863
Sir Arthur wandte seine strengen und schrecklichen Augen auf den Italiener mit demselben finstern Ausdrucke.
„Für welchen Dienst habt Ihr diese Summe als Bezahlung erhalten?" fragte er Palestro.
Palestro's Gesicht wurde grüngelb, er zitterte buchstäblich vor Angst. Er glaubte, daß dieser ehr- furchtgebietende Mann ihn auf der Stelle als einen Mitschuldigen Lowder's ergreifen und verurtheilen werde. Keuchend, nach Athem ringend, schaute er Lowder hilflos an.
Dieser Blick erinnerte den Eindringling, daß seine erschlichene Stellung, sein Reichthum, seine Titel, ja sogar seine Braut, daß Alle» auf dem Spiele stand. Er bekämpfte seine Aufregung so gut es ging und erlangte einigermaßen seine Selbstbeherrschung wieder.
Er trat einige Schritte auf Sir Arthur zu und blieb dann vor dem Baronet stehrn mit tief auf die Brust gesenktem Haupte und der Miene eines überführten Verbrechers.
„Vater", sagte er mit leiser, halberstickter Stimme, „ich anerkenne meine Schuld. Ich stahl das Geld aus Deiner Kasse! Ich weiß nicht, welches ungünstige Geschick Dir mein Geheimniß verrathen hat, aber ich gestehe mein Verbrechen."
„Warum hast Du mich beraubt?"
„Weil — weil ich diesem Italiener genau die- selbe Summe schuldig war, die sich in Deiner Kaffe befand."
„Wofür warst Du ihm sie schuldig?"
Lowder's Kopf senkte sich noch tiefer herab.
„Es war eine — eine Spielschuld", flüsterte er.
Str Arthur machte eine Geberde des Abscheues. Wieder wandte er seinen Blick zu Palestro.
Der Italiener, welcher, wie wir wissen, der eng- lischen Sprache mächtig war, verstand Lowder's An- gaben und beeilte sich, dieselben zu bestätigen.
„Es ist wahr, Mylord", rief er eifrigst aus. „Der junge Mann war es mir für eine Spielschuld von Neapel au» schuldig. Er fürchtete, daß Mylord, sein Vater, davon hören werde. Ich mahnte ihn dringend um da» Geld, denn ich habe eine Frau zu erhalten. Ich bin ein armer Mann, Sir Tresoliro', fügte er weinerlich hinzu. „Zweitausend Pfund sind eint zu große Summe für mich, um sie verlieren zu können. Junge Stute bleiben junge Leute —"
Sir Arthur winkte ihm befehlend mit der Hand, zu schweigen, und seine Blicke wandten sich wieder zu Lowder.
Im selben Augenblick machte der Eindringling eine rasche, bedeutsame Bewegung mit der linken Hand, die an seiner Seite hcrabhirg. Der Baronet bemerkte die Geberde nicht, aber der Italiener sah und verstand sie sofort.
Mit einer raschen, schlangenartigen Bewegung benutzte er Sir Arthur'» abgewandten Mick, zog sich, mit seinem Beutel in der Hand, in den Schatten zurück und eilte fort, um sich selbst und sein schlecht erworbene» Geld in Sicherheit zu bringen.
Der Baronet bemerkte fast augenblicklich seine
Flucht, aber er machte keinen Versuch, ihn zurückzu- halten oder zu mrfolgen. Seine Seele war von einem größeren Kummer bedrückt, al» von dem Verlust seine» Geldes. Dir Laterne, welche zwischen Sir Arthur und Lowder auf dem Boden stand, brannte hell. Der Betrüger stand noch immer mst gesenktem Kopfe da, während ihn der Baronet unverwandt strenge betrachtete.
Endlich brach Sir Arthur da» schreckliche Stillschweigen.
„Ein Lügner - ein Dieb — ein Spieler", sagte er in leisem, unendlich traurigem Tone. „Und da» ist mein Sohn! Da» ist der Erbe und letzte Reprä- f en tont de» ehrenhaften Stammes der Tresstlian's! Das ist der reine, rechtschaffene, wahrheitsliebende, offenherzige Junge, den ich vor einigen Jahren fort- schickte! Da» ist der Sohn, den ich weit mehr geliebt habe, al» mich selbst!"
Lowder zitterte vor dem gewaltigen Pathos dieser Stimme und dieser Worte. Er begann einzusehen, welche Enttäuschung er diesem hochstnnigen und groß- herzigen Baronet bereite. Er halte seine wirkliche Natur versteckt und, seit er nach Tresstlian-Hos ge- kommen war, eine Rolle gespielt, aber ein so geschickter Schauspieler er auch war, konnte er seine wirkliche Natur nicht immer verbergen, noch die Umstände immer seinem rücksichtslosen Willen fügen. Und fitzt begann Sir Arthur seinen wirklichen Charakter zu erkennen.
„Was soll ich sagen?" sagte der Eindringling in demüthigem Tone. „Ich wurde in Versuchung ge- führt und erlag derselben, wie die meisten jungen Leute unter gleichen Umständen. Ich spielte in Neapel mit diesem Menschen. Ach, er 'st en flohen! Ec log, um meine Thorheit und meine Schuld zu verbergen. Aber ich schwöre Dir'», daß ich nur diese» eine Mal gespielt habe. Was das Geld anbelangt, das ich Dir gestohlen habe, so kannst Du'» auf diese Weise für mich hingehen laffen, anstatt mit dem An- kauf einer Farm. Ich mußte doch natürlich eine Ehrenschuld bezahlen —"
„Eine Ehrenschuld?" rief Sir Arthur höhnisch aus. „Du sprichst von Ehre? Und dieser Mann, ein Schänkenbesttzer, ein gewesener Diener, vielleicht ein unwissender, niedriger Mensch — ist Dein Freund und Gläubiger? Eine schöne Ehrenschuld, welche aus dem Erlöse eine» Diebstahls bezahlt wird."
„Ich — habe er nicht als einen Diebstahl betrachtet", murmelte Lowder. „Das Geld war zum Ankauf eint» Hochzeitsgeschenke» für mich bestimmt. Ueberdie» hätte es eines Tage» mit den Tressilian- Gütern jedenfalls mir gehört."
„Das ist wahrhaft schade! Ich bedaure meine Bauern, daß ihnen ein solcher Gutrhe.r bevorsteht — ich bedaure auch meine Diener. Läge es in meiner Macht, ich würde Dich von der Erbfolge aus- schließen und die Güter einem Fremden vermachen."
„Ich bin nicht schlechter al» viele andere junge Leute", sagte Lowder mürrisch. „Ich bereue meine Jrrthümer und will e» versuchen, sie wieder gut zu


