „des Burschen Gesicht gefällt mir überhaupt nicht, scheint ein nichtsnutziger Strolch zu sein, obwohl er Hände und Füße wie ein Edelmann besitzt."
„Wer ist es denn eigentlich? Hat man keine Papiere bet ihm gefunden?"
„Nichts, was auf eine Spur leiten könnte, vielleicht besinnt er sich nach und nach selber darauf."
„Sonderbare Geschichte", meinte Thorsen.
„Ja, noch sonderbarer, daß die Polizei den Thäier schon beim Kragen gehabt haben und er ihren Händen wieder entschlüpft sein soll. N», die Nase, welche der Schutzmann bekommen, hält' ich auch nicht haben mögen."
„Gewiß nicht", bekräftigte Thorsen ruhig. „Man hat ihn noch nicht wieder gefaßt, wie ich vernommen", setzte er hinzu, „dieser hier wird ihn wohl nennen können."
„Ja, wenn's damit genug wäre, der Name kann der Polizei nicht» nützen, er wird seine Person längst in Sicherheit gebracht haben."
Sie plauderten jetzt von vergangenen Tagen, Thorsen log wie gedruckt, wie man im Volkrmunde recht bezeichnend zu sagen pflegt. Er erzählte, daß ec als Reporter bei einem hiesigen Blatt angestcllt sei und sein gutes Auskommen habe, daß er deshalb hoffe, von dem alten Schulfreunde einige Neuigkeiten hinsichtlich diese» Sensationsfalles zu erhalten und daß diese Nacht ihm den entbehrten Schlaf doppelt bezahlt machen werde.
„Donner und Doria I" brummte der Wärter überrascht, „dos hätte ich vorher wtffen sollen, mein Junge, Du wärst meiner Treu' nicht hier. Könnte mich in eine doppelte Patsche bringen, besonders, wenn solche Geschichten brühwarm in die Zeitung kommen, na, ich danke!"
,,Unbesorgt, mein siebe? Lüttmann", lächelte
Thorsen, „Du sollst keinen Schaden davon haben, im Gegeniheil! — Doch still, war das nicht der Kranke?"
Der Wärter erhob sich rasch, um an'» Bett zu treten, während Thorsen gespannt horchte.
„O, wie er rennt", stöhnte der Verwundet; angstvoll, „dbk Henker hole den Schnellläufer, was will er hier, der Dummkopf konnte drüben bleiben. Da ist er schon, haltet ihn fest, der Bursche ist ein Teufel ~"
Er wollte im Fieberwahn aufspringen, doch hielt ihn des Wärters kräftige Hand zurück.
„Ruhig Blut, mein Freund", begütigte ihn dieser, „er holt Euch nicht ein. Was habt Ihr ihm denn gethan?"
„Was ich ihm gethan habe?"
Der Verwundete lachte höhnisch auf.
„Nicht der Rede werth", flüsterte er, „einige tausend Dollars, ein LumpMgeld war'», mir konnt's gerade passen, wie?"
„Na freilich", nickte der Wärter, einen Blick nach dem Schirm werfend, hinter welchem der De- tecliv saß und eifrig niederschrieb, was der Kranke im Fieberwahn sprach. „Ihr nahmt ihm das Geld und machtet Euch davon, nicht wahr?"
„Das hätte ein Jeder gethan, der Narr braucht es nicht. Hört, wie er schimpft, Räuber, Dieb! — das laß ich mir nicht gefallen als Edelmann, oho, was ist Adam Sturm? Ein Plebejer! — Man steht ihm dm gemeinen Mann an, hätte auch sonst nicht so viel Aufhebens davon gemacht. Komm' nur heran, Adam Sturm, ich weiche keinen Schritt weiter zurück. Ah, Du bist ohne Waffen, nur einen Steck und Deine starken Fäuste, hier, schau, einen Reoolvec, das Blei paßt für Dein Gehirn, verdammt, der Schuß in die Büchse, sucht nur die Kugel, er trägt die Schuld mit seiner gelenkigen Faust, — sucht, sage ich und jagt ste ihm in den Kopf. O, o, wie es brennt, die verdammten Dollars, rin Edelmann ist kein Dieb, — auch der Doktor jagt'»! — Bah, der Plunder war doch nichts werth, hätt's ihm lassen können. Pardon, das bereue ich, der ar e Kerl hat so viele Mühe damit gehabt, und war mir ein Freund."
Er schwieg jetzt erschöpft, den fi-berbrennenden Blick auf einen Punkt geheftet.
„Woher nahm Euer Verfolger den Dolch, womit er Euch verwundete?" fragte der Wärter, dm die Sache jetzt srlbst zu interesstren schien, nach einer geraumm Weile.
Der Kranke lachte leise.
„Still", flüsterte er, „er hatte ja gar keine Waffe, es ist mein Dolch, aber er läuft mit dem Sturm ; um die Wette, weil es sein Bruder ist. Dm langen । Weg über'» Meer ist dieser Tcuftl geflogen, weil , der Sturm ihm geholfen, — Adam Sturm, er ist ' da, packt ihn, — aber fest, daß rr Euch nicht wieder entschlüpft, ich ließ ihm feinen einzigen Dollar und er ist mir doch nachgeflogen. Hülse! er wü:gtmich, ich kann den Dolch nicht gebrauchen, fürchtet ihn doch


