Ausgabe 
2.8.1888
 
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Euch gesagt habe, würde Euch Niemand Glauben scher ten. Ihr se d gestern in dem Paike gesehen worden. Sir Arthur sprach von Euch als von einem unheimlich aussehenden Fremden. Wenn man findet, daß Ihr noch länger hier in der Nachbarschaft hrr- umlungert, kann der Verdacht, daß Ihr der Dieb seid, sehr leicht entstehen. Wenn man das Geld in Eurem Besitze fände, wäret Ihr dann des Diebstahls überwiesen und man vcrurthrilte Euch zu zwanzig­jähriger oder gar lebenslänglicher Zwangsarbeit. Ich gebe Euch daher mit dem Gelbe zugleich eine War­nung : reist noch in dieser Stunde nach Glocester ob. Verlaßt so rasch als möglich England, dann seid Ihr in Sicherheit. Zögert und Ihr seid verloren." Palestro's Zähne zitterten vor Angst und Entsetzen. Lowder'». Zweck, indem er ihm die Wahrheit be­züglich des Diebstahls mittheilte, war, ihn zu zwingen, England unverzüglich zu verlassen. Er wollte es Palestro klar machen, daß er sich den Strick um den Hals lege, wenn er es wagte, sich Sir Arthur unter irgend einem Vorwande zu nähern. Er wollte sich gegen jede Möglichkeit eines Verrathes von Palestro's Seite schützen und hatte seinen Zweck auch erreicht. Der Italiener würde es jetzt selbst für zweimal zwei­tausend Pfund nicht gewagt hoben, die Aufmerksam­keit des Baronets auf sich zu ziehen, als er erkannte, welche Grube ihm Lowder gegraben hatte.

Ja, ja, Mylord", sagte er zitternd.Ich will thun, was Ihr verlangt. Ich will sogleich abreisen. Ah, was könnte geschahen, wenn man mich hier fände? Warum bin ich den ganzen Tag im Gasthofe in dem Dorf geblieben? Warum bin ich in der ver­gangenen Nacht nicht nach Glocester zurückgegangen? Ich bin in einer Schlinge! Hölle und tausend Teufel! Was würde Giuditta dazu sagen? Gebt mir das Geld, Mylord Str Tresolino, und laßt mich fort!"

Ein Wort, Palestro; reist augenblicklich noch in dieser Nacht ab und ich will Euch Eure Sicherheit verbürgen. Zögert und Ihr seid verlorm. Schreibt mir von Neapel aus. Gebt mir jede Woche Nach­richt und Ihr werdet mich meinem Worte treu finden. Der Tag, welcher mich als Sir Guy Tresstlian steht, soll Euch eine zweite Summe von zweitausend Pfund einbringen."

Tausend Dank, Signore. Ich will Euch treu sein wie Gold. Ich schwöre es bei der Mutter Gottes und allen Heiligen, daß ich Euch nie verra- then werde. Ich schwöre es bei dem Kreuzeszeichen, daß ich Euch treu sein will."

Und Palestro schlug ein Kreuz in der Luft. Er hatte nun einen Schwur gethan, der für ihn bindend war. Schlecht, verräthertsch und gewissenlos, wie er auch war, hatte er dennoch eine unbestimmte Ehr­furcht vor der Religion, die ihm seine Mutter in seiner unschuldsvollen Kindheit gelehrt hatte, und er würde es auch nicht gewagt haben, seinen Eid zu brechen.

Das ist gut, erklärte Lowder.Und jetzt zu dem Gelbe. Folgt mir."

Er ging voraus den Parkweg entlang durch die

dunkeln, nächtlichen Schatten. Der Mond, welcher noch nicht ganz voll war, hatte sich den ganzen Abend zwischen schweren grauen Wolken verborgen; aber jetzt irrten einige matte Strahlen durch die Baum­zweigs und spielten auf den Gestalten Palestro's und Lowdrr's und beleuchteten schwach den Weg, den sie gingen. Sir Arthur Tresstlian hielt sich im Schatten der Bäume und folgte den Beiden leise und verstohlen.

Lowder ging voraus bis zu der Stelle, wo der hohle Baum stand, in dessen Vertiefung er das Geld verborgen hatte. An dieser Stelle machten die beiden Männer und ihr Verfolger Halt. Lowder griff mit seiner Hand in die Vertiefung des hohlen Baum­stammes und zog den Beutel mit dem Golde heraus.

Hier ist es!" sagte er und ließ es schwerfällig zu Boden fallen. Nehmt'S und macht, daß Ihr fortkomm!!"

Einen Augenblick, Signore", antwortete Pa­lestro, dessen Habgier für den Augenblick die Furcht überwog.Ich will es nur anschauen!" Und nach- dem er sich mit gtmgeu Blicken an dem goldenen Haufen geweidet hatte, fügte er hinzu:Es ist Alles in Ordnung; ich danke Euch, Signore! Ihr sollt jede Woche Nachrichten haben. Ich weiß, wo meine Interessen liegen und ich werde meinen Schwur halten."

Er band das Geld wieder zusammen und steckte den schweren Sack in seine Reisetasche.

Lebt wohl, Signore", sagte er,und viel Glück!" Er wandte sich um, um zu gehen. Das Gespräch war in italienischer Sprache geführt worden und Sir Arthur verstand es den Worten nach; den verbm- genen Sinn des Auftrittes konnte er indeß nicht ergründen, aber er war entschlossen, ihn heraus­zufinden.

Der Baronet trat daher plötzlich vorwärts und schaute strenge von dem Einen der beiden Verschwö­rer zum Anderen.

Das war ein schrecklicher Augenblick für Jasper Lowder ein furchtbarer Moment für den ränke­süchtigen Exschreiber.

Mit einem wilden Schrei des Erstaunens und Ersetzens trat Lowder einige Schritte zurück. Pa­lestro ließ seine Lampe fallen, packte seinen Beutel und starrte angstvoll in das dunkle Gebüsch rings umher.

Du hier!" keuchte Lowder in heiserem Tone. Du hier!"

Der Baronet schaute seinen vermeintlichen Sohn mit finsterer und anklagender Strenge an.

, Ja, Guy", antwortete er,ich bin hier! Ich habe Alles gehört, was zwischen Dir und Deinem Mitschuldigen gesprochen wurde. Ich weiß, daß Du der mitternächtliche Dieb warst, der meine Kaffe ge- plündert hat. Und jetzt sage mir was soll das heißen?"

Lowder konnte nicht antworten. Die Zunge klebte ihm an dem Gaumen. Er stand wie versteinert da, einer Statue des Entsetzens gleich.