Hichener Amikienblätler.
Belletristisches Beiblattzum Gießener Anzeiger.
Nr. 91. Samstag bm 4. August. 1888.
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Der Kröe des Kaufes.
Roman von Hermine Frankenstein.
(Fortsetzung.)
„Ich kann ihn verzeihen, Guy; 16er ich kann ihn nicht vergessen Deinen Jrrlhum", entgegnete Sir Arthur in schmerzlichem Tone. „Ich bin schrecklich enttäuscht von Dir. Ich fürchte, daß mein Vertrauen in Dich nie wieder hergestellt werden kann!"
„Willst Du mich wegen eines einzigen Fehlers ganz verstoßen? Ich bin nicht so schlecht, als Du glaubst. Ich belog nnd bestahl Dich gleichsam zur Selbstorrtheidigung. Ich wagte es nicht, Dir zu sagen, daß ich dringend so viel Geld benöthigte. Du solltest mir doch Zrit zur Besserung gönnen. Du kannst die Thatsache, daß ich Dein Sohn bin, nicht ui stoßen!1
„Ich wollte, ich könnte er! Ich wollte, Du wärst in Deiner unschuldigen Kindheit gestorben. Die Thatsache, daß es mein eigener Sohn ist, btt mich so schändlich betrogen und hintergangen hat, macht den Betrug nur noch unerträglich ec. Dennoch kann ich über den Richter den Vater nicht vergossen. Wie tief Du auch wein Herz verwundet hast, so will ich Dir doch Zeil zur Besserung lassen. Und Guy", fügte Sir Arthur hinzu, „Du wirst doch natürlich einsrhen, daß Deire Hochzeit mit Blanche verschoben werden muß. Ich muß Deinen Charakter besser verstehen gelernt haben, ehe ich meine unschuldige, junge Mündel in Deine Obhut gebe."
Hätte sich plötzlich ein Abgrund vor Lowder geöffnet, er hätte nicht erschrockener sein können.
„Das ist nicht schön von Dir, Vater!", rief er angsterfüllt „Der Hochzeitstag ist bestimmt gewesen und die Dienerschaft und Dorfbewohner haben bereits zu sprechen angefargen. Du bist ungerecht gegen mich. Du willst mir nicht die Hand zur Besserung reichen. Wenn meine Hrirath mit Blanche hinausgeschoben wird, dann muß ich verzweifeln. Ich brauche ihren liebenden Einfluß, ihre zärtliche Führung. Wenn Du mir dieselbe raubst, dann thust Du mir grausam wehe!"
Sir Arthur schien von dieser Erklärung nicht sehr bewegt. Die strengen Linien um seinen Mund blieben sest, ebenso die tiefe Trauer in seinen Augen.
„Wenn ich Deine Heirath mit Blanch: jetzt gestatten würde, würde ich an ihr ein noch viel grausameres Unrecht begehen", bemerkte er. „Sie ist eine Waise und von ihrem sterbenden Bater meiner Vormundschaft anvertraut. Ich bestehe darauf, daß
die Hochzeit auf ein Jahr hinausgeschoben wird, denn nach Ablauf desselben werde ich erst im Stande sein, zu beurteilen, ob Du würdig bist, ihr Gatte |u werden."
I Lowder's Gesicht wurde plötzlich roth vor Zorn. ! Sein Aerger beraubte ihn seiner gewöhnlichen Klugheit.
„Du willst die Hochzeit verschieben, damit Du selbst eine Hoffnung hast", schrie er höhnisch. „Aber so wie Du Dich zw'.sche r mich und Blanche stellst, so gewiß will ich ihr D^in Geheimniß verrathen. Was meinst Du wohl, was Blanche sagen wird, wenn sie hört, daß ihr Vormund, der Mann, den sie wie ihren Vater betrachtet — sie liebt? Ah! Du hast nicht gedacht, daß ich in Deinem Herzen gelesen habe! Du hast nicht gewußt, daß ich Deine geheime Anbetung sür Deine junge Mündel entdeckt habe! Du kannst beurteilen, ob Blanche noch länger unter Drittem Dache wird bleiben wollen, nachdem ich ihr einmal meine Entdeckung mitgeteilt habe."
Sir Arthur schaute ihn wie versteinert an. Eine fieberhafte Röths brannte auf seinen Wangen.
„Und dieser Mann ist mein Sohn!" mu- melte er.
„Drin Sohn und Drin Freund", entgegnete Low- bec mit erheuchelt! r Reue über seine übereilten Worte. „Gieb mir eine Aussicht, Vad r; laß meine Heirath vollzogen werden und ich will Dein Geheimniß achten. Ja, noch mehr — ich will es vergessen! — Laß Blanche entscheiden, ob die Hochzeit verschoben werden soll oder nicht. Sie sollte doch gewiß eine Stimme in dieser Angelegenheit haben."
Sir Arthur erinnerte sich, daß Blanche ihn mit der Schuld seine» vermeintlichen Sohne» bekannt ge- mccht habe. Er glaubte, daß sie aufgehört habe, Lowder zu achten und in den Aufschub der Hochzeit willigen werde. Ec glar bte, daß sie entscheiden werde, wie er e» sür sie hatte thun wollen, und daß sein Geheimniß vor gemeinem Verrath geschützt bleiben werde. Deshalb willigte ?r in Lowder's Vorschlag. — s „Wir wollen dis Sache Blanche überlass n", ■ sagte er. „Sie soll thun, wie sie w'.ll," ! Damit wandte er feinem Sohne plötzlich len i Rücken und ging langsam durch den Park dem | Schlosse zu. Eine grenzenlose Verzweiflung lag in ; seinen Zügen ausgeprägt und er murmelte w eder ‘ mit schmirzvoller Stimme:
i „Und dieser Mensch ist mein Sohn! Womit habe ich eine so furchtbare Strafe verdient? Was kann meinen einst so edlen Knaben in diesen verrätheri- schen, falschen Mann verwandelt haben? Meine Last ist größer, als ich sie tragen kann."


