Ausgabe 
4.10.1888
 
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Er ist, Gott sei gelobt, noch immer der offene, wahrheitsliebende Mensch, wie als Knabe", sprach ste leise,jede Lüge haffend, jeder Heuchelei abhold, konnte der arme Junge sich mit dm Begriffen der Gesellschaft nicht in Einklang setzen und mußte ihren erbarmungslosen Consequenzen zum Opfer fallen. Ja, Gott sei gelobt dafür, daß ich ihm auch jetzt in dieser unheilvollen Lage Glauben schenken, feiner Ehrenhaftigkeit vertrauen darf."

14.

Der verwundete John Walter war in einer Alle I des Krankenhauses allein gebettet worden. Man hatte ihm alle erdenkliche Sorgfalt zu Gute kommen lassen, um fein Leben zu retten, doch noch nicht ein­mal das Bewußtsein zurückrufen können.

Es war am Abend dieses vorhin geschilderten Tages, als der erste Arzt der Anstalt, ein im Dienst der Wissenschaft und der Menschheit ergrauter Medi- cinalrath, von einer Reise heimgekehrt, die Kranken­säle inspicirte und von dem Mordanfall in Kenntniß gesetzt, mit großem Jntereffe an das Bett des Ver­wundeten trat, um seinen Zustand einer eingehenden Untersuchung zu unterwerfen.

Hat man den Thäter gefaßt?" fragte er den ihn begleitenden Hülfsarzt.

Man hat ihn auf frischer That festgenommen, aber auf unverantwortliche Weife wieder entwischen lassen. Der Strolch soll wie in den Erdboden hinein verschwunden sein."

Na, das ist Sache der Polizei, beschauen wir uns lieber das Opfer; eine innere Verletzung, wie?"

Durch einen eckig geschliffenen Dolch, den man am Thatort gefunden", versetzte der Arzt,edlere Theil, scheinen verletzt, der Tod unabwendbar zu fein."

Der alte Herr betrachtete das starre Antlitz des offenbar dem Tode Verfallenen mit aufmerksamem Jntereffe, hob die geschloffenen Augenlider desselben und untersuchte alsdann mit kundiger Hand die Wunde. Als er die Sonde zurückzog, röchelte der bislang wie in einem Starrkrampf befindliche Mann plötzlich laut und schmerzlich.

Aha", lächelte der Medicinalrath befriedigt,wir scheinen noch leben zu wollen. Sehen Sie hier die abgebrochene Spitze der Waffe, welche seine Lebens­geister gefesselt hielt; nun werden wir dem Tode die Beute doch streitig machen."

Er untersuchte noch einmal die Wunde, welche sich in der linken Seite befand, und ließ dieselbe dann durch einen Heilgehülfen regelrecht wieder ver- binden, worauf er die sorgsamste Wache für die Nacht verordnete.

Als der Medicinalrath das Hospital verließ, be­trat der Detectiv Thorsen dasselbe, um sich mit einer Vollmacht seine« Vorgesetzten versehen, nach dem Zustande des unbekannten Verwundeten zu erkundigen.

Der Jnspeetor verwies ihn an den Arzt, welcher

von einer glücklichen Wendung sprach, die eine aller­dings äußerst zweifelhafte Besserung in Aussicht stellte.

Ist seine Besinnung zurückgekehrt?" fragte Thor­sen erfreut.

Nein, nur die starke Apathie ist gewichen, wir werden noch mit dem Wundfieder zu rechnen haben."

Dann aber kann er vernommen werden?"

Kein Gedanke noch daran", versetzte der Arzt mit Nachdruck,hier haben wir zu gebieten, mein liebet jpett l11

Der Detectiv verbeugte sich und ging. Er mußte seine ganze Willenskraft aufbietsn, um die kalte und klare Überlegung zu bewahren, da ihn der Gedanke, den Verbrecher zu kennen und nicht fassen zu können, das Blut sieden machte.

Wie durfte er es wagen, seine Urberzsugung auszusprechen und den jungen Freiherrn von Immen« darf, welcher zufällig zu dieser Zeit von seinen lang­jährigen Irrfahrten heimgekehrt war, eine? solchen Verbrechen» zu beschuldigen, ihn al» Mörder z« denunciren? Man würde ihn selber für wahnsinnig, ja, für dienstunfähig erklären!

Und doch war er feiner Sache gewiß, hätte den schwersten Eid darauf ablegen mögen und hielt die beiden Helfershelfer, den würdigen Major Tellkimp und seinen berühmten Neffen entweder für abgefeimte Schufte oder für betrogene Gimpel.

Langsam stieg er die bequeme Treppe, welche in's Erdgeschoß des Hospitals führte, hinab, al» ein Wärter an ihm vorüberschlüpfen wollte. Thorsen, welcher die Augen stets offen hielt, erkannte den Mann, einen alten Schulfreund und Spielkameraden aus der Knabenzeit.

Guten Abend, Lüttmann, wie geht'«?" hielt er ihn an,Du kennst mich wohl nicht mehr, alter Junge?"

Sapperment, Peter Thorsen!" rief der Wärter überrascht,man hält' Dich bald nicht wieder erkannt, mir geht'« soso, lala, schwerer Dienst, wenig Mo­neten. Aber entschuldige, hab' keine Minute Zeit übrig, muß meine Nachtwache antreten."

Schade, möchte gern noch mit Dir plaudern", meinte Thorsen,hast Du Saalwache?"

Steh', kennst Du das auch?"

Hab' hier früher mal ein Vierteljahr gelegen, kenne Aller."

Ach so, ich habe die Wache bei dem Menschen, der hier im kleinen Gehölz überfallen wurde. Hiel­ten ihn schon für abgeihan, aber der Alte, welcher verreist war und ihn erst vorhin unter die Finger bekam, hat den Lebensdocht wieder angezündet, ob er lange brennen wird, ist die Frage."

Oh, den möchr' ich mal sehen", meinte Thorsen, laß mich die Wache mit Dir theilen, Lüttmann, bin ohnehin schlaflos und möchte so gern mit Dir plaudern. Verstecke giebt's genug, wie ich aus Er­fahrung weiß, und vor Überrumpelung bist D», 5 wenn sonst nichts passirt, in der Nacht ganz sicher, das weiß ich auch."