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Einundvterzigstes Kapitel.
Blanche's Verzweiflung. j
Sir Arthur Tressilian und Jasper Lowder sahen i sich nicht wieder in jener Nacht, welche dem Baronet so tiefen Aufschluß über den wirklichen Charakter | des Betrügers gegeben hatte. Nach dir Unterredung ; im Parke kehrte Sir Arthur in das Schloß zurück « und begab sich erschöpft auf sein Zimmer. Eine s halbe Stunde später hört? er Lowder heraufkommen und sich auf seine Gemächer begeben.
Diese Nacht brachte keinen Schlaf in die Augen ; des Baronets. In tiefster Seele verwundet von dem - Manne, den er für seinen Sohn hielt — sein Stolz • und seine Hoffnung in seinem vermeinten Elben 8et# \ stört — seine eigene geheime, leidenschaftliche £U6e । jiit Blanche von dem Eindringling in roher Weise | verspottet — gemartert von Zweifeln und Brsürch- I jungen, die seine Brust durchwühlten — enthielten I diese langsam dahinschleichenden Nachtstunden für Sir i Arthur einen Jammer, der zu groß und tief war, um sich in Seufzern oder Thränen Lust zu machen.
Er saß in dem dunklen Zimmer und die blaffen j Mondessirahlen fielen durch das Fenster auf sein ge# ' fet kie« Haupt. Rund um ihn her war es finster, \ aber in seiner kummervollen Seele sah es noch vielj finsterer und schwärzer aus. s
,,Jch könnte fast glauben, daß diefer charakterlose i Menich gar nicht mein Sohn ist", dachte er mit Bit- j terkeit. „Ich habe Guy immer viel mehr geliebt, ; als mich selbst. Doch jetzt scheint mein Herz tobt : gegen ihn zu sein. Ich fühle nicht die warme väter» ; liche Liebe für ihn, keine Zärtlichkeit, kein Mitleid, - noch eine Entschuldigung für seine Jrrthümer. Es : ist, als ob er mir nichts wäre — als ob eine weite : Kluft zwischen uns läge. Was kann die Ursache davon sein?"
Aber trotz alledem dämmerte kein Funke der Wahrheit in Sir Arthur's bekümmertem Gemüthe auf. Und wäre in ihm selbst ein Argwohn bezüg# lich des ungeheuren Betruges, der an ihm verübt wurde, aufgestiegen, er hätte ihn als eine wrlde Chi# märe zurückgewiefen. , , .
Er faß noch immer einsam und traurig wachend da, nachdem der graue Decembertag längst heraufge# zogen war. Aber als der Morgen vorrückte, rüttelte ihn der Gedanke an die Nothwendigkeit, vor den Hausleuten das Ansehen aufrecht zu erhalten, aus seiner Versunkenheit auf und er stand von feinem Stuhle auf, um Toilette zu machen.
Er war der Erste in dem Frühstückssaal, zwar ernst, traurig und kummervoll, aber dennoch freund# lich blickend, als Blanche in ihrem hübschen Morgenkleide eintrat. Er wollte sie durch seinen Kummer nicht betrüben.
Sie kam auf ihn zu und reichte ihm ihre Hand. Das Bewußtsein, daß sie das Geheimniß von Low- der's Schuld mit einander theilten, gab ihrem Wesen eine gewisse, vorübergehende Schüchternheit.
, Ihr seht nicht wohl aus, Sir Arthur", sagt sie mit deutlich bemerkbarer Angst.
„Es ist nichts, Blanche", sagte er, seine Hand sanft auf ihre üppigen blonden Locken legend, sie aber rasch wieder zurückziehend, als ob ihm solche Liebkosungen fortan verboten wären. „Ich habe nicht gut geschlafen I"
Die Beiden warm allein, denn Purmton war mit dem Frühstück noch nicht erschienen. Blanche legte ihre Hand leicht auf den Arm des Baronets und zog ihn nach der Glarthürs zu.
„Ich fürchte, ich habe Unrecht gethan, Euch diefts Geheimniß mitzutheilen", murmelte sie. „O, Skr Arthur, ich habe fett gestern so viel gelitten!"
„Sir Arthur!" wiederholte der Baronet, mit einem bittern Weh im Herzen und mildem Vorwurf im Tone, als er in das schöne, liebliche Gesicht hinabschaute, dessen große, unschuldsvolle Augen zu ihm ewporgewandt waren. „Du wirst förmlich, Blanche. Ich bemerke, daß Du mich nicht mehr bei dem trau# lichen Namen „Onkelchen" nennst. Was hat Dich ■ nur so sehr verändert?"
i Die Hand des Mädchen« fiel von seinem Arm * herab. Das holde junge Gesicht wurde rasch abge# i wendet und Sir Arthur konnte die glühende Röthe - nicht sehen, von der es plötzlich überfluthet wurde, i Er bemerkte auch nicht die Blässe, die dieser rosigen i Gluth folgte.
Er schwieg einen Augenblick lang, in der Furcht, ; sie beleidigt zu haben. Dann sagte er sanft: f „Verzeih'mir, Blanche. Nenne mich, wie Du j willst, und bedenke nur, daß ich über Alles würffche, = an Dir zu handeln wie ein liebevoller Vater. Was - diese unglückselige Angelegenheit Guy'« betrifft, so i hattest Du Recht, sie mir mitzuthellen. Ich hatte ; gestern Abend eine lange Unterredung mit Guy, nach- \ dem Du Dich zurügezogen hattest. Ec weiß nicht, j daß Du seine Schuld kennst. Er nahm das Geld, 1 um eine in Neapel gemachte Spielschuld zu bezahlen." „Eine Spielschuld", murmelte da» Mädchen zit- ] ternd. „Er — er spielt?"
Ehe Sir Arthur antworten konnte, ging die Thüre auf und Jasper Lowder trat in das Zimmer ein. Es lag kein Schatten von Schlaflosigkeit auf feinem Gesichte; kein Schatten von Kummer in seinen Augen. Ec betrachtete die geringfügige Angelegen# heit des Diebstahls als vollkommen abgethan und war bereit, Sir Arthur's Aerger und Unwillen gänz# lich zu übersehen, wenn der Baronet nur nicht auf den Aufschub seiner Hochzeit bestände. Er war ent# schloffen, die Angelegenheit mit kecker, fester Hand durchzuführen und sich der Rechte zu versichern, die er dem Erben von TressiliaN'Hof entriffen hatte.
Er schaute die beiden vor der Glarthüre stehen# den Gestalten abwechselnd an, seine Stirne furchte sich und ein argwöhnischer Blick trat in seine Augen.
„Hat er ihr von dem Diebstahl gesagt?" fragte , sich Lowder. „Hat er ihr mitgetheilt, daß ich der mitternächtliche Räuber bin? Er wird es wohl


