Sinter Ihrer Leitung geistig in wunderbarer Weise , entwickelt, Sie haben es erreicht, daß sie ihrs krank- i haste Schüchternheit fast gänzlich überwunden, sie | hat Interesse für alles Schöne und Edle bekommen, in der Musik überraschende Fortschritte gemacht und i sich in vielen anderen Dingen vervollkommnet, g Könnten Sie Ihr Werk halb vollendet verlassen? Eine Erziehung unterbrechen, die, wenn sie in dem | gefährlichsten Alter einer Heranwachsenden Jungsrau, \ plötzlich anderen Händen anvertraut wird, durch eine neue Methode, denn jeder Lehrer hat sein besonderes System, in andere Bahnen gelenkt wird, wodurch Vieles wieder umgestoßen we den kann, was soeben schön erbaut war? Zum Mindesten kann doch in einem so jugendlichen Charakter eins schädliche Verwirrung hervorgerufen werden! Sie dürfen es nicht, weil Sie Frieda lieben!"
Wolter hielt einen Augenblick inne, Alexandra's Gesicht war bleich geworden, sie blickte schweigend vor sich nieder und mechanisch zerpflückte sie mit ihren kleinen Fingern von den Blumen, die aus ihrem Schooße lagen und als Andenken mitgenommen werden sollten, eine nach der andern.
„Gnädige Frau", fuhr der Geheimraih mit erhobener Stimme fort, „ich weiß, daß Sie mich nicht lieben können, ich wiederhole es, ich fordere von Ihnen keine Liebe, wie Sie von mir keine fordern werden. Nichts desto weniger frage ich Sie, wollen wir eine Freundschastsehe schließen? Sie werden Frieda'« Mutter, Sie tragen meinen Namen, im Uebrigen bleibt Alles, wie es bisher gewesen ist, nur mit dem Unterschiede, daß Sie dis unbestrittene Herrin dieses Hauses werden, daß Sie alle Rechte einer Gattin erhalten, und diese Rechte werden Ihnen in keiner Weise geschmälert werden. Sie haben einmal gesagt, daß wenn Sie reich wären» es Ihnen ein großes Vergnügen bereiten würde, ein Haus zu machen, daß Sie es verstehen würden, glänzende Feste zu arrangiren, daß Sie Ihre Salons Haupt- sächlich mit den Rit'ern des Geistes, den Gelehrten und Künstlern bevölkern würden, um ihnen eine Stätte zu bieten, wo sie sich gegenseitig anregen könnten, und daß es Ihnen Freude machen würde, als Schützerin jungen aufstrebenden Talenten die Wege zu bahnen, ihnen zu helfen, wo es in Ihrer Macht stände, damit sie zu der oft fo schwer zu er» reichenden Anerkennung gelangten! —
Ein Wort von Ihnen, gnädige Frau, und vir Wünsche werden sich erfüllen, ich bin gottlob vermögend genug, daß Sie sich keine Beschränkung aufzuerlegen brauchen, Sie können auf Ihren 'Festen allen Glanz und Luxus entfalten, wie es Ihnen Ihr Geschmack eingiebt, und ich bin eitel genug, mich darüber zu freuen, wenn ich sehen werde, daß Sie mein Haus zu einem gesuchten gemacht, und daß man der Seele des Ganzen, der schönen und geistreichen Frau Geheimrath Wolter die wohlverdiente Huldigung und Verehrung darbringt. Es ist dies All-r freilich nur ein schwacher Ersatz für die Liebe, die bei unserer Ehe ausgeschlossen wäre, aber giebt
, es nicht unzählige Ehen, wo sie ebenfalls gänzlich ; fehlt, wo nicht einmal eine wahre Freundschaft zwei l Seelen mit einander verknüpft? Die Freundschaft « jedoch, die Schwester der Liebe, soll Ihnen in reichem l Maße zu Theil werden, und die unbegrenzte Liebe l meines Kindes, Ihres Kindes, dürfte doch auch einen ? kleinen Ersatz bieten für das, was die Götter Ihnen | versagen müssen I Und nun, Frau Majorin, frage ich \ Sir, was haben Sie mir darauf zu erwidern?"
Alexandra hatte die Augen noch nicht wieder erhoben, auch jetzt blickte sie starr vor sich hin, ohne zu antworten. Die Blumen waren van ihrem Schooße heruntergefallen und lagen zerstreut auf dem Boden. Da« Gesicht war noch bleicher geworben, keine Muskel regte sich, wie leblos schien der ganze Körper. Wolter blickte aus sie nieder mit angehaltenem Ath-m, auf die Lippen, von denen er jetzt die Entscheidung vernehmen sollte, a er die Lippen blieben stumm. Endlich, als das fortgesetzte Schweigen ihn ar,fing zu beängstigen, sagte er mit klopfendem Herzen u»d mit hörbar zitternder Stimme:
„Zürnen Sie mir wegen meiner Dreistigkeit, daß ich so zu Ihnen gesprochen?'
Alexandra zuckte zusammen, als wenn sie plötz» lich aus einem Traum geweckt würde, sie schlug die Augen auf und in einem Tone, als wenn sie noch nicht zum klaren Bewußtsein gekommen, sagte sie:
„Wie meinen Sie?"
„Ich fragte Sie, ob Sie mir zürnen, daß ich es wagte, einen solchen Antrag Ihnen zu machen?"
Sie richtete sich auf und erwiderte jetzt mit fester Stimme:
„Wie könnte ich zürnen, wenn mit so viel Güte und Wohlwollen nahe tritt? Aber ich glaube, Herr Gcheimrath, daß Sie sich nicht klar gemacht Haden, was Sie von mir und dem Schicksal fordern, und daß Sie Möglichkeiten von schwerwiegender Bedeutung : übersehen. Ich muß Ihnen über mich selbst einige
> Worte sagen: Mein Vater war, wie Sie wissen,
i der Oberpräsident Wallenburg, der in einer Stadt,
- wo viel Adel und viel Militär war, sich gezwungen
> sah, seiner Stellung gemäß ein großes Haus zu , machen. Ich war fein einziges Kind. Als meine > beiden Eltern, erst meine Mutter und darauf mein : Vater, innerhalb kurzer Zeit gestorben waren, stellte > es sich heraus, daß ich nichts hatte, wovon ich hätte leben können. Mir hatte sich mehrfach dis Gelegen- : heil geboten, mich, was Stellung und Rcichthum - betraf, glänzend zu vermählen, aber ich hatte jedes« - mal mein Herz gefragt und dies hatte stets mit Nein r darauf geantwortet Auch der Major Scharfenberg, t ein Mann allerdings von tadellosen Manieren und f feer reich, aber damals schon über die Vierzig hin» e aus, hatte mir einen Heirathr antrag gemacht, den 3 ich zurückwies, weil ich ihn nicht lieben konnte. Ein « halbes Jahr nach dem Tose meiner Eltern hielt er e zum zweiten Mal um meins Hand ay. Er hatte 8 $ sich von meiner hülflosen Lage diesmal einen !, | günst geren Erfolg versprochen und er hatte recht t! gerechnet. Ich war beinahe zweiundzwanzig Jahre


