Hießmer Jamilienblätler.
Belletristisches Beiblattzum Gießener Anzeiger.
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Ux. 15, Samstag dm 4. Februar. 1888.
Ate verlorene Wiöel.
Original-Roman in 3 Bänden von Dr. Carl Hartm!ann-Pl»n.
(Fortsetzung).
Sie hielt einen Augenblick inne, dann fuhr sie fort:
,£) glauben Sie es mir, Herr Geheimrath, auch ich scheide mit schwerem Herzen; länger als ein Jahr weile ich in diesem Hanke, Alles ist mir lieb und werth geworden, der schöne Garten, der Park, die romantische Schlangenburg, wo wir meistens unsere Sonntage verlebten, und vor allen Dingen unser Kind, unsere liebliche, herzensreine Frieda. Auch sie wird dre Trennung schwer empfinden, aber es muß ertragen werden, denn was erträgt bet Mensch nicht ? Es wird sich eine Andere finden, die alle Bedingungen erfüllt, die Frieda wieder wird lieben lernen wie meine Tante und mich! Sie sollen nur ernstlich suchen, Herr Geheimrach — und nun will ich Ihnen einen Vorschlag machen, geben Sie mir Frieda so lange mit nach Berlin, bis Sie eins Dame gefunden, von der Sie überzeugt sind, daß sie Ihnen eine angenehme Häuslichkeit bereiten und Frieda's unter- brochene Erziehung mit gutem Erfolg weitrrführen kann."
Wolter erhob sich von seinem Sitz, er ging mehrere Mals in dem kleinen Raume auf und ab, fein Athem war beschleunigt, seine Brust wogte auf und ab, denn in seinem Innern war er zu einem Entschluß gekommen, den er zaghaft sich sträubte, in Worte zu kleiden.
„Wenn sie wüßte", flüsterten unhörbar seine Lippen, „wie sehr ich sie liebe, aber sie würde erschrecken, und nur um so sicherer fliehen, wenn ich es ihr sagte; daher muß ich, so schwer mir die Lüge wird, da» Grgeptheil behaupten und muß andere Gründe ansühren und mich zusammennehmen, daß ich mein Herz nicht verrathe. Ich kann ihre Nähe nicht mehr entbehren, und wenn ich auch in dem Lechzen nach Gegenliebe mich verzehren muß, weit lieber will ich diese Qual erdulden, al» sie nicht mehr sehen, ihre klare Stimme nicht mehr hören, von den befruchtenden Strahlen ihres Geistes nicht mehr erwärmt und anaeregt werden."
„Nun?" sagte Alexandra, „Sie überlegen sehr lange, können Sie es nicht über sich gewinnen, für einige Wochen sich von Frieda zu trennen?"
,.O gewiß, das würde mir nicht all,u schwer fallen, was ist denn'eine Trennung mi! der Aurficht
auf baldige Wiederkehr? Nein, gnädige Frau, daran dachte ich nicht, wohl aber beschäftigten sich meins Gedanken damit, einen anderen Ausweg zu finden. E<- giebt einen solchen, und wenn ich Ihnen denselben nenne, so bitte ich mir zu verleihen und mir glauben zu wollen, daß ich nur meines Kindes wegen mich unterfange, eine Frage an Sie zu richten."
Alexandra sah ihn gespannt an, Wolter ließ sich auf dem Lehnstuhl wieder nieder, und so sehr er auch innerlich erregt war, äußerlich hatte er seine Ruhe wiedergewonnen und mit fester Stimme fuhr er fort:
„Wäre ich jünger, hätten dir Blattern nicht mein ursprünglich wohlgebildet-s Gesicht zerrissen und häßlich verunstaltet, wäre nicht mein Herz in den langen Jahren meines mich fast ausschließlich in Anspruch nehmenden geschäftlichen Lebens — ich finde keinen anderen Ausdruck — halbwegs verknöchert, so glaube ich bestimmt, daß ich mich in eine so schöne Frau, wie Sie es sind, sterblich verliebt haben würde. Aber die Jugend, in der der Mensch glühend und leidenschaftlich zu lieben vermag, liegt weit hinter mir. In meinem jetzigen Alter bin ich nicht mehr im Stande, eine solche Liede zu empfinden, noch fordere ich sie. Was aber außer der Siebe zu meiner | Tochter — und diese Liebe ist ja eine ganz andere — in meinem Herzen noch in reicher Fülle quillt, da-, ist da» Gefühl einer echten und wahrm Freundschaft. Und meine Frage an Sie lautet: „Wollen I Sie mir die Hand reichen zu einem Freundschaftsbunde für'» Leben?"
Alexandra machte eine Bewegung, als wenn sie etwas erwidern wollte, doch Wolter fuhr rasch fort:
„Verstehen Sie mich recht, gnädige Frau. Wenn ich soeben sagte, daß ich nur Frieda's wegen diese Frage an Sie richten wollte, so ist das nicht ganz conect, daneben besteht immerhin ein wenig Egoismus. Sie haben mich ein Leben kmnen gelehrt, wie ich es i früher nie genossen habe. Den ganzen Tag freute $ ich mich auf den Abend, auf die anregende Conorr« ; sation mit Ihnen. Ich habe mich auch früher für i die Kurst begeistern können, ober in das eigentliche Wesen derselben haben Sie mich erst eingekührt. Durch Sie bin ich erst zum tieferen Verständniß gelaugt. Ich sehe jetzt die Malerei, die Skulptur mit ganz anderen Augen an und höre die Musik mit ganz anderen Ohren. Auch für die Literatur habe ich ein weit regeres Interesse bekommen. Dir» Alle» v rdar.ke ich Ihnen und der Wunsch, es auch ferner zu genießen, — das ist dabei mein Egoismus. Und was oechankt F.ieda Jtzncn ncht! Sie hat sich


